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Rentensystem benachteiligt Familien: 13-Jähriger zahlt 77.000 Euro drauf

Ungleiche Belastung  

Familien zahlen im Rentensystem drauf

17.01.2014, 17:51 Uhr | t-online.de - sia

Rentensystem benachteiligt Familien: 13-Jähriger zahlt 77.000 Euro drauf. Das deutsche Rentensystem benachteiligt Familien massiv, kritisiert eine neue Studie (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Das deutsche Rentensystem benachteiligt Familien massiv, kritisiert eine neue Studie (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Deutschland steckt jährlich etliche Milliarden in die Familienförderung - bei der Rente sind Familien jedoch offenbar massiv benachteiligt. Wie eine neue Bertelsmann-Studie zeigt, bringt jedes Kind der deutschen Rentenkasse zwar einen Überschuss von 77.000 Euro. Eltern werden demnach allerdings zusätzlich belastet. Das ließe sich der Untersuchung zufolge mit geringfügigen Reformen ändern.

Experten kritisieren starke Benachteiligung

Die Analyse zeigt, dass ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens durchschnittlich 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen als er selbst an Rente beziehen wird. Dieser Effekt setzt sich fort, wenn das Kind seinerseits Nachwuchs - und damit neue Rentenbeitragszahler - bekommt.

Am Ende ergibt sich demnach eine Summe von 158.300 Euro innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Auch für 1990 beziehungsweise 2010 Geborene ändert sich daran wenig, diese Jahrgänge sorgen nach der Rechnung der Ökonomen für einen Überschuss von 156.000 und 156.900 Euro.

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Früher Geborene profitieren nur geringfügig

Das liege bei dem zehn Jahre früher geborenen Kind daran, dass dieses im Vergleich mit dem 13-Jährigen von etwas günstigeren Beitragssätzen und einem höheren Rentenniveau profitiere, erklärte Martin Werding, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Bochum, im Gespräch mit t-online.de.

Bei einem zehn Jahre später geborenen Kind gelte das Gegenteil, die jährlichen Zahlungen würden jedoch stärker diskontiert. Diskontieren bedeutet, den Wert einer zukünftigen Zahlung für einen Zeitpunkt, der vor dem der Zahlung liegt, zu ermitteln.

Die Eltern jedoch hätten von den Überschüssen wenig, kritisieren die Forscher. Zwar hätten sie mit der Gründung einer Familie und ihrer Erziehungsleistung der Rentenkasse diesen Überschuss ermöglicht. Aber weder erhöhe sich dadurch ihre eigene Rente wesentlich, noch zahlen sie weniger Beiträge als Kinderlose.

Reformen gefordert

Die Studienautoren sehen bei der heutigen GRV deshalb dringenden Reformