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American Airlines bietet All-you-can-fly-Tickets

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Die Übervielflieger von American Airlines

10.08.2012, 09:52 Uhr | Financial Times Deutschland, Financial Times Deutschland

American Airlines legte sich mit seiner Flug-Flatrate ein teures Ei (Quelle: dapd)

American Airlines legte sich mit seiner Flug-Flatrate ein teures Ei (Quelle: dapd)

Vor 30 Jahren hatte American Airlines eine wahnwitzige Idee: Dauerflugtickets auf Lebenszeit, First Class, für 250.000 Dollar pro Stück. Mit den wirtschaftlichen Folgen dieses Schachzugs kämpft die Fluggesellschaft bis heute.

Man muss sich die frühere Lebensart des Jacques Vroom als recht flatterhaft vorstellen. Fragte ihn seine Frau, was er zu Abend essen wolle, kam es vor, dass der Texaner antwortete: "Lass uns doch schauen, was American Airlines heute auf der Strecke nach Tulsa serviert."

All-you-can-fly-Tickets von American Airlines

Der Mann mit dem ebenso schönen wie passenden Namen war einer von 66 Besitzern eines "AAirpass" - eines All-you-can-fly-Tickets von American Airlines. Vroom konnte damit fliegen, wohin er wollte, so oft er wollte, wann er wollte und mit wem er wollte. First Class. Mindestens viermal die Woche stieg der heute 67-Jährige in ein Flugzeug. Er flog aus geschäftlichen Gründen, aus privaten und manchmal auch ganz ohne Grund, einfach nur, weil er gerne flog, im Flieger gut arbeiten konnte und die Lachshäppchen dort mochte.

Airline-Dauerkarte für Freiflüge auf Lebenszeit

Gekauft hatte Vroom das einzigartige Ticket im April 1988: eine Airline-Dauerkarte für Freiflüge auf Lebenszeit. 150.000 Dollar legte er noch obendrauf, für eine beliebige Begleitperson. Es war, wie Vroom selbst sagt, der Deal seines Lebens.

Für American Airlines dagegen war es wohl eine der lausigsten Entscheidungen der Unternehmensgeschichte. 250.000 Dollar wollte die Fluggesellschaft Anfang der 80er für ihr Aboangebot haben - und bemerkte erst Jahre später, was für ein schlechtes Geschäft sie damit gemacht hatte. Bis heute kämpft die Airline mit allen Mitteln gegen die Folgen dieses Fehlgriffs.

Vielflieger kosten American Airlines ein Vermögen

Das Problem sind hemmungslose Megavielflieger wie Vroom, denn die kosten das Unternehmen ein Vermögen. Rund eine Million Dollar Verlust sind es pro AAirpass-Inhaber und Jahr, wie eine interne Untersuchung ergab. Die tief in Finanznöten steckende Fluggesellschaft setzte ein Revenue Integrity Team auf die Flatrate-Passagiere an, das deren Reisepläne unter die Lupe nahm - und schnell Gründe fand, sie reihenweise zu verklagen. Auch gegen Vroom läuft ein Verfahren, sein AAirpass ist bis auf Weiteres gesperrt.

"Wir dachten, dass vor allem Firmen den AAirpass für ihre Führungskräfte kaufen würden", sagt Bob Crandall, Ex-CEO von American Airlines. "Wie sich aber bald herausstellte, waren die Leute schlauer als wir." Wobei man so schlau eigentlich nicht sein musste, um auszurechnen, dass man 250.000 Dollar als First-Class-Vielflieger relativ schnell wieder reinholt.

Schlecht kalkuliert

Richtig gut war das Angebot von 1981 einfach nicht durchkalkuliert, meint Jörn Grotepass, Luftfahrtexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney in Düsseldorf. "Vermutlich war die Motivation damals, einfach Cash zu generieren." Eine Handvoll Tickets zum Stückpreis von einer Viertelmillion zu verkaufen kann ein Jahresergebnis kurzfristig besser aussehen lassen. Nur hatte man offenbar nicht die Folgen bedacht: Weder das Reiseverhalten der Ticketkäufer noch die Nutzungsdauer - sprich: deren Lebenszeit - waren absehbar.

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Das eigentliche Problem aber, sagt Grotepass, liegt im Kleingedruckten der Tickets - "nämlich darin, dass alle Gebühren inklusive sind und sogar noch Meilen gesammelt werden können. Diese beiden Punkte verursachen erhebliche Kosten für die Airline." Da half es auch nichts, dass die Fluggesellschaft den Preis für das Superticket bis zu seiner Einstellung 2004 schrittweise auf drei Millionen Dollar anhob. Die Probleme, die die Übervielflieger der ersten Stunde anrichteten, wurden immer größer.

