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Cell Broadcast: Alles zu dem kommenden Handywarnsystem

Cell Broadcast  

Alles zu dem kommenden Handywarnsystem

Von Jan Mölleken und Ali Vahid Roodsari

20.07.2021, 13:46 Uhr
Cell Broadcast: Alles zu dem kommenden Handywarnsystem.  (Quelle: Glomex)

Die Flutkatastrophe überraschte Viele: Ein Handywarnsystem hätte vielleicht besser warnen können (Quelle: Glomex)

Nach der verheerenden Flutkatastrophe wunderten sich Viele, weshalb Deutschland nicht das weltweit etablierte Handywarnsystem Cell Broadcast einsetzt. Jetzt verspricht Innenminister Horst Seehofer eine baldige Einführung.

Der Katastrophenschutz in Deutschland hat derzeit eklatante Schwächen: Das zeigte sich erschreckend deutlich während der jüngsten Flutkatastrophe. Offenbar hätten viele Menschen noch rechtzeitig gewarnt und so womöglich viele Todesopfer vermieden werden können – doch es fehlte am geeigneten Warnsystem.

Die Warn-Apps "Katwarn" und "Nina", auf die das Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) setzt, erreichen nur einen Bruchteil der Bevölkerung – denn nur, wer die Apps installiert hat, kann auch gewarnt werden. Dabei gibt es seit den 90er-Jahren ein System, über das Behörden Warnungen an jedes Handy verschicken können: Cell Broadcast.

Bis vor wenigen Tagen hatte das aber kaum jemand auf dem Schirm, das BBK schien nicht wirklich gewillt, das System zusätzlich zu seiner App-Strategie einzuführen. Nach dem Imformationsdebakel rund um die Flutkatastrophe fordern nun neben Experten auch immer mehr Politiker eine zugige Einführung: Am heutigen Mittwoch versprach schließlich Innenminister Horst Seehofer auf einer Pressekonferenz, dass künftig auch per Textnachricht auf dem Handy gewarnt werden wird.

Was aber Cell Broadcast überhaupt ist, wie es funktioniert – und warum man in Deutschland lange nichts davon wissen wollte: Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist Cell Broadcast?

Cell Broadcast (CB) ist Warnsystem für Handys, das bereits seit den 90er Jahren besteht. Es ist als Funktion in den Mobilfunkstandards für 2G, 3G, 4G und 5G verankert und somit theoretisch weltweit verfügbar. Ähnlich wie bei einer SMS kann über diese Funktion eine Textnachricht verschickt werden – allerdings handelt es sich nicht um eine SMS sondern um einen eigenen Dienst. Anders als bei der SMS kann eine CB-Nachricht etwa ohne Zutun des Nutzers direkt auf dem Handydisplay angezeigt werden und sogar von einem Warnton begleitet sein.

Technisch unterscheidet sich der CB-Dienst aber noch in einigen weiteren, wichtigen Punkten: So werden die Nachrichten anders als eine SMS nicht an eine bestimmte Handynummer verschickt, sondern an alle Geräte in einer Funkzelle. Somit muss sich niemand für den Empfang registrieren, das Verschicken ist außerdem annonym und damit auch für Datenschützer unproblematisch.

Die verschickten Warnungen funktionieren zudem wie ein Rundfunksignal: Eine Nachricht erreicht alle Geräte in der jeweiligen Funkzelle – dadurch sei das System auch bei überlasteten Netzen stabil und sicher einsetzbar. Gleichzeitig kann eine Warnung bei Bedarf innerhalb von Sekunden an das gesamte Handynetz mit Millionen eingebuchten Smartphones geschickt werden – oder auch nur an eine Handvoll von Funkzellen in betroffenen Gebieten. 

Wo wird Cell Broadcast bereits eingesetzt?

Tatsächlich kommt CB als Warnsystem schon lange in vielen Ländern weltweit zum Einsatz. In den USA nutzt man CB etwa beim landesweiten Wireless Emergency Alert (WEA). Dort habe man die Bürger – teilweise lokal sehr begrenzt – bereits über 61.000 Mal vor Tornados, Hurricans, und anderen kritischen Situationen gewarnt oder es wurde auf verschwundene Kinder aufmerksam gemacht. Japan nutzt die Technologie für sein Erdbeben-Frühwarnsystem, Kanada, Neuseeland und zahlreiche weitere Staaten verwenden CB für die Verbreitung von Warnmeldungen.

Auch innerhalb der EU wird die Technologie teils schon seit Jahren eingesetzt. Mit "NL-Alert" warnen die Niederlande ihre Bürger seit fast neun Jahren per CB über Gefahrensituationen und Notlagen. Bei einem Probealarm im vergangenen Jahr wurden so über 90 Prozent der Bürger erreicht, berichtete die Regierung. Einige weitere EU-Länder, darunter Griechenland und Italien haben das System vor kurzem eingeführt oder sind gerade dabei.

Spätestens Mitte kommenen Jahres dürfte der CB-Dienst auch innerhalb der EU noch stärkere Verbreitung finden. Denn eine EU-Richtiline schreibt vor, dass Mitgliedsländer bis zum 21. Juni 2022 ein öffentliches Warnsystem einrichten müssen. Vorbild ist hier tatsächlich ein Warnsystem via Cell Broadcast – doch auf Druck Deutschlands ist in der Richtlinie auch eine Alternative wie etwa die deutsche "Nina"- oder "Katwarn"-App zulässig – allerings nur, wenn sie eine ähnliche Abdeckung und Kapazität wie CB-Systeme erreichen. Davon ist etwa "Nina" mit Berichten zufolge rund neun Millionen Nutzern noch weit entfernt.

Woran hängt eine Einführung und was sagen Mobilfunkprovider dazu?

Cell Broadcasting muss von den Mobilfunkprovidern unterstützt werden. Armin Schuster, Chef das BBK erklärte im Interview mit dem Deutschlandfunk, dass es derzeit keinen Mobilfunkanbieter in Deutschland gebe, der den Dienst aktuell anbiete. Die Technik sei extrem teuer, bereits für den Start müssten 30 bis 40 Millionen Euro investiert werden, allerdings prüfe die Behörde bereits seit einigen Monaten ob eine zusätzliche Einführung sinnvoll sei. Im Herbst erwarte man das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie, erklärte Schuster dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Bis eine solche Entscheidung gefallen ist, wollen die Mobilfunkanbieter jedoch abwarten. Ein Vodafone-Sprecher sagte auf Anfrage, dass der Provider die Technologie "natürlich umsetzen würde, wenn die Behörden uns den Auftrag dafür geben würden". Bisher gäbe es so einen Auftrag aber nicht. Laut dem Sprecher sei die technische Umsetzung möglich, er verweist darauf, dass andere Länder die Technologie bereits einsetzen. In Deutschland hätten die Behörden bislang andere und modernere Warnsysteme aufgebaut, bei denen Mobilfunknetze genutzt werden, so der Sprecher. 

Auch Telefónica verweist auf die Verantwortung der Behörden und fügt hintu, dass diese "erster Linie auf die Warn-App NINA" setzen, um Bürger zu warnen. "Sollten die Behörden künftig weitere beziehungsweise zusätzliche digitale Kanäle – wie etwa die Cell Broadcasting-Technologie – nutzen wollen, stehen wir selbstverständlich für einen Dialog zur Implementierung und Ausgestaltung des Verfahrens zur Verfügung", so ein Telefónica-Sprecher.

Ein Sprecher der Telekom erklärte, dass der Einsatz machbar, aber durchaus mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden wäre: "Um Cell Broadcast im Netz der Deutschen Telekom nutzbar zu machen, wären Hard- und Softwareinstallationen sowie eine umfangreiche Implementierungsphase erforderlich. Anpassungen an den Sendemasten wären nicht notwendig." Die Kosten hingen dabei stark an den genauen Anforderungen ab, "weshalb eine Kostenabschätzung nicht möglich ist".

Verbraucher hätten dabei allerdings nichts zu tun, versichert der Telekom-Sprecher: "Für den Nutzer (Empfänger) würden sich durch Cell Broadcast keine Änderungen ergeben."

Verschiedene Politiker kritisieren allerding deutlich, dass Deutschland auf Cell Broadcast verzichtet. Die rheinland-pfälzische Europaparlamentarierin Jutta Paulus (Grüne) hat die Bundesregierung zu einer schnellen Umsetzung der EU-Richtline zum Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall aufgefordert. "Katwarn und Nina reichen nicht aus", sagte Paulus der Deutschen Presse-Agentur und wies darauf hin, dass "Push-Nachrichten aufs Smartphone werden in anderen Ländern für öffentliche Warnungen sehr lebhaft genutzt" werden. "Man kann mir nicht erzählen, dass es unausweichlich war, dass wir in dieser Katastrophe fast 200 Todesopfer haben", so Paulus.

Unterstützung für die Einführung von Cell Broadcasting kommt auch von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). "Ich bin dafür, dass wir diese Push-Nachrichten auch über die Mobilfunkanbieter beim Bürger ankommen lassen", sagte er in der Sendung "Bild live".

"Aber das ist immer gescheitert, weil der politische Wille an mancher Stelle gefehlt hat.". Seine weitere Aussage, dass die Ausspielung von "Warn-SMS" direkt an die Bürger bislang am Datenschutz gescheitert sei, ist indes wenig nachvollziehbar, da Cell Broadcasts ja eben anonym an alle in eine Funkzelle eingewählten Geräte geschickt werden – ohne dass diese dafür andressiert oder anhand ihrer Telefonnummer identifiziert werden müssten.

Immerhin, das soll sich nach den Worten von Innenminister Horst Seehofer schon bald ändern: BBK-Präsident Armin Schuster habe zur Warnung per Cell Broadcasting bereits im Frühjahr eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, betonte Seehofer am Mittwoch in Berlin. Schuster gehe davon aus, dass das noch vor der Bundestagswahl am 26. September erwartete Ergebnis positiv sein werde.

Dieses Ergebnis würde sich dann mit den Forderungen von Experten decken. Sie weisen immer wieder auf die Möglichkeit von Cell Broadcast hin. Die Arbeitsgruppe Kritische Infrastruktur veröffentlichte im September 2020 einen Gastbeitrag, in dem Experten Cell Broadcast hervorhoben: "Es gibt argumentativ keine Grundlage gegen Cell Broadcast", so die Autoren. "wenn die Mobilfunknetze völlig überlastet sind und Daten an Apps wie Nina nicht mehr durchkommen, funktionieren Cell Broadcasts aufgrund der sehr geringen Datenlast noch am wahrscheinlichsten."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

  • Beitrag der AG Kritis
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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