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Ferrari California T: Blasen ist besser als saugen

Ferrari California T: Blasen ist besser als saugen

03.06.2014, 14:21 Uhr | Benjamin Bessinger/SP-X

Ferrari California T: Blasen ist besser als saugen. Ferrari California T (Quelle: Hersteller)

Ferrari California T (Quelle: Hersteller)

Ferrari bricht mit dem Turbo-Tabu und macht mit beim Downsizing: Als erstes Modell im neuen Jahrtausend kommt der Ferrari California deshalb jetzt mit einem aufgeladenen Achtzylinder. In der Theorie will das neue Triebwerk vor allem sparsamer sein. Aber in der Praxis hat es ganz andere Qualitäten.

Die Marke aus Maranello bricht mal wieder mit einem Tabu: Nachdem die Italiener im FF schon den Allradantrieb eingeführt haben, kommt nun im aufgefrischten California der Turbo. "Auch wir müssen mit der Zeit gehen und können uns dem Downsizing nicht länger verschließen", sagt Marketing-Chef Nicola Boari, als müsse er sich für den neuen Motor in dem luxuriösen Leistungssportler entschuldigen.

Leistung deutlich gestiegen

Doch davon kann nun wirklich keine Rede sein. Denn der von 4,3 auf 3,9 Liter geschrumpfte V8-Motor ist nicht nur auf dem Papier deutlich besser als der hochdrehende Sauger. Nicht umsonst steigt die Leistung von 490 auf 560 PS und das maximale Drehmoment macht einen riesigen Sprung von 505 auf 755 Newtonmeter, während der Verbrauch immerhin um 15 Prozent auf vorzeigbare 10,5 Liter sinkt.

Auch in der Praxis liegen Welten zwischen den beiden Aggregaten: Der Turbo spricht ähnlich spontan an wie der Sauger, prügelt den immerhin knapp 1,8 Tonnen schweren Zweisitzer jetzt aber mit einer Vehemenz nach vorne, wie man sie eher von einem Supersportwagen als einem potenten Gran Turismo mit einer gehörigen Portion Restkomfort erwartet hätte.

Größere Reichweite

Ja, man kann mit dem California auch weiter ganz entspannt eine sanft geschwungene Küstenstraße entlang cruisen und hat dabei dank einer neuen, längeren Übersetzung für den siebten Gang sogar mehr Ruhe und die größere Reichweite. Und nein, man wird dem 458 Italia auch künftig nicht folgen können, weil der spätestens als Speciale einfach noch schärfer, noch stärker und vor allem spürbar leichter und deshalb handlicher ist. Doch wenn die Haare sitzen und einen der Hafer sticht, kann man die Pferde jetzt so schnell traben lassen, bis sie einem glatt durchgehen.

Von 0 auf 100 in 3,6 statt bislang 3,8 Sekunden, in 11,2 Sekunden auf 200 km/h und danach munter weiter bis 316 km/h, dazu die rasend schnellen Gangwechsel und einen etwas tieferen Schwerpunkt durch den weiter nach unten gerückten Motor – da wird die Luft auch auf der Überholspur schon ganz schön dünn und auf der Landstraße kann die Kurvenfolge gar nicht lang genug sein.

Faszinierende Klangkulisse

Von einem Turboloch ist dabei nichts zu spüren. Man muss auch auf die faszinierende Klangkulisse nicht verzichten, die einem mit jedem Gasstoß eine dickere Gänsehaut aufs Trommelfell zaubert. Die ganz hohen, kreischenden Töne hat der California zwar abgelegt und dafür tiefere Bässe ins Programm genommen. Aber noch immer reichen ein Kavalierstart, zwei, drei Gangwechsel, ein Zwischenspurt und 500 Meter auf einer gewundenen Landstraße, dann will man von der Musikanlage nichts mehr wissen und hört lieber die große italienische Oper aus den vier Endrohren. "Es ist schließlich nicht zuletzt der Sound, der einen Ferrari ausmacht", weiß auch Motorenentwickler Vittorio Dini und kann Stundenlang von den konstruktiven Kunstgriffen erzählen, mit denen die Ingenieure den Turbo zum Klangkünstler gemacht haben. Die Kunden wird es freuen. Und wer es genau wissen will, kann die Arbeit des Laders sogar auf einem witzigen Display zwischen den Lüftungsdüsen verfolgen, das man wie eine Outdoor-Uhr mit einem Fingertipp auf dem Chromkranz steuert. Aber die Controller werden Signore Dini verfluchen. "Wir hätten nicht gedacht, dass es so kompliziert und so teuer wird, einen Turbo zu entwickeln, der einem Ferrari gerecht wird“, sagt der Ingenieur mit Blick auf den extrem aufwändigen Lader, der zum Beispiel einen aus drei Teilen gefertigten Krümmer mit identisch langen Abgaskanälen erfordert.

Vor diesem Hintergrund ist es fast schon bescheiden, dass der Preis für den California mit dem T hinter dem Namen nur um magere 3000 Euro klettert und künftig bei 183.499 Euro beginnt. Allerdings haben die Italiener dafür an anderer Stelle gespart und sich bei der Modellpflege brav zurück gehalten. Zwar wurden alle Bleche bis auf das versenkbare Hardtop modifiziert und neu modelliert, so dass der California T ein wenig schlanker wirkt und sich noch straffer auf die Straße duckt. Und neue Software für Fahrwerk, Lenkung, Getriebe und die Regelsysteme gibt es natürlich auch.

Wenig Assistenzsysteme

Doch das Navigationssystem ist auch nach dem Wechsel des Lieferanten allenfalls mäßig, das Verdeck zwingt den Ferrari-Fahrer auch künftig fast 20 Sekunden in den Stillstand und die Liste der Assistenzsysteme ist gefährlich kurz für ein Auto, das tatsächlich auch im Alltag bewegt werden will und dort auf Konkurrenten wie einem BMW M6 Cabrio, einem Mercedes SL 63 AMG oder einem Porsche 911 Turbo trifft.

Trotzdem kann die Mannschaft um Motorenentwickler Dini zu Recht Stolz sein auf den ersten Ferrari-Turbo der Neuzeit und muss sich in keiner Weise um die Sprungkraft des Cavallo Rampante sorgen. Doch haben die Italiener nicht umsonst den California für den Tabubruch ausgewählt: Der ist zwar mit über 10.000 Zulassungen in fünf Jahren das mit Abstand erfolgreichste Einzelmodell der Marke, hat aber die am wenigsten traditionsbewussten und dafür kompromissbereitesten Kunden, räumt Marketing-Mann Nicola Boari ein: "70 Prozent der California-Käufer kommen schließlich von anderen Marken und haben vorher nie einen Ferrari besessen“.

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