Autofabrik der Zukunft
Industrieroboter mutieren von Käfigtieren zu Kollegen09.09.2013, 13:19 Uhr | dpa, t-online.de
Wie die menschlichen Arbeiter bewegt dieser Roboter im VW-Werk Salzgitter empfindliche Glühstiftkerzen (Quelle: dpa)
Roboter als Industriehelfer, etwa in der Autobranche, gibt es schon lange. Bisher arbeiten sie allerdings meist alleine und hinter Sicherheitsabsperrungen. Die großen deutschen Autobauer wollen die präzisen Techniker nun zu echten Kollegen machen.
Montage im Schulterschluss mit den Menschen - das gelingt durch intelligente Sicherheitssensorik. BMW etwa reklamiert für sich, im US-amerikanischen Werk Spartanburg erstmals in der Branche "eine direkte Mensch-Maschine-Kooperation in der Serienproduktion" umgesetzt zu haben. Wo früher Menschen per Handroller im Schweiße ihres Angesichts Türdichtungen fixierten, dort hilft nun Kollege Roboter mit Rollköpfen am starken Automatenarm.
BMW-Produktionsvorstand Harald Krüger sagt dazu: "Roboter, die den Menschen in der Fertigung zur Hand gehen und ihnen schwere körperliche Arbeiten abnehmen, werden die Fabrik der Zukunft prägen." Seiner Meinung nach ergänzen die Hightech-Maschinen den Menschen optimal. Bezeichnet wird das als vierte industrielle Revolution, bei der die "Fabrik 4.0" von den Teilen bis zu den Maschinen vernetzt ist und mitdenkt.
Das sind diese kleinen Verbesserungen wie bei BMW, auf die es in Zukunft verstärkt ankomme, sagt Automobilwirtschaftsexperte Stefan Bratzel. "In der Produktion hat man schließlich schon sehr viele Effizienzpotenziale realisiert." Neben Qualität und Zeit als Faktor verweist Bratzel auf eine weitere Dimension: Standardisierung globaler Produktionsnetze. Volkswagen etwa, mit weltweit nunmehr 102 Fabriken, nutzt die "modulare Fabrik" praktisch wie globale Klone, damit Getriebe aus Kassel denen aus China in nichts nachstehen.
Roboter, die bei standardisierten Abläufen helfen, passen da ins Bild. Im Volkswagen-Motorenwerk in Salzgitter testet der Autoriese erstmals in seinem globalen Fabriknetz einen Roboterarm, der Seite an Seite mit den Menschen empfindliche Glühstiftkerzen einbaut. Der dänische Hersteller Universal Robots steht dahinter - genau so wie bei BMW.
Für Wolfgang Dorst vom Technologie-Branchenverband Bitkom ist der Trend nur folgerichtig, da Roboter zunehmend autonom handeln. "Noch werden Produktionsroboter ja wie wilde Tiere im Zoo in Käfigen gehalten", sagt er. Das ist nun nicht mehr nötig. Die Roboter bei BMW haben einen Umfeldscanner "und stoppen sensorgesteuert sofort, sobald sich ein Hindernis in ihrer Bahn befindet", erklärt der Konzern.
In der Lagerlogistik sieht Dorst ein Feld, in der das Thema am ehesten rasch voranschreiten dürfte - dort, wo es um planbare Wege zwischen Regalen und Kommissionierung gehe. Die Faustregel sei: Was sich umfassend in Algorithmen beschreiben lasse, sei robotertauglich.
BMW prüft schon weitere Einsatzmöglichkeiten, und die Anlage rund um die Türdichtungen im US-Werk soll Schule machen. Ähnlich Daimler: Die Schwaben arbeiten mit Kuka zusammen und testen mit dem Augsburger Roboter- und Anlagenbauer etwa Montagevorgänge und Schraubprozesse. Ein erster Pilotversuch lief schon 2009. In einer Zwischenbilanz Ende 2012 sprach Daimler von Chancen für Flexibilität und Effizienz.
Unisono beteuern die Autobauer auch, dass es um Entlastungen der Belegschaft gehe. Etwa, wenn Arbeit rückenschonender wird. Doch eines ist klar: Mehr Arbeit für Roboter heißt weniger Arbeit für Menschen. "Man muss diese Entwicklung sehr ernst nehmen", sagt Constanze Kurz. Die Arbeits- und Techniksoziologin betreut das Thema Industrie 4.0 für die IG Metall. Interaktionen zwischen Mensch und Maschine seien nicht nur haftungsrechtlich Neuland.
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Kurz denkt an mögliche Folgen einer "intelligenten" Fabrik, in der sich alles verstärkt vernetzt - Menschen inklusive. "Wie smart oder wie hart das dann ist, wird die entscheidende Frage", sagt Kurz. Wenn moderne Technik mehr monotone Arbeit übernehme, führe das nicht automatisch zur menschenleeren Werkshalle. Doch das, was die Menschen noch leisteten, werde anspruchsvoller. Dann müsse es darum gehen, diesen Wandel als Chance für die Arbeitnehmer zu gestalten.
09.09.2013, 13:19 Uhr | dpa, t-online.de
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