Sie sind hier: Home > Digital > Internet & Sicherheit > Internet > News und Tipps >

Google Street View: Was Sie jetzt darüber wissen müssen

Was Sie über Google Street View wissen müssen

08.07.2010, 10:24 Uhr | Sascha Plischke, t-online.de

Google Street View: Was Sie jetzt darüber wissen müssen. Stillgelegt: Kamerafahrten von Google sind in Deutschland bis auf weiteres abgesagt (Foto: dpa)

"Kamera-Periskop" auf den Google-Autos lichtet Deutschland ab. (Quelle: dpa)

Seit Monaten sorgt Google mit seinem Straßenfoto-Dienst Street View für Aufsehen. Datenschützer laufen Sturm und fürchten Googles allsehende Kameras, während viele Bürger verunsichert sind, welche Daten der Suchmaschinenkonzern für seinen Dienst wirklich sammelt. Dabei wissen Viele nicht einmal genau, was Street View ist. Wir haben uns Street View näher angeschaut und verraten, worum es wirklich geht in der Kontroverse rund um den Dienst für virtuelle Stadtrundfahrten und welche Daten Google eigentlich sammelt.

Ein Klick auf das orangefarbene Street-View-Männchen in Google Maps bringt so manchen Datenschützer schon in Rage. Dort nämlich kann man sehen, wo Google mit seinen Kamerafahrzeugen schon war, abgefahrene Strecken sind blau markiert – und rund um den Globus sind zumindest in den Industrieländern kaum noch weiße Flecken zu finden. Ganz Westeuropa ist blau, Nordamerika sowieso, Japan ebenfalls und auch in Skandinavien breiten sich die blauen Routen immer weiter aus. Nur Deutschland wehrt sich bisher gegen die Vereinnahmung durch Googles Kamera-Fahrzeuge. Die Menschen sind verunsichert, skeptisch angesichts der anonym und unangekündigt geschossenen Bilder, Datenschützer und Politik ringen um den richtigen Umgang mit dem Phänomen. Irgendwo zwischen Kompromissbereitschaft, Hysterie und Verbotsforderungen pendelt die Stimmung in der deutschen Politik-Elite.

Dabei war Street View 2007 einst mit viel Lob gestartet. Als virtuelle Stadtrundfahrt ermöglicht der Dienst Ausflüge in fremde Metropolen vom eigenen Schreibtisch aus. Die Technik dahinter ist vergleichsweise einfach. Eine Kamera mit acht Linsen schießt während der Fahrt kontinuierlich Bilder. Die setzt später eine von Google entwickelte Software in Rundum-Ansichten zusammen. Daraus entstehen 360-Grad-Panoramen, die der Anwender am Computer durchklicken kann – so entsteht die Illusion einer Rundfahrt, bei der der Anwender sich beliebig umsehen und die Umgebung bestaunen kann.

Street View wird zum Publikumsmagneten

Aus dem viel beachteten Nebenprojekt für Google Maps und Google Earth, das zunächst nur die amerikanischen Metropolen New York, Miami, Denver sowie Las Vegas und San Francisco zeigte, wurde schnell ein Mammutvorhaben für Google. Das Potential des Dienstes wurde dem Konzern schnell klar – die Internetgemeinde überschlug sich vor Begeisterung, von rund um den Globus klickten sich Menschen an die Golden Gate Bridge oder den Times Square. Das bedeutete für Google bares Geld: Der Konzern erzielt seine Traumumsätze von zuletzt über sechs Milliarden Euro im zweiten Quartal 2010 mit der Strategie, aus den Besucherströmen auf den eigenen Seiten per Werbung Geld zu machen. Und Street View entwickelte sich zu einem gewaltigen Publikumsmagneten.

Deshalb erweiterte der Konzern das Angebot kontinuierlich. Zunächst kamen weitere große US-Städte dazu, dann auch Fotos von Landstraßen und Autobahnen im Hinterland. Diese flächendeckende fotografische Erfassung von Straßenzügen lockte jedoch auch Voyeure und Spaßvögel an. Googles neue 3D-Ansichten von Straßenzügen führten zu einem absurden Internet-Sport. Zweideutige Schnappschüsse von Passanten, Hintern, Dekolletés und Skurrilitäten werden plötzlich massenhaft getauscht und bewertet. In Blogs wie StreetViewr.com, GoogleSightseeing.com oder Street View Fun tauchten die peinlichsten Fotos aus Google Street View auf: Männer, die aus Sexkinos kommen, Frauen in knappen Klamotten, Menschen, die sich skurril verhalten. Damit hatte Street View seine Unschuld verloren.

Datenschützer und Politik verdammen Street View

Bald schon wurden Datenschützer auf das Angebot aufmerksam und kritisierten lautstark die Darstellung sich unbeobachtet glaubender Menschen. Die Menschen bewegten sich zwar auf der Straße, so das Argument. Mit einer Abbildung im Internet, wo zehntausende Nutzer ihr möglicherweise unvorteilhaftes Foto sehen würden, rechneten sie dabei aber nicht. Google tat die Bedenken ab und argumentierte mit dem öffentlichen Raum. Man bilde keine Einzelpersonen ab, sondern zeige alltägliche Straßenszenen. Ein einzelner Fotograf dürfe ja auch Bilder von jedem machen und veröffentlichen, sofern nicht ein einzelner Mensch alleine abgebildet werde. Der Konzern ließ weiter Straßenzüge fotografieren und fügte seiner Sammlung England sowie große Teile von Frankreich, Spanien und Italien hinzu.