Prämienmeilen für Freiflüge

Denn: Für jeden Flug bekommen AAirpass-Inhaber ganz normal Prämienmeilen gutgeschrieben. Nimmt der Kunde einen Begleiter mit, gibt es dafür noch mal Extrameilen. Es klingelt also auf dem Prämienkonto von Leuten wie Vroom, der zu jedem College-Footballspiel seines Sohnes von Dallas nach Maine flog und es im Laufe der Jahre auf fast 40 Millionen Bonusmeilen brachte (zum Vergleich: George Clooney müht sich im legendären Vielfliegerfilm "Up in the Air" an der Zehn-Millionen-Marke ab).

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Da ja ohnehin alles umsonst war, fing Vroom bald an, Bedürftigen Freiflüge zu schenken. Manchmal kaufte er Unglücklichen, die ihren Flieger verpasst hatten, auf die Schnelle ein neues Ticket. Hin und wieder überraschte er wahllos Eco-Passagiere in der Wartehalle mit einem Upgrade in die erste Klasse. Kostete ihn ja nichts.

American Airlines verklagte die Vielflieger

Für Steve Rothstein (All-you-can-Flyer seit 1987, rund 10.000 Flüge, mehr als 30 Millionen Meilen) waren solche "willkürlichen Gesten der Nächstenliebe" fast das Schönste an seinem AAirpass. Jahrelang reiste der Investmentbanker aus Chicago mit seinem Sohn zu allen Auswärtsspielen der Yankees und der Mets, und manchmal jettete er auch für ein Käse-Schinken-Sandwich nach Rhode Island, weil es ihm da besonders schmeckt. Sämtliche Stewardessen kannten ihn beim Namen, und zum Geburtstag schrieb ihm der American-Airlines-Vorstand persönlich. "In den 19 Jahren als AAirpass-Inhaber bin ich für die Firma zu einem Helden geworden", sagt der heute 61-Jährige.

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Entsprechend schockiert reagierte er, als ihm 2008 eine American-Airlines-Angestellte beim Einchecken ein Schreiben aushändigte: Die Airline verdächtige Rothstein der Betrügerei, sein AAirpass sei bis auf Weiteres gesperrt. Zu oft habe er Buchungen in letzter Sekunde gecancelt oder Begleitungen unter falschen Namen gebucht. Das sei in den Augen der Fluggesellschaft eine Regelverletzung. "Ich fühlte mich hintergangen", sagt Rothstein. "Damit haben sie mir mein Hobby und mein Leben genommen." Kurz darauf verklagte Rothstein das Unternehmen. "Es sieht so aus, als habe die Airline einen Vorwand gesucht, meinen Klienten loszuwerden", sagt sein Anwalt.

American Airlines mittlerweile insolvent

Rund 21 Millionen Dollar hat Rothstein American Airlines nach eigenen Angaben gekostet - und das in einer Zeit, in der das Unternehmen immer weiter auf die Pleite zusteuerte: 2004 machte der Mutterkonzern AMR 761 Millionen Dollar Verlust, 2011, im Jahr der Insolvenz, waren es sogar zwei Milliarden Dollar. Jacques Vroom bekam seinen blauen Brief ausgehändigt, als er gerade einen Studenten gratis von London in die Staaten fliegen wollte. Ihm unterstellte American Airlines, seine Begleitsitze verkauft zu haben.

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Vroom weist diese Vorwürfe bis heute zurück. Um Beweise für die Anschuldigungen zu finden, soll das Unternehmen sogar versucht haben, einige von Vrooms Begleitern zu erpressen - trotzdem blieben alle dabei, ihre Flüge gratis bekommen zu haben.

Bei American Airlines will man sich zu diesen Fällen nicht äußern. Presseanfragen werden an eine PR-Agentur weitergeleitet - und auch von dort kommt nur der Hinweis, man dürfe aufgrund der laufenden Prozesse nicht viel sagen. "Als Teil routinemäßiger Sicherheitsüberwachungen prüft American Airlines die Reiseaktivitäten seiner Kunden auf Unregelmäßigkeiten", heißt es immerhin. "Wenn sie dabei Praktiken aufdecken, die die allgemeinen Geschäftsbedingungen verletzten oder betrügerischer Natur sind, werden rechtliche Schritte eingeleitet." Es handele sich allerdings um Einzelfälle und einen extrem kleinen Prozentsatz aller AAirpass-Inhaber.

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Die Prozesse um Vroom, Rothstein und mindestens zwei weitere AAirpass-Halter sind noch nicht abgeschlossen, weil American Airlines im November 2011 Insolvenz angemeldet und sich unter Chapter 11 geflüchtet hat. Doch egal, wie die Fälle vor Gericht ausgehen: Vroom glaubt nicht mehr daran, seinen Freiflugschein je wiederzubekommen. Dabei sah er in seinem AAirpass mal eine Art Lebensversicherung: "Wenn ich jemals pleiteginge und obdachlos würde, könnte ich immer noch im Flieger schlafen. Und Hunger leiden müsste ich nie." Im Ernstfall wird er sich nach etwas anderem umsehen müssen.

Quelle: Financial Times Deutschland, Financial Times Deutschland

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