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Algorithmen sollen Kriegsverbrechen aufklären

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Tod in der Timeline  

Algorithmen sollen Kriegsverbrechen aufklären

17.05.2018, 18:54 Uhr | Oliver Beckhoff, dpa

. Krieg in Syrien: Die digitale Verbrechensaufklärung soll immer mehr Einzug in die Justiz finden.  (Quelle: AP/dpa/SANA)

Krieg in Syrien: Die digitale Verbrechensaufklärung soll immer mehr Einzug in die Justiz finden. (Quelle: SANA/AP/dpa)

Als einer der ersten Konflikte ereignet sich der Syrienkrieg "live" in Nachrichtenleisten sozialer Netzwerke. Menschenrechtler wollen das zur Aufklärung von Kriegsverbrechen nutzen. Doch es gibt Hürden.

Einen Moment lang taucht der Feuerball die Landschaft in grelles Licht. Schemen von Gebäuden werden sichtbar. Dann legt sich die Nacht wieder wie ein Schleier über das Geschehen. Der Luftschlag richtet sich gegen ein Krankenhaus in Idlib, im Nordwesten Syriens. Was sich dort Inneren des Gebäudes abspielt, lässt das Amateurvideo nur erahnen.

Es ist die vierte Attacke gegen ein Krankenhaus in der Stadt innerhalb eines Monats. Nachgewiesen haben dies Menschenrechtler der Gruppe Syrian Archive. Die Gruppe sucht Menschenrechtsverstöße mithilfe von Internetvideos. Im Berliner Büro der Gruppe ist der Krieg in Syrien stets präsent.

Der Konflikt startete im Jahr 2011. Sollte die Staatengemeinschaft Kriegsverbrechen eines Tages aufklären wollen, könnte künstliche Intelligenz (KI) eine Schlüsselrolle spielen. Die App "VFrame", die die Gruppe zusammen mit Forschern entwickelt hat, könnte es möglich machen. Im Rahmen der "Open Knowledge Foundation Deutschland" wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Programm sei viel schneller als Menschen

Hadi Khatib spricht bedächtig, als er Anfang Mai auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin präsentiert, was die Arbeit seiner Mitarbeiter in Berlin und ihrer Unterstützer in Syrien bereits revolutioniert hat. Er ist Gründer des Syrian Archive, eine 2014 in Berlin geschaffene Gruppe. Sie sammelt, verifiziert und analysiert Videos sowie Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen.

So wollen sie Menschenrechtsverstöße zu dokumentieren. Der Fokus liegt auf dem Syrienkonflikt. Mehr als 1,5 Millionen Videos hat das Syrian Archive gesammelt. Das seien mehr, als ohne technische Hilfe ausgewertet werden könnten. Rund 4.500 der Clips hat die Gruppe bis Anfang Mai verifiziert.

Der Krieg in Syrien ist einer der ersten Konflikte, der live in die Nachrichtenleiste sozialer Netzwerke übertragen wird – in Form verwackelter Handyaufnahmen auf YouTube, Facebook oder Twitter. Menschen müssen Videos ganz anschauen, um Hinweise auf Menschenrechtsverstöße zu entdecken. Die App dagegen liefert in Sekunden einen Zusammenschnitt verdächtiger Funde. Etwa 51 Mal schneller als Menschen sei das Programm, sagt der Wissenschaftler und Mitentwickler Adam Harvey.

App hilft bei Verifikation

"Verdächtig", das sind vor allem nach internationalen Übereinkommen geächtete Kriegsmittel – Waffen und Munition, zum Beispiel bestimmte Giftgaszylinder. Achtzehn Waffentypen kann der Algorithmus bereits erkennen. Selbst dann, wenn sie nur verdreckt oder beschädigt zu sehen sind. Bis Anfang Juni wollen die Entwickler dem Programm die Erkennung weiterer Munitions- und Waffentypen antrainieren. So sollen auch Ressourcen freigesetzt werden für die aufwendige Verifikation.

