16.01.2013, 16:15 Uhr | dpa-AFX
(neu: Reaktion von LOT, Aktienkurs, Expertenstimme)
TOKIO (dpa-AFX) - Das Image-Desaster um Boeings <BA.NYS><BCO.ETR> Vorzeigejet 787 "Dreamliner" erreicht einen neuen Höhepunkt. Nach einer Notlandung in Japan haben die Fluggesellschaften All Nippon Airways (ANA) <ANCA.FSE> und Japan Airlines (JAL) <JAL.FSE><JAL.SQ1> für Mittwoch und Donnerstag alle Flüge mit ihren insgesamt 24 Flugzeugen des Typs gestrichen. Zuvor war in einer Maschine der ANA Rauch bemerkt worden, erste Anzeichen deuten auf ein Batterieproblem hin. Japans Verkehrsministerium wertete die Geschehnisse als schweren Zwischenfall, der auch zu einem Unfall hätte führen können.
Die Boeing-Aktie sackte zum Handelsstart in New York am Mittwoch um 3,63 Prozent auf 74,15 US-Dollar ab. Experten sehen das Image des Fliegers durch die jüngste Pannenserie beschädigt. "Der Vertrauensverlust wird die Fluggesellschaften genauso treffen wie die Hersteller", sagte ein Luftfahrtanalyst.
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RAUCH UND BATTERIEPROBLEM
Der Vorfall ereignete sich am Mittwoch auf einem ANA-Flug von Yamaguchi im Westen Japans nach Tokio. Piloten hätten 35 Minuten nach dem Start Rauch entdeckt, berichtete das Verkehrsministerium. Daraufhin leitete die Besatzung eine Notlandung auf dem Flughafen Takamatsu ein. Alle 137 Passagiere und Besatzungsmitglieder mussten das Flugzeug über Notrutschen verlassen. Fünf Menschen wurden leicht verletzt, ein Passagier wurde wegen Rückenbeschwerden ins Krankenhaus gebracht.
Einen Löscheinsatz gab es nicht. Ein Pilot berichtete den Angaben zufolge, dass ein Instrument im Cockpit Batterieprobleme angezeigt und es einen ungewöhnlichen Geruch gegeben habe. ANA entdeckte unter dem Cockpit eine verfärbte Batterie, die Flüssigkeit verlor. Bereits bei einem Testflug im Jahr 2010 war ein Brand in einem Schaltkasten ausgebrochen. Die Maschine konnte damals mit Ersatzsystemen sicher landen.
SERIE VON PANNEN
In der vergangenen Woche hatte der "Dreamliner" fast täglich mit Pannen Schlagzeilen gemacht. Erst brannte es im Batteriesystem einer Maschine der JAL, dann verlor ein weiteres Flugzeug vor dem Start rund 150 Liter Treibstoff. Weiter ging die Pannenserie mit einer Störung des Bremscomputers an einem ANA-Jet, einem Ölleck und einem spinnennetzförmigen Riss in einem Cockpit-Fenster.
Einer Boeing-Sprecherin zufolge berät der US-Flugzeugbauer zusammen mit der ANA und den Behörden über den jüngsten Vorfall. Weitere Details gebe es noch nicht zu berichten. Nach den Pannen aus der vergangenen Woche hatte Boeing versucht, Ängste der Passagiere auszuräumen. "Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass das Flugzeug unsicher ist", hatte Boeings Verkehrsflugzeug-Chef Ray Conner am Freitag gesagt. Auch US-Verkehrsminister Ray LaHood bezeichnete den "Dreamliner" als sicher.
FLUGLINIEN HALTEN AN AUFTRÄGEN FEST
Trotz der sich zuspitzenden Pannenserie halten ANA und die französisch-niederländische Air France-KLM an ihren "Dreamliner"-Bestellungen fest. Beide Fluglinien wollen ihre Aufträge für weitere Maschinen nicht zurückziehen. Allein die japanische ANA hat bei Boeing noch 49 weitere Jets bestellt, Air France-KLM 25.
Wegen des Feuers im Batteriesystem hat die US-Luftfahrtbehörde FAA bereits eine tiefgreifende Untersuchung eingeleitet. Die Experten wollen dabei ein besonderes Augenmerk auf die elektrischen Systeme sowie auf die Mechanik legen. Der Zwischenfall von diesem Mittwoch soll dabei mit untersucht werden. Bereits im Dezember hatte die Behörde vor undichten Treibstoffleitungen gewarnt. Ausgelieferte Maschinen sollten danach auf falsch montierte Kupplungsstücke hin überprüft werden.
AIR BERLIN HAT 'DREAMLINER' BESTELLT
Die Japaner waren die Erstkunden für Boeings "Dreamliner". Neben ANA und JAL sind United Airlines, Qatar Airways, Ethiopian Airlines, LAN Airlines, Air India und die polnische LOT mit dem Flugzeugtyp unterwegs. Die indische Luftfahrtbehörde hat bereits eine Überprüfung der sechs Air-India-Maschinen eingeleitet.
Die polnische LOT lässt am Mittwochnachmittag unterdessen einen "Dreamliner" zu seinem ersten Langstreckenflug abheben. Alle Tests seien positiv verlaufen, sagte ein Unternehmenssprecher. Außerdem handle es sich bei der Maschine um das 61. fertiggestellte Exemplar des Modells. Im Vergleich zu früher gebauten Maschinen anderer Fluggesellschaften habe dieses Exemplar bereits mehrere technische Verbesserungen erfahren.
DEUTSCHE FLUGGESELLSCHAFTEN FLIEGEN DIE MASCHINE NOCH NICHT
Deutsche Fluggesellschaften fliegen die Maschine noch nicht. Die Tui-Veranstaltertochter <TUI1.ETR> Tui Travel <TT.ISS><T7L.FSE>, die hierzulande mit der Fluglinie Tuifly unterwegs ist, will 13 "Dreamliner" abnehmen. Zudem hat Air Berlin <AB1.ETR> 15 Exemplare bestellt, wollte sich zu den jüngsten Problemen mit dem Modell aber nicht äußern.
In der Entwicklung hatte der "Dreamliner" große Probleme bereitet. Die erste Maschine wurde im September 2011 und damit dreieinhalb Jahre später ausgeliefert als anfangs geplant. Auch im Betrieb häuften sich die Pannen. In dem Modell werden großflächig leichte Verbundwerkstoffe verbaut, während herkömmliche Flugzeuge zu weiten Teilen aus Aluminium bestehen.
VERKAUFSSCHLAGER
Für Boeing <BA.NYS><BCO.ETR> ist der "Dreamliner" bislang dennoch ein Verkaufsschlager. Insgesamt lagen bis Ende vergangenen Jahres Bestellungen für 848 Maschinen vor. Davon sind inzwischen 50 ausgeliefert. Konkurrent Airbus <PEAD.PSE><EAD.ETR> will gegen die 787 mit seinem neuen Jet A350 antreten. Dessen Jungfernflug soll nach Verzögerungen aber erst Mitte dieses Jahres erfolgen.
Quelle: dpa-AFX
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