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Nach Skandal: Facebook braucht mehr Offenheit statt Datenschutz

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MEINUNGFacebook-Skandal  

Donald Trump und die Mär von der Daten-Wunderwaffe

22.03.2018, 21:35 Uhr | Michael Seemann

Nach Skandal: Facebook braucht mehr Offenheit statt Datenschutz. Facebook Schriftzug (Quelle: Reuters/Dado Ruvic)

Facebook: Die Aufregung um einen vermeintlichen Datenskandal ist groß. (Quelle: Dado Ruvic/Reuters)

Ein Datenskandal erschüttert das Facebook-Imperium. Doch in der Debatte gerät viel durcheinander, kritisiert der Blogger Michael Seemann in einem Gastbeitrag. Vor allem die Forderung nach mehr Datenschutz führt in die falsche Richtung. 

Der Datenschutzhimmel ist nun endgültig über unseren Köpfen eingestürzt. Fiese Schurken haben über ein "Datenleck" private Daten von 50 Millionen Menschen von Facebook abgegriffen und damit eine psychologische Big-Data-Waffe gebaut, die Donald Trump über Massenmanipulation direkt ins Oval Office geschossen hat!

Das ist die etwas überspitzte Version der Ereignisse, die derzeit überall die Schlagzeilen dominieren. Bei all der Empörung gerät viel durcheinander. Viele Journalisten bedienen die üblichen Narrative und Feindbilder von den bösen Datenkraken und dem guten Whistleblower, den allmächtigen Algorithmen und der manipulativen Psychologie. Zeit, ein bisschen mit den Missverständnissen aufzuräumen, denn sie führen die Debatte in die falsche Richtung.

1. Es war kein "Datenleck"

Die Daten wurden 2014 durch eine App eingesammelt. Davon betroffen waren aber nicht nur die 300.000 Nutzer, die sich die App installiert hatten und damit der Datenverarbeitung zugestimmt hatten, sondern auch deren Freunde.

Der Zugriff auf die Freundesdaten wurde später abgeschaltet. Das eigentliche Vergehen aber besteht darin, dass die App vorgab, wissenschaftliche Zwecke zu verfolgen. Später wurden die eingesammelten Daten widerrechtlich an Cambridge Analytica weiterverkauft. Als 2015 die Sache bekannt wurde, verlangte Facebook zwar die Löschung. Die Berichte des "Whistleblowers" Christopher Wylie legen aber nun nahe, dass sie noch existieren.

2. Die Manipulationsfähigkeiten von Cambridge Analytica wurden massiv übertrieben.

Für jemanden, der sich schon länger mit Facebook auseinandersetzt, ist die Aufregung nur schwer zu verstehen. Denn solche Daten fließen schon die ganze Zeit ab, seitdem die Programmierschnittstelle (API) namens „Open Graph Protocol“ 2010 eingeführt wurde. Auf dieser Schnittstelle bauen unabhängige Entwickler ihre Apps auf. 

Tausende Facebook-Apps wurden dafür programmiert und eingesetzt. Ex-Präsident Barack Obama hat mit denselben API-Zugriffen seine Kampagne befeuert. Die Leute haben ihm dafür zugejubelt. Und auch dass es nun zum ersten Mal zu einer Verletzung der Nutzungsbedingungen (AGBs) gekommen sein soll, ist nur schwer zu glauben.

Die Aufregung rührt eher daher, dass Cambridge Analytica den Anschein zu erwecken suchte, sie wären für Donald Trumps Wahlsieg verantwortlich. Sie präsentierten dafür eine interessante Herangehensweise: Aus Nutzerdaten wurden psychologische Profile erstellt, um schließlich gezielt Werbung ausspielen zu können. 

Nun ist dieses sogenannte "Targeting" in der Werbebranche nichts Neues, aber Psycho-Targeting durchaus. Medien griffen die Geschichte gerne auf, weil sie neu, gefährlich und trotzdem irgendwie wissenschaftlich klang. Die Leser wiederum haben sie begeistert weiterverteilt, bot sie doch eine einfache Erklärung für das Unerklärliche: den Wahlsieg der Witzfigur Donald Trump. Obendrein gab es einen finsteren Kreis von Schuldigen, auf die man zeigen konnte.

Keine Frage: Das ist eine gute Geschichte. Aber sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch. Dreizehn Angestellte der Trump-Kampagne bekräftigten bereits letztes Jahr, dass Cambridge Analytica praktisch gar nicht zum Einsatz kam. Auch die Kampagne von Ted Cruz, für die die Firma noch während des Vorwahlkampfes arbeitete, trennte sich enttäuscht von ihr.

Einen Nachweis für die Wirksamkeit ihrer Technologie bleiben die "Daten-Magier" bis heute schuldig. Sogar Aleksandr Kogan, der die Daten für Cambridge Analytica aus Facebook holte, räumt heute ein, dass die Behauptungen zur Wirksamkeit der CA-Methode dramatisch übertrieben waren. 

3. Nicht Facebooks Geschäftsmodell ist Schuld

Datenschützer regen sich schon aus Prinzip über Facebook auf. Und der jüngste Datenskandal bietet natürlich die perfekte Angriffsfläche. Facebook sei ein "Überwachungskapitalist", hört man. Das Unternehmen sammle private Daten und mache damit Profit. Darin liege der eigentliche Skandal. Das Werbegeschäftsmodell ist demnach Schuld daran, dass unsere Daten nicht sicher sind. 

In Wirklichkeit trifft wohl eher das Gegenteil zu: Wenn man mit Werbung Geld verdienen will, macht es überhaupt keinen Sinn, anderen Unternehmern Zugang zu den eigenen Nutzerdaten zu geben. Die Daten sind der wertvollste Schatz, den Facebook in dieser Hinsicht hat. Warum sollte das Unternehmen diesen aus der Hand geben?

Mit anderen Worten: Die offene Programmierschnittstelle ist mit einem Geschäftsmodell, das auf Werbung basiert, nicht vereinbar. Was hat Facebook also geritten, seine Daten so großzügig an App-Entwickler herauszugeben?

Um das zu verstehen, muss man in der Unternehmensgeschichte ein paar Jahre zurückgehen. Als die „Open Graph“-API eingeführt wurde, hatte Facebook nämlich noch wenig Lust auf Werbung. Stattdessen plante der Social Media-Gigant ein App Store-Geschäftsmodell nach dem Vorbild von Apple und Google. Die offene API sollte unabhängige Entwickler anlocken, die auf der Plattform soziale Apps anbieten sollten. Facebook wollte 30 Prozent des Umsatzes einstreichen

Doch daraus wurde nichts. Der rasante Anstieg der Smartphone-Nutzung zwang Facebook zum Umdenken: Mehr und mehr Menschen nutzten Facebook unterwegs. Die Webseite verlor an Bedeutung, die eigene App entwickelte sich zum Champion. 

Heute macht Facebook seine Gewinne fast ausschließlich durch Werbung. Eine offene Schnittstelle, über die sich Unmengen an Daten absaugen lassen, ist in diesem Geschäftsmodell eher hinderlich. Deswegen hat Mark Zuckerberg auch kein Problem damit, besseren Datenschutz zu versprechen und die API-Zugriffe weiter einzuschränken.

4. Die Einschränkung der API ist eine schlechte Nachricht

Am Ende hat die ganze Aufregung als nur dazu geführt, dass sich Facebook weiter abschottet. Der "geschlossene Garten", vor dem Netzexperten immer gewarnt haben, wird Wirklichkeit. Nach einer kurzen Phase der Öffnung wird Facebook jetzt unter dem Deckmantel des Datenschutzes die Türen umso fester verriegeln. 

Dabei stimmt es ja, dass Facebook einen großen Anteil an Trumps Wahl, dem Brexit oder dem Erfolg der AfD hat. Aber nicht, weil es von finsteren Mächten in eine Waffe verwandelt wurde, sondern weil Öffentlichkeit auf Facebook nach neuen und für uns noch ungewohnten Regeln funktioniert. 

Unsere politischen Informationen und Debatten finden vor allem in den sozialen Netzwerken statt. Und es gibt einige Hinweise, dass dieser Strukturwandel einige unvorhergesehene Effekte hatte: meinungsverstärkende Effekte in digitalen Echokammern, virale Empörungswellen (oder auch "Shitstorms"), eine Verschiebung der Debatten hin zum Emotionalen, politische Tribalisierung, "Fake News", Filterblasen und so weiter.

Um diese Vorgänge aber zu verstehen, müssen mehr Menschen – vor allem Wissenschaftler – die Möglichkeit erhalten, in Facebook reinzuschauen. Sie müssen Zugang zur API erhalten. Und diese Schnittstelle sollte weiter ausgebaut statt zugesperrt werden.

Statt mehr Datenschutz durchzusetzen, sollte die Politik dafür sorgen, dass sich die Plattformen wieder öffnen. Erst wenn wir verstehen, was da vor sich geht, können wir Lösungen für die unvorhergesehenen Effekte der neuen digitalen Öffentlichkeiten finden. Weil die Debatte falsch geführt wird, passiert jetzt erstmal das genaue Gegenteil.

Über den Autor

Michael Seemann ist seit 2005 mit verschiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete twitkrit.de und die Twitterlesung, organisierte verschiedene Veranstaltungen und betreibt den populären Podcast wir.muessenreden.de. Anfang 2010 begann er das Blog CTRL-Verlust zuerst bei der FAZ, seit September auf eigene Faust, in dem er über den Verlust der Kontrolle über die Daten im Internet schreibt. Seine Thesen hat er im Oktober 2014 auch als Buch veröffentlicht: Das Neue Spiel, Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.

Verwendete Quellen:

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