Katib zeigt Aufnahmen eines Luftangriffs in Aleppo. "Wer hat Zugriff auf den Luftraum?", fragt er und antwortet selbst: Syrien und Russland. Die Kamera folgt dem Geschoss eines Kampffliegers. Gebäude ragen ins Bild. Khatib markiert sie. "Wir gehen durch das gesamte Video und markieren Landmarken", sagt er. Anhand der Markierungen wird der Ort der Aufnahmen bestimmt. Kinder laufen durchs Bild. "Es passiert in zivilem Gebiet, wir haben das mit Satellitenbildern abgeglichen." Auch bei der Verifikation hilft die App, indem sie Informationen, sogenannte Metadaten, ausliest und wiederherzustellen hilft.

Inhalte sind oft traumatisierend

Mitarbeiter von YouTube, Facebook und anderen sozialen Netzwerken löschten massenhaft Aufnahmen, die Menschenrechtsverstöße belegen könnten, erklärt Khatib. Damit wollten sie extremistische Inhalte verhindern.

Allein YouTube löschte laut eines Transparenzberichts im vergangenen Jahr mehr als acht Millionen Videos mit "unangemessenen Inhalten". Auch hier helfen Algorithmen: Etwa 6,7 Millionen dieser Videos wurden automatisch gelöscht. Viele davon enthielten keinen Extremismus. Dafür aber Hinweise auf Kriegsverbrechen, sagt Khatib. Er kritisiert die  Löschpraxis. Seine Mitarbeiter sichern alles, was sie finden können.

Die Inhalte sind oft traumatisierend. "Die Kamera fokussiert auf Dämpfe, die aus den Körpern austreten", heißt es in der Beschreibung eines Videos, das Opfer einer mutmaßlichen Giftgasattacke zeigt. Seit der Chemiewaffenkonvention von 1993, die vier Jahre später in Kraft trat, sind Chemiewaffen weltweit geächtet. 212 mutmaßliche Chemie-Attacken während des Syrienkriegs hat das Syrian Archive lokalisiert. Die Organisation hat Ende April eine Datenbank zu den mutmaßlichen Attacken angelegt. Sie listet mehr als 860 verifizierte Videos.

Dokumentation für juristische Aufarbeitung

"Wir wollen sicherstellen, dass die visuelle Dokumentation für jede Art von juristischer Aufarbeitung genutzt wird", sagt Khatib. Auch für rechtswissenschaftliche Forschung solle das Material verwendet werden – weil die aus Netzwerken kopierten Bilder den Anforderungen von Gerichten nicht immer genügen.

Der erste Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof allein auf Grundlage von Internet-Videos erlassen hat, liegt nur wenige Monate zurück. Bis heute wartet die Behörde auf die Auslieferung des hochrangigen libyschen Offiziers Mustafa al-Werfalli. Aufnahmen aus Bengasi sollen ihn bei der Erschießung gefesselter Menschen zeigen.

Digitale Verbrechensaufklärung 

Längst gibt es andere, die wie das Syrian Archive auf digitale Beweissuche gehen. So hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sogenannte "Digital Verification Corps". Mit Hilfe der Verifikationsspezialisten zeigte die Organisation unter anderem Misshandlungen von Flüchtlingen auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea auf.

Zu den Pionieren gehört auch das Recherchenetzwerk Bellingcat um den britischen Investigativjournalisten Elliot Higgins. Mit beiden Gruppen kooperiert das Syrian Archive. Der Haftbefehl gegen den Libyer Al-Werfalli macht den Aktivisten Hoffnung: Die digitale Verbrechensaufklärung erreicht – trotz Hürden – langsam die Justiz. Welche Rolle künstliche Intelligenz dabei spielen wird, entscheidet sich aktuell auch in Deutschland und Syrien.

Verwendete Quellen:
  • dpa

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