Auch in Deutschland sollen die Kamerafahrten zum großen Teil bereits abgeschlossen sein. Nur verzögert sich der Start des Dienstes, weil Datenschützer und Politik immer wieder Bedenken anmelden. Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) bezeichnete die Kamerafahrten schon mal als "millionenfache Verletzung der Privatsphäre". Später kündigte Aigner an, gegen die Foto-Touren für Street View vorgehen zu wollen. Aigners erklärtes Ziel ist es, Google zu einem besserem Datenschutz gesetzlich zu verpflichten. Dem Willen der Justizminister der Länder nach soll künftig eine gesetzliche Pflicht zur Verpixelung von Personen oder Autokennzeichen bestehen. Bundesjustizministerium Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) unterstützte den Vorstoß in der Bundesregierung. "Ich stehe dem aufgeschlossen gegenüber", sagte sie.

Google tritt die Flucht nach vorne an

Einer möglichen gesetzlichen Sonderregelung will Google mit zahlreichen Kompromissen den Wind aus den Segeln nehmen. So macht der Konzern schon längst Autokennzeichen und Gesichter automatisch unkenntlich. Bürger dürfen bereits Widerspruch einlegen, noch bevor Bilder von ihnen in Street View veröffentlicht werden. Widerspruch kann nicht nur gegen Bilder von Personen erhoben werden. Auf Wunsch werden auch Häuser unkenntlich gemacht oder sogar vollständig geschwärzt, wenn der Besitzer dies verlangt. Um die Datenschützer zufrieden zu stellen, will Google die Rohdaten der Aufnahmen für Deutschland nach der Bearbeitung löschen. Google macht damit nach eigenen Angaben deutlich mehr Zugeständnisse an die Befürchtungen der Öffentlichkeit als in jedem anderen Land, das für Street View fotografiert wurde.

Mitte Mai musste Google jedoch einen Rückschlag hinnehmen im Kampf um das Vertrauen der Bürger. Der Konzern hatte zugegeben, seit dem Jahr 2007 private Daten aus offenen WLAN-Netzwerken miterfasst zu haben. Die Google-Anwälte beeilten sich zwar, zu betonen, dass die Anwenderdaten nicht analysiert, sondern ohne weitere Verarbeitung auf die Festplatten der Street-View-Autos gespeichert worden seien. Es habe auch keinen Versuch gegeben, die Verschlüsselung von geschützten WLAN-Stationen auszuhebeln. Dennoch schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Als dann noch bekannt wurde, dass die automatische Scan-Software auch Teile von E-Mails und anderer privater Datenströme mitgeschnitten hatte, war die Katastrophe perfekt. Unter anderem deshalb stellte Google vorerst alle Kamerafahrten für Street View in Deutschland ein.

Verunsicherte Verbraucher fürchten Google

Mittlerweile sind die Verbraucher verunsichert und wissen nicht mehr, welche Daten Google denn eigentlich genau sammelt und wo überall fotografiert wird. Als Martin Sonneborn für die satirische heute Show des ZDF Menschen zu Hause besuchte und ihnen sagte, dass er nun für Googles neuen Dienst Home View ihre Wohnungen fotografieren wolle, nahmen sie ihm das sofort ab. Allein bis April hatten schon knapp 10.000 Menschen bereits Widerspruch gegen die Abbildung ihrer Häuser eingelegt. In Österreich griff ein Rentner sogar zur Spitzhacke, um damit ein Google-Auto aus seiner Straße zu vertreiben.

Hier die Fakten: Googles Kamerawagen dürfen nur auf öffentlich zugängigen Straßen fahren, und dort auch nur wo normale PKW erlaubt sind. Privatwege, Einfahrten und Straßen auf Privatgelände darf Google nur mit Genehmigung befahren und dort Fotos machen. Die Kameras sitzen auf einem Mast in einer Höhe von 2,90 Meter. Damit können die Kameras auch über Zäune sehen – sofern das durch den Zaun geschützte Grundstück an einer Straße liegt. Wer diesen Einblick in den Vorgarten nicht im Internet wiederfinden möchte, kann dagegen unbürokratisch Widerspruch erheben. Viele Gemeinden wollen ein entsprechendes Formular in den Geschäftstellen auslegen. Zudem bietet Google direkt in Street View die Möglichkeit zum Widerspruch: Über den Button Ein Problem melden lässt sich das gerade besuchte Bild beanstanden. Weitere Möglichkeiten des Widerspruchs listet Google auf einer eigens eingerichteten Internet-Seite zum Datenschutz in Street View auf.

Street View ist gekommen, um zu bleiben

Die Auseinandersetzung zwischen Google und den Datenschützern wird weiter gehen, und auch die Bürger werden verunsichert bleiben. Sicher ist jedoch, dass Google an seinem Vorhaben festhalten wird, Street View auch in Deutschland an den Start zu bringen. So gut wie alle Ballungsräume sollen bereits fotografiert sein, Google hat also schon jetzt zuviel Geld investiert, um das Vorhaben einfach so einzustellen. Tatsächlich haben Länder und Gemeinden auch kaum eine rechtliche Handhabe gegen den Dienst. Solange Gesichter und Kennzeichen anonymisiert werden und Besitzer von Häusern Bilder ihres Eigentums löschen lassen können, ist juristisch nur wenig gegen das einfache Abfotografieren von Straßenzügen zu unternehmen. Vielleicht ist es also an der Zeit, etwas gelassener mit Street View umzugehen und den Dienst als das zu sehen, als was er in seinen Anfängen wahrgenommen wurde: die Möglichkeit für eine spannende, virtuelle Reise.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
AnzeigeREIFENKONFIGURATOR

Media Markttchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine
Mehr zum Thema
Sie sind hier: Home > Digital > Internet & Sicherheit > Internet > News und Tipps

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: