20.11.2012, 16:59 Uhr | dpa-AFX
FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Kunden der deutschen Lebensversicherer müssen sich nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's im nächsten Jahr erneut auf geringere Überschussbeteiligungen einstellen. Wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase an den Finanzmärkten dürften die Unternehmen ihre Gesamtverzinsung im Schnitt um 0,2 Prozentpunkte auf 3,6 bis 3,7 Prozent senken, sagte S&P-Experte Christian Badorff am Dienstag in Frankfurt. Er hält dies für sinnvoll, um die Finanzkraft der Branche zu stärken und sicherzustellen, dass die Versicherer die eingegangenen Zinsgarantien langfristig erfüllen können.
Ernsthafte Sorgen um einzelne Unternehmen macht sich Standard & Poor's (S&P) vorerst nicht. "Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die Versicherer auch in einem mittelfristig anhaltenden Niedrigzinsumfeld ihre Garantien erfüllen können", sagte Badorff. Bei Unternehmen, die gemessen an ihren finanziellen Mitteln zu hohe Überschussbeteiligungen zahlen, sei allerdings eine Verschlechterung der Ratings denkbar. Derzeit bewertet S&P die deutschen Versicherer im Schnitt mit der Note "A".
Wegen der Niedrigzinsen hatte die Bundesregierung Anfang 2012 bereits den Garantiezins für neue Lebensversicherungsverträge auf 1,75 Prozent gesenkt. Aus früheren Jahren haben die Versicherer aber noch Verträge mit Zinsgarantien von bis zu 4 Prozent im Bestand.
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Weil die Versicherer solche Renditen an den Finanzmärkten derzeit kaum erwirtschaften können, müssen sie die Zinszusatzreserve in diesem Jahr nach Einschätzung des Branchenverbands GDV um fünf Milliarden Euro aufstocken. Im nächsten Jahr dürfte noch einmal dieselbe Summe hinzukommen. Geld, das in die Zinszusatzreserve fließt, steht für die Überschussbeteiligung nicht zur Verfügung, weil es künftige Garantieverpflichtungen abdecken soll.
Die Niedrigzinsen treffen die Lebensversicherungsunternehmen laut S&P deutlich stärker als die Schaden- und Unfallversicherer. Während das Zinsniveau in der Schaden- und Unfallversicherung lediglich am Gewinn zehrt, droht die Branche bei den Lebensversicherungen wegen der Garantien über die Jahre hinweg immer stärker in Bedrängnis zu kommen. Um höhere Renditen zu erzielen als etwa mit Staatsanleihen in Europa, investieren die Versicherer nun verstärkt in Unternehmensanleihen, Pfandbriefe, Immobilien, Infrastruktur und Ökostrom-Projekte.
Die geplanten Aufsichts- und Eigenkapitalregeln unter dem Namen "Solvency II" sorgen dabei weiter für Unsicherheit in der Branche. Eigentlich für 2014 geplant, droht die Einführung nun um Jahre verschoben zu werden. Die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin, Elke König, hält inzwischen eine Verschiebung in das Jahr 2016 für realistisch. Es könnte aber auch 2017 werden, hatte sie am Montag gesagt.
Das Regelwerk soll Versicherer zwingen, eingegangene Anlagerisiken mit bestimmten Eigenkapitalquoten zu unterlegen. Obwohl die Branche ein langfristiges Geschäft betreibt, sollen dabei aktuelle Marktwerte zugrunde gelegt werden. Versicherungsanalyst Carsten Zielke von der Societe Generale rechnet überhaupt nicht mehr damit, dass die Regeln in der vorgesehenen Form kommen.
Quelle: dpa-AFX
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