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Tausende spenden aus Wut gegen Krebs

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 28.03.2018Lesedauer: 4 Min.
Kaum bunte Bildchen: Auf pr0gramm dominierten die Screenshots von Spendenbelegen f├╝r den Kampf gegen Krebs das Bild.
Kaum bunte Bildchen: Auf pr0gramm dominierten die Screenshots von Spendenbelegen f├╝r den Kampf gegen Krebs das Bild. (Quelle: Screenshot/Twitter, Montage-t-online.de)
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Eine Kampagne gegen den Sicherheitsexperten Brian Krebs hat im Netz eine verr├╝ckte Wendung genommen: Die Abneigung gegen Krebs brachte die Seite der Deutschen Krebshilfe zum Absturz, als Tausende Nutzer auf einmal f├╝r den "Kampf gegen Krebs" spenden wollten.

Das ist die vielleicht beste Art, gegen etwas zu sein: Nach einem Bericht ├╝ber die deutsche Seite pr0gramm.com hat die Wut auf den Autor einige Nutzer zu einer ungew├Âhnlichen Spendenaktion angeregt. Mehrere Tausend Nutzer ├╝berwiesen Geld an die Krebshilfe, um "eines der gr├Â├čten Probleme unserer Zeit" (Krebs) zu bek├Ąmpfen. Versehen sind viele Zahlungen mit Botschaften wie "Krebs ist schei├če". Gem├╝nzt ist das auch auf den Sicherheitsexperten Brian Krebs, der die Identit├Ąt von pr0gramm-Machern ├Âffentlich gemacht und sich damit den Zorn zugezogen hat.

pr0gramm ist ein sogenanntes Image Board. Dort werden von den Nutzern Bilder und Videos gepostet und kommentiert. Am Dienstagabend waren dort fast nur noch Screenshots von ├ťberweisungen f├╝r die Krebshilfe zu sehen. Google Trends zeigte, dass auch die Suchanfragen um mehrere Tausend Prozent in die H├Âhe schnellten.

Als die Seite der Deutschen Krebshilfe schlie├člich unter dem pl├Âtzlichen Ansturm zusammenbrach, kamen auch andere Organisationen in den Genuss von Spenden. Zudem erhielten auch Einrichtungen in ├ľsterreich und der Schweiz Spenden. Den Bildschirmfotos zufolge waren darunter so gut wie keine Spa├čspenden mit Kleinstbetr├Ągen. Die Deutsche Krebshilfe teilte am Mittwochabend mit, es seien 4100 Spenden mit einem Betrag von 103.000 Euro eingegangen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum berichtete von 74 Spenden. Die DKMS twitterte: "Wir k├Ânnen unseren Augen kaum trauen und freuen uns sehr ├╝ber die sehr sehr zahlreichen Geldspenden."

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Zun├Ąchst Memes gegen Journalist

Ihre Abneigung gegen Krebs hatten die Nutzer auch schon vor der Spendenaktion deutlich gemacht ÔÇô mit fiesen Bildern, die gegen den Journalisten Brian Krebs gerichtet sind. Nach seinem Bericht vom Montag mit Name und Wohnorten von pr0gramm-Verantwortlichen f├╝rchten viele in der Community das Aus f├╝r die Seite. "Wenn pr0gramm runtergefahren wird wegen des Berichts, dann verlieren Hunderttausende Kellerkinder ihren Lebensinhalt", schrieb ein Nutzer halbironisch auf Twitter an Krebs. Der US-Journalist antwortete: "Die Kellerbewohner m├╝ssten also etwas anderes tun, als anonym Hassbilder und Todesdrohungen gegen Journalisten zu posten? W├Ąre ja echt eine Schande!" Krebs ist durch seine Recherchen ├╝ber Internetkriminelle hartgesotten, ihm wurde auch schon Heroin ins Haus geschickt, um ihm etwas anzuh├Ąngen.

