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Rentenvorsorge mit Aktien: Zocken fürs Alter

Altersvorsorge mit Aktien  

Zocken fürs Alter

01.12.2007, 11:29 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Händler an der Börse (Foto: dpa)Händler an der Börse (Foto: dpa) John Maynard Keynes dachte ziemlich nüchtern: "Langfristig sind wir alle tot", stellte der Ökonom einst kühl fest. Etwas weniger langfristig gesehen, sind die meisten von uns in Rente. Weil die gesetzlichen und betrieblichen Rentenansprüche in Zukunft nach allen gängigen Vorhersagen nicht den heutigen Standard decken werden, muss zusätzlich und ebenfalls ganz nüchtern privat vorgesorgt werden. Junge Berufstätige kommen nicht umhin, Annahmen über die ferne Zukunft zu treffen.

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Mit 100 Dollar zum Millionär

Über alle Aufs und Abs hinweg bieten Aktien die höchste Rendite aller Anlageklassen. Ein 20-Jähriger, der 1962 eine Aktie von Starinvestor Warren Buffetts Firma Berkshire Hathaway für sieben Dollar kaufte, kann sie heute für knapp 140.000 Dollar verkaufen und mit 65 seinen Ruhestand genießen. Der Einsatz ist also, von der Inflation einmal abgesehen, fast 20.000-fach wieder heraus. Natürlich ist dieses Beispiel absurd. Damals war Berkshire Hathaway, noch ohne Buffetts Beteiligung, ein Textilunternehmen in der Krise. Bald darauf wurde die Produktion beendet, nur die rechtliche Hülle der Firma blieb. Die Wahrscheinlichkeit, selbst aus der geringen Auswahl des Jahres 1962 diejenige Aktie zu wählen, die einen derartigen Erfolg vor sich hat, ist nicht viel größer als die, den aktuellen Lotto-Jackpot zu knacken. Und damit würde man sogar noch deutlich mehr verdienen.

Hohe Rendite, hohe Schwankungen

Doch selbst über den gesamten Markt gestreut kann sich die Performance von Aktieninvestments sehen lassen. Rüdiger von Rosen, Direktor des Deutschen Aktieninstituts, schätzt die jährliche Durchschnittsrendite konservativ auf acht Prozent. Mitunter werden zehn Prozent und mehr genannt. Kaum ein Vermögenswert schwankt aber so stark wie Aktien. Langfristig orientierte Anleger müssen schon einige Einbrüche verkraften können. Dass die Aktienmärkte ganzer Länder über Zeiträume von zehn Jahren im Minus liegen, ist keine Seltenheit. Selbst 20-jährige Verlustphasen sind in den meisten Ländern schon vorgekommen. Doch auf längere Sicht kann man sich nach der historischen Erfahrung auf ein Plus verlassen. Ist Kaufen und Liegenlassen also die Strategie der Wahl?

Strukturen verändern sich schnell

Nur bedingt. Denn alle Statistiken über den langfristigen Erfolg der Aktienmärkte leiden unter dem "Survivorship Bias": Aktienindizes bilden nur die Überlebenden ab, die Titel, die es geschafft haben. Aber Aktiengesellschaften können auch Pleite gehen, von anderen übernommen und zerschlagen, verstaatlicht, in Kriegen oder Katastrophen zerstört werden. Im Dow Jones Industrial Average, dem Verzeichnis der amerikanischen Standardwerte, ist heute noch genau eine Aktie vertreten, die auch bei der Auflegung des Indizes 1896 schon ein Bluechip war: die von General Electric. Selbst der vergleichsweise junge DAX mit seinen heute rund 7800 Punkten ist nicht derselbe, der zum Stichtag 31. Dezember 1987 auf 1000 Punkte berechnet wurde. Damals gehörten noch so illustre Namen wie die Deutsche Babcock oder Papiermühle Nobel dazu. Wer dauerhaft auf Augenhöhe mit der Marktperformance bleiben will, muss seine Investments regelmäßig überprüfen.

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Mit den USA hat niemand gerechnet

Denn auch auf ganze Länder bezogen können Anleger auf lange Sicht kräftig daneben liegen. Wer ahnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon, dass die USA zur führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen und von den großen weltweiten Katastrophen weitgehend verschont bleiben würden? Anleger in russische, chinesische, ägyptische oder argentinische Wertpapiere dagegen (diese vier Länder zählten damals zu den 16 größten Märkten) mussten Totalausfälle hinnehmen. Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton von der London Business School haben in ihrem Buch "Triumph of the Optimists" die wohl gründlichste Langfristuntersuchung der weltweiten Aktienmärkte vorgelegt. Sie haben den "Survivorship Bias" vermieden und neben dem arithmetischen Mittel auch den geografischen Durchschnitt berechnet, der den Zinseszins berücksichtigt. Für das 20. Jahrhundert kommen sie so auf eine jährliche Rendite von 5,8 Prozent weltweit. In den USA sind es 6,7, in Deutschland nur 3,6 Prozent.

Besser Anleihen-Anteil erhöhen

Im Vergleich zu langfristigen Staatsanleihen, deren Rendite weltweit nur 1,2 Prozent betrug und in Deutschland sogar negativ war, stehen Aktien stattlich da. Trotzdem empfehlen die Autoren, für langfristige Vorsorge den Anteil von Anleihen im Portfolio zu erhöhen. Der Renditeaufschlag von 4,6 Prozentpunkten für Aktien sei nichts anderes als eine Prämie für das höhere Risiko. Und gemessen am tatsächlichen Ausfallrisiko von Aktieninvestments sei diese Prämie zu gering. Der Harvard-Professor John Campbell fasst den gesunden Menschenverstand so zusammen: "Die Wahrscheinlichkeit, Geld zu verlieren, nimmt mit der Dauer des Investments ab. Doch das wird von der zunehmenden Größe möglicher Verluste über lange Zeiträume aufgewogen."

Der richtige Zeitpunkt entscheidet

Wer dauerhaft eine Rendite von fünf bis sechs Prozent erwartet und nicht unbedingt auf das Kapital angewiesen ist, fährt weiterhin mit Aktien am besten. Vermasseln kann diese Rechnung allerdings der falsche Zeitpunkt zum Einstieg. Wer auf dem Höhepunkt eines Börsenzyklus teure Aktien kauft und alles auf eine Karte setzt, muss die Papiere oft länger als 30 Jahre halten, um auf ein sattes Plus zu kommen. Derzeit erscheinen die Bewertungen der meisten Aktien mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) um 15 zwar nicht gerade übertrieben. Doch diese Rechnung geht nur dank außergewöhnlich hoher Unternehmensgewinne auf. Keynes hatte übrigens grundsätzlich nichts gegen langfristiges Denken. Am Aktienmarkt allerdings hat er, der Antispekulant, mit kurzfristigen Spekulationen ein Vermögen gemacht - und der Legende nach sogar die gewaltigen Verluste im Crash-Jahr 1929 binnen kurzer Zeit wieder ausgeglichen.

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