Report zum Arzneimarkt
Gesetzliche Krankenkassen verschleudern 3,7 Milliarden12.09.2013, 17:02 Uhr | dpa, rtr, t-online.de
Viele neue Medikamente sind teuer, aber nicht wirkungsvoller als alte Präparate (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Die gesetzlichen Krankenkassen könnten nach Ansicht einflussreicher Experten bei Medikamenten 3,7 Milliarden Euro sparen. Das geht aus dem Arzneiverordnungs-Report 2013 hervor. Besonders ärgerlich ist diese Zahl, da bei Arzneimittel-Ausgaben 2014 ein massiver Kostenschub von 8,9 Prozent droht.
Im Jahr 2012 gab es laut dem Report einen Anstieg um nur 2,6 Prozent auf 30,6 Milliarden. Im ersten Halbjahr 2013 stiegen die Ausgaben nach Angaben des Gesundheitsministeriums um 0,3 Prozent. Hier wirken sich etwa die Einsparungen der Kassen durch Rabattverträge aus, die sie mit den Herstellern über Nachahmerpräparate (Generika) abschließen.
Als Grund für den jetzt erwarteten Kostenanstieg nannte AOK-Chef Uwe Deh das von der Regierung vorgesehene Auslaufen eines erhöhten Zwangsrabatts auf Medikamente zum Jahresende. Der Rabatt und ein damit einhergehendes Preismoratorium müssten um zwei Jahre verlängert werden, forderte er. Die Pharmaindustrie reagierte prompt mit Ablehnung. Die Geschäftsführerin des Verbands forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer, sagte: "Nach Jahren des Rückganges wird es 2014 einen Ausgabenanstieg geben, aber keinen dramatischen."
Laut Report hätten ohne Nachteile für Patienten 3,7 Milliarden Euro gespart werden können. Alleine 2,5 Milliarden Euro wären vermeidbar gewesen, wenn man auf teure sogenannte Analog-Präparate verzichtet hätte, die nur leicht anders wirken als frühere Mittel. Der Report-Herausgeber Dieter Paffrath sagte, fast 700 Millionen Euro mehr Umsatz habe die Industrie zuletzt durch größere Packungen und neue Mittel ohne sicheren Mehrwert gemacht.
Vor zehn Jahren lagen die Ausgaben der Kassen für Arzneimittel noch bei 22,8 Milliarden Euro. Nach der Bundestagswahl dürfte der neuerliche erwartete Anstieg bei einer neuen Bundesregierung die Alarmglocken läuten lassen, meinte Deh.
Die schwarz-gelbe Reform des Medikamentensektors namens AMNOG greift dem Report zufolge zwar - aber nicht schnell genug. Immer mehr neue Mittel werden offiziell daraufhin überprüft, ob sie wirklich mehr helfen als ältere. So habe das dafür zuständige zentrale Gremium, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken, bisher 48 neue Wirkstoffe bewertet. Auf Basis der Bewertungen folgen in der Regel Verhandlungen zwischen Hersteller und Krankenkassen über den Preis - das Ziel sind Einsparungen. "Sie sind aber insgesamt nicht hoch", unterstrich Herausgeber Ulrich Schwabe.
120 Millionen Euro seien Kassen und Beitragszahlern so erspart geblieben. Binnen fünf Jahren werde die Sparsumme so auf bis zu eine Milliarde Euro steigen, sagte G-BA-Chef Josef Hecken.
Auch die Bewertungen zeigen, dass nur ein kleinerer Teil der neuen Medikamente einen beträchtlichen Zusatznutzen habe: Die Prüfer gaben nur bei neun der 48 Wirkstoffe dieses positive Urteil ab.
Medikamente, die schon länger auf dem Markt seien, aber noch Patentschutz hätten, seien in Deutschland weiterhin oft teurer als nötig, so die Report-Herausgeber. Auch diese oft millionenfach verordneten Pillen kommen nun allerdings verstärkt auf den Prüfstand des G-BA. Den Anfang machten im Frühjahr sechs Gruppen von Medikamenten gegen Schmerzen, Herzleiden, Diabetes und andere Krankheiten mit einem Umsatzvolumen von rund 700 Millionen Euro.
G-BA-Chef Hecken wartete nun mit einer neuen Ankündigung auf. Den Startschuss für die Überprüfung der nächsten dieser oft bereits umsatzträchtigen Mittel werde der G-BA im November geben. "Wir werden in der nächsten Tranche fünf Arzneimittelgruppen wieder mit einem Umsatzvolumen von rund 700 Millionen Euro aufrufen." Welche Mittel dies seien, könne noch nicht gesagt werden, so eine G-BA-Sprecherin.
Die Pharmaindustrie warf den Report-Herausgebern bereits auf einer Pressekonferenz im Vorfeld methodische Mängel vor, aufgrund derer sie zu übertriebenen Sparmöglichkeiten kämen.
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12.09.2013, 17:02 Uhr | dpa, rtr, t-online.de
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