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Was nach seinem aktuellen Artikel passierte, war da vergleichsweise harmlos. Es folgten ÔÇô schnell verworfene und aussichtslose ÔÇô ├ťberlegungen, seine Seite mit massenhaften Zugriffen ├╝ber Bot-Netze zu st├Âren. Es hagelte au├čerdem Memes, also Bilder und Bildmontagen, in denen Krebs oft auch verletzend angegangen wurde.

pr0gramm ist f├╝r rauen Humor bis ├╝ber die Schmerzgrenze bekannt, Meinungsfreiheit wird dort auch mit Schockbildern gelebt, die selbst extrem ├╝berforderte Facebook-Content-Moderatoren sofort l├Âschen w├╝rden. Ein Administrator postete in Sachen Krebs eine Mahnung: Jegliche Vergeltungsaktionen w├╝rden nur pr0gramm schaden. "Bleibt sachlich und h├Âflich", so die Bitte.

Screenshot trat Welle los

Am Dienstagabend ├Ąnderte sich die Auseinandersetzung dann, nachdem ein Nutzer, "BassT87", einen Screenshot als Beleg f├╝r eine 25-Euro-Spende an die Krebshilfe postete. "Ich habe den Rummel um Herrn Krebs mal zum Anlass genommen, meinen Teil gegen Krebs beizutragen. Vielleicht macht der ein oder andere es ja (statt dem dr├Âlftausendsten Meme) ja nach...". Bereits fr├╝hmorgens hatte ein Nutzer "Xari" die Idee auch gepostet, aber ein Posting um 5.03 Uhr findet selbst bei pr0gramm-Nutzern wenig Beachtung. "BassT87" trat dann aber die Welle los ÔÇô und l├Ąsst manche Nutzer beinahe gl├╝ckselig staunen, zu was die Community in der Lage ist.

Den Unmut hat sich Brian Krebs zugezogen mit einem Text zu Coinhive. Das ist eine Software, die Seitenbetreiber einsetzen k├Ânnen, um die Rechner nichtsahnender Besucher zum "Sch├╝rfen" nach Kryptow├Ąhrung einzusetzen. "Motherboard" nennt sie "die fieseste Malware des Jahres". Mehr als eine Milliarde Nutzer im Monat stellen den "Crypto-Jackern" unfreiwillig Rechnerleistung zur Verf├╝gung. Krebs enth├╝llte, dass der Spieleentwickler und pr0gramm-Gr├╝nder Dominic Szablewski Coinhive entwickelt hat.

Artikel holt Macher aus der Anonymit├Ąt

Szablewski hat das auch inzwischen selbst in einem Blog-Beitrag erkl├Ąrt. Obwohl er bei pr0gramm lange ausgeschieden sei, habe er dort mit dem Prototyp einer solchen Sch├╝rfsoftware testen d├╝rfen. Das war ein Erfolg, er gr├╝ndete Coinhive.

Was die pr0gramm-Nutzer nun so emp├Ârt: Krebs machte auch Informationen von aktuellen Beteiligten an pr0gramm ├Âffentlich ÔÇô und Anonymit├Ąt und Datenschutz sind den Nutzern und Betreibern heilig. Zwei Administratoren schreiben in einem Statement, dass man versucht habe, nach massiven Drohungen die Identit├Ąt der Mitarbeiter bestm├Âglich zu sch├╝tzen. Mit Coinhive habe man nichts zu tun ÔÇô das war aber die Rechtfertigung von Krebs, die Identit├Ąten ├Âffentlich zu machen. Die Betreiber deuten an, dass sie auch gut ohne pr0gramm leben k├Ânnten und sich in den n├Ąchsten Tagen zeigen werde, wie es weitergeht. Nutzer hoffen, dass die Spenden gegen Krebs Eindruck machen.

Die Stiftung Deutsche Krebshilfe wusste gar nicht, wie ihr geschah: Die Pressestelle erfuhr am Mittwoch durch t-online.de von dem Geschehen in der Nacht. Die vorl├Ąufige Auswertung der Flut von Spenden zog sich bis in den fr├╝hen Abend. Vorstandsvorsitzender Gerd Nettekoven wollte sich zu ÔÇ×pr0grammÔÇť und dem Streit mit Brian Krebs nicht ├Ąu├čern. Nettekoven dankte aber "allen Spenderinnen und Spendern f├╝r ihre Unterst├╝tzung im Rahmen dieser au├čergew├Âhnlichen Initiative. Sie alle helfen uns, die Versorgung krebskranker Menschen weiter zu verbessern und die Krebsforschung voranzubringen."

Update, 28. M├Ąrz, 17:28 Uhr: Der Text wurde nach einer Stellungnahme mit Informationen der Deutschen Krebshilfe aktualisiert.

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