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Ist das Radioprogramm von heute bald Geschichte?

Zukunft des Radios  

Ist das Radioprogramm von heute bald Geschichte?

08.02.2016, 14:11 Uhr | dpa

Ist das Radioprogramm von heute bald Geschichte?. Nach Meinung von Experten wird sich das Radioprogramm bald verändern. (Quelle: imago images/blickwinkel)

Nach Meinung von Experten wird sich das Radioprogramm bald verändern. (Quelle: blickwinkel/imago images)

Drei Viertel der Deutschen hört noch immer jeden Tag Radio, obwohl dem Medium schon oft der Untergang prophezeit wurde. Interessant dabei: Das Programm hat sich in Jahrzehnten kaum verändert. Nach Meinung von Experten geht das so aber nicht weiter. "Radio à la carte", also personalisiertes Radio, könnte die Zukunft sein.

Das Radio ist schon viele Tode gestorben. Dinah Washington sang Anfang der 50er Jahre "TV is the thing this year/Radio was great, now, it's out of date" ("TV ist das Ding dieses Jahr/Radio war toll, aber jetzt ist es überholt"). The Buggles behaupteten ein Vierteljahrhundert später "Video killed the Radio Star" ("Videoclips haben den Radiostar umgebracht") – Bewegtbild galt als größter Konkurrent. Am Samstag ist Unesco-Welttag des Radios – und das Medium lebt noch immer.

Heute muss sich das Radio noch ganz anderer Konkurrenz als der des Fernsehers erwehren. Viele Menschen streamen Musik übers Internet. Das Monopol, den passenden Musikmix zu liefern, hat das Radio verloren. Was können die Sender tun, um ihre Bedeutung im digitalen Zeitalter nicht zu verlieren?

Der erste Radio-Übertragungswagen der Deutschen Stunde in Bayern rollte seit 1925 durch die Straßen. (Quelle: dpa/BR)Der erste Radio-Übertragungswagen der Deutschen Stunde in Bayern rollte seit 1925 durch die Straßen und sorgte für den noch nicht ganz störungsfreien Empfang von Außenübertragungen und Reportagen. Auf dem Dach links einer der ersten Reporter, Otto Freundorfer. (Quelle: BR/dpa)

 

Dreiviertel der Deutschen hört jeden Tag zu

Drei von vier Deutschen hören der aktuellen Media-Analyse Agma zufolge täglich Radio – ein Wert, der seit Jahren auf ähnlich hohem Niveau ist. Nur das Fernsehen ist mit rund 80 Prozent beliebter. Alles bestens also? Nicht wirklich. Den höchsten Wert – 81 Prozent und mehr – erzielt das Radio bei den 50- bis 69-Jährigen. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist die Quote von 2005 bis 2015 um sechs Punkte auf knapp 67 Prozent gesunken. Ein Weiter-wie-bisher ist also keine Option. Bislang versuchen viele Sender, junge Menschen mit Präsenz in den sozialen Netzwerken oder Apps fürs Handy zu erreichen. Ob das auch künftig reicht, ist unsicher.

Käpp'n Herbert und Kurt Esmarch 1938 beim Singen während der Live-Radiosendung "Hamburger Hafenkonzert". (Quelle: dpa/NDR)Das Handout vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) zeigt Käpp'n Herbert und Kurt Esmarch 1938 beim Singen während der Live-Radiosendung "Hamburger Hafenkonzert". (Quelle: NDR/dpa)

 

Streamingdienste laufen Radio nicht den Rang ab

Für die allgemeine Popularität des Radios seien zwei Faktoren entscheidend, sagt der Medienwissenschaftler Kiron Patka von der Universität Tübingen: zum einen die persönliche Ansprache des Moderators, der Moderator als Marke. Zum anderen der regionale Service-Charakter. Regenjacke oder Wintermantel? Stau oder freie Fahrt? Solche Kompetenzen könne kein Streamingdienst bieten.

Apple versucht es dennoch. Der Konzern hat ein Radio in seinen Streamingdienst Apple Music integriert, das rund um die Uhr aus Los Angeles, New York und London moderiert wird. "Egal, wo du bist oder wann du einschaltest, du hörst dasselbe großartige Programm wie alle anderen Hörer", heißt es auf der Webseite. Diese Globalität widerspricht dem Gebot der Regionalität – Patka glaubt deshalb nicht, dass es funktioniert.

Ein weiteres Plus: "Radio ist das Nebenbei-Medium schlechthin", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Romy Fröhlich von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Der Hörer braucht nichts weiter zu tun, als einzuschalten. Was er nicht muss: nachdenken, welches Lied als nächstes läuft. Nicht umsonst tüfteln die Streamingdienste an immer neuen Algorithmen, die den Geschmack des Hörers treffen sollen.

Der US-amerikanische Schauspieler und Autor Orson Welles schockte am 30. Oktober 1938 die USA mit einem Hörspiel. (Quelle: dpa/UPI)"Wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Durchsage", klingt es am 30. Oktober 1938 in den USA mitten in einer Radio-Konzertübertragung. Orson Welles (1915-1985) inszenierte eine fiktive Reportage als glaubwürdiges Katastrophenszenario über den Angriff von Außerirdischen. Viele Menschen fliehen in Panik, bei der Polizei blockieren entsetzte Anrufer die Telefonleitungen. Der "Krieg der Welten" wird zum berühmtesten Hörspiel der Rundfunkgeschichte. (Quelle: UPI/dpa)

 

"Radio à la carte" könnte die Zukunft sein

Wie aber lassen sich die bisherigen Hörer halten und junge Hörer hinzugewinnen? Romy Fröhlich und auch Golo Föllmer, Musik- und Medienwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg, sehen die Zukunft in der Individualisierung des Mediums. Einerseits in Sachen Programm, andererseits in Sachen Werbung.

Bislang ist das Radioprogramm vielfach so, wie noch vor Jahrzehnten. Nachrichten, Wetter, Stauwarnung, Musik und dazwischen der Moderator. Eine Alternative kann personalisiertes Radio sein. Wer keinen Sport mag, der bekommt Alternativen geboten. Wer gerne Wortprogramm hört, für den gibt es lange Reportagen und Nachrichtenstücke. Auch eine Taste, mit der Beiträge übersprungen werden können, ist denkbar. Einzelne Versatzstücke, die je nach Hörer verschieden angeordnet sind. Bei den Nachrichten zur vollen Stunde könnte das Programm wieder zusammenlaufen. "Radio à la carte", nennt Fröhlich das.

Ein Treiber dieser Entwicklung könnte die Werbebranche sein. Föllmer spricht von "targeted advertising", zielgerichteter Werbung also. Anstelle des Gießkannenprinzips – jede Werbung für jeden Hörer - könnten die Werbespots auf die Interessen des einzelnen abgestimmt werden. "Extrem attraktiv" sei das für die Werber, sagt Fröhlich. In zehn Jahren könnte es Föllmer zufolge soweit sein. Gestorben ist das Radio bis dahin sicher nicht.

Der Komponist Gerhard Winkler (l) begleitet seinen Kollegen Ralph Maria Siegel (r) während einer Radiosendung am 6. Februar 1948 in München am Flügel. (Quelle: dpa)Der Komponist Gerhard Winkler (l) begleitet seinen Kollegen Ralph Maria Siegel (r) während einer Radiosendung am 6. Februar 1948 in München am Flügel. (Quelle: dpa)

 

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