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Volkswagen: Winterkorn, Pötsch, Diess angeklagt

Winterkorn, Pötsch, Diess  

Wer sind die drei angeklagten VW-Lenker eigentlich?

25.09.2019, 08:55 Uhr | dpa , mab

 (Quelle: Reuters)
Staatsanwaltschaft klagt VW-Spitze im Dieselskandal an

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig wirft der Unternehmensspitze Marktmanipulation vor. (Quelle: Reuters)

Vor nicht einmal einer Woche: Darum geht es in der Anklage gegen die VW-Spitze im Dieselskandal. (Quelle: Reuters)


Es ist ein wohl einmaliger Vorgang: Drei wahre Schwergewichte der deutschen Industrie könnten vor Gericht aufeinandertreffen. Die Führungsspitze von Volkswagen ist wegen Marktmanipulation angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig klagt die Unternehmensspitze von Volkswagen wegen Marktmanipulation an. Sowohl der heutige Konzernchef Herbert Diess als auch der frühere Finanzvorstand und jetzige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und der damalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hätten die Pflicht zur Information des Kapitalmarktes verletzt, teilt die Behörde mit. Auf insgesamt 600 Seiten haben die Ermittler ihre Erkenntnisse akribisch zusammengetragen. Das Gericht muss nun darüber befinden, ob die Anklage auch zugelassen wird. Alle drei Manager weisen die Vorwürfe zurück.

Martin Winterkorn: "Mr. Qualität" stolperte über Abgasaffäre

Martin Winterkorn: Wegen des Dieselskandals trat er im September 2015 als VW-Chef zurück. (Quelle: imago images/fossiphoto)Martin Winterkorn: Wegen des Dieselskandals trat er im September 2015 als VW-Chef zurück. (Quelle: fossiphoto/imago images)

Als langjähriger Konzernchef, Ziehsohn des kürzlich gestorbenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch und detailversessener "Mr. Qualität" galt Martin Winterkorn bei Volkswagen lange als unantastbar. Doch dann wurde im September 2015 der Abgas-Skandal in den USA bekannt und fegte den Erfolgsmanager aus dem Amt.

Winterkorn drückte VW seinen Stempel auf. Der Technik-Freak genoss in Europas größtem Autokonzern hohes Ansehen – vom Aufsichtsrat und Großaktionär bis zum Bandarbeiter und Büroangestellten. Als mit Abstand bestverdienender Lenker eines Dax-Unternehmens profitierte er selbst von den immer neuen Rekorden der Wolfsburger.

Ausgerechnet eine massive technische "Unregelmäßigkeit" wurde dem heute 72-Jährigen zum Verhängnis. Er sei "fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren", sagte Winterkorn beim Rücktritt wegen der gefälschten Emissionsdaten von VW-Dieselautos Ende September 2015. Noch nicht geklärt war bisher, ob er selbst in die Geschehnisse davor eingeweiht war. Winterkorn selbst sagte, er sei sich "keines Fehlverhaltens bewusst".

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig klagte ihn im vergangenen April dennoch an. Winterkorn und vier weiteren Führungskräften wird schwerer Betrug vorgeworfen. Zudem wurde geprüft, ob er sich wegen Marktmanipulation strafbar gemacht hat, indem die Finanzwelt zu spät über "Dieselgate" ins Bild gesetzt wurde – jetzt ist auch hierzu Anklage erhoben worden. In den USA werden Winterkorn Betrug und Verschwörung vorgeworfen, im Mai 2018 erging dort ein Haftbefehl.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im VW-Konzern wollte "Wiko", wie er intern genannt wurde, jede wichtige Entscheidung selbst treffen. Vor dem Start neuer Modelle schaute er rund um den Globus auch persönlich zur Endabnahme vorbei und verlangte nicht selten letzte Änderungen.

Winterkorn wurde 1947 in Leonberg bei Stuttgart als Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau geboren. Nach dem Physikstudium und der Promotion ging er 1977 zu Bosch. Eine entscheidende Weichenstellung war vier Jahre später der Wechsel in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt. 2002 wurde Winterkorn Audi-Chef, 2007 schaffte er es an die VW-Spitze. Auch in Wolfsburg war der zweifache Vater höchst erfolgreich und baute den Konzern zu einer Zwölf-Marken-Gruppe aus.

Hans Dieter Pötsch: Der Herr der Zahlen im VW-Konzern

Hans Dieter Pötsch: Während des Dieselbetrugs war er VW-Vorstand. Nun will er als Aufsichtsratschef den Skandal aufklären. Manchem Beobachter ist unklar, wie das gehen soll. (Quelle: imago images/Hannelore Förster)Hans Dieter Pötsch: Während des Dieselbetrugs war er VW-Vorstand. Nun will er als Aufsichtsratschef den Skandal aufklären. Manchem Beobachter ist unklar, wie das gehen soll. (Quelle: Hannelore Förster/imago images)

Als Finanzchef lieferte er jahrelang Rekordergebnisse ab und machte sich im Konzern viele Freunde. Seit 2003 arbeitet Hans Dieter Pötsch für die VW-Gruppe, zwölf Jahre als Finanzvorstand und seit Herbst 2015 an der Spitze des Aufsichtsrats. Spätestens mit diesem Wechsel geriet der heute 68 Jahre alte "Herr der Zahlen" im Volkswagen-Konzern aber auch in die Kritik.

Der Vorwurf: Das Unternehmen habe die Finanzmärkte im September 2015 zu spät über die Manipulationen an elf Millionen Dieselautos informiert. Und Pötsch war zu dieser Zeit Finanzchef. Daher rückte er in den Blickpunkt der Ermittler. Skeptiker sahen ihn als Fehlbesetzung bei der Aufklärung der Hintergründe der Dieselaffäre.

Trotzdem wählte der Aufsichtsrat Pötsch als Nachfolger für den kürzlich gestorbenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch an die Spitze des Gremiums. Nicht wenige Kontrolleure hatten dabei Bauchweh. So mancher fragte sich: Warum macht man einen Ex-Vorstand zum Mitaufklärer eines Skandals, der in dessen Amtszeit begann? Co-Aufseher Wolfgang Porsche stärkte Pötsch jedoch den Rücken.

Der eher zurückhaltend auftretende Wirtschaftsingenieur präsentierte sich denn auch als Aufklärer. "Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt", ließ sich Pötsch nach dem Amtsantritt zitieren. Und er sah sich als Mittler: "Ich bin seit Monaten im Dialog mit Investoren. Ich versuche, ihre Anliegen und die Unternehmensinteressen zu Corporate-Governance-Aspekten übereinanderzulegen und Schnittmengen auszuloten."

Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft sieht Pötschs Arbeit nach ihren Ermittlungen nun anders. Er wird – ebenso wie Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn und der jetzige Vorstandschef Herbert Diess – wegen Marktmanipulation angeklagt.

1979 kam Pötsch zunächst zu BMW. 1987 verließ er die Münchner als Controlling-Chef, es folgten Stationen beim Laser-Spezialisten Trumpf, Maschinenhersteller Traub und Lackieranlagenbauer Dürr. 2003 wechselte er als Finanzvorstand zu VW. Er gilt als gut vernetzt. Zusätzlich rückte Pötsch 2009 in den Vorstand der Porsche-Holding Porsche SE auf, die die Mehrheit an VW hält.

Als Pötsch im Oktober 2015 vom VW-Vorstand zum Aufsichtsratsvorsitzenden wurde, sicherte er sich ein Handgeld in Höhe von 20 Millionen Euro, berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Das war wenige Tage, nachdem der Dieselskandal bekannt wurde, wodurch sich VW in einer "existenzbedrohenden Krise" befand, wie Pötsch selbst sagte.

Herbert Diess: Effizienz-Experte, Kostendrücker und Stratege

Herbert Diess: Er könnte von illegaler Abgastechnik in den USA gewusst, die Finanzmärkte aber nicht wie vorgeschrieben informiert haben, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. (Quelle: imago images/sepp spiegl)Herbert Diess: Er könnte von illegaler Abgastechnik in den USA gewusst, die Finanzmärkte aber nicht wie vorgeschrieben informiert haben, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. (Quelle: sepp spiegl/imago images)

In der VW-Führungsriege saß Herbert Diess seit Mitte 2015 schon in der ersten Reihe. Öffentlich blieb er zunächst aber eher im Hintergrund, denn oberster Frontmann war nach dem Auffliegen der Dieselmanipulation in den USA erst ein anderer: der weitaus emotionaler auftretende Konzernchef Matthias Müller. Im April 2018 löste der Österreicher Diess Müller dann an der Spitze der VW-Gruppe ab. Damit änderte sich auch der Führungsstil beim inzwischen weltgrößten Autobauer.

Sein Name wurde bereits für den Top-Job bei Volkswagen gehandelt, als der damalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn im September 2015 über den Diesel-Skandal stolperte und abtreten musste.

Der studierte Maschinenbauer Diess ist ein nüchterner und durchsetzungsstarker Kostendrücker. Er war vor allem angetreten, um die renditeschwache Pkw-Kernmarke bei Volkswagen auf Vordermann zu bringen, und handelte das Reform- und Sparprogramm "Zukunftspakt" bei der Stammsparte aus. Dabei kam es anfangs zu erheblichen Reibereien mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Strittig ist Diess' Rolle im Sommer 2015, kurz vor dem Bekanntwerden der Dieselaffäre. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelte wegen Marktmanipulation und klagte neben Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Winterkorn nun auch ihn an. Der Verdacht: Diess könnte von illegaler Abgastechnik in den USA gewusst, die Finanzmärkte aber nicht wie vorgeschrieben informiert haben.
 

 
Als promovierter Fertigungstechniker hatte sich Diess bereits bei BMW einen Namen als Effizienzexperte gemacht. Dort verantwortete er zwischen 2007 und 2012 nicht nur Einkauf und Zulieferer-Netzwerk, sondern zuletzt auch das Ressort Entwicklung. Zwischen 1999 und 2003 leitete er in BMW-Diensten das Motorenwerk nahe Birmingham und die Fahrzeugfabrik in Oxford. Seine ersten beruflichen Schritte machte Diess bei Bosch. Er setzt sich für die Fertigung von Batterien und Batteriezellen für die E-Mobilität am Standort Deutschland ein.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa
  • manager-magazin.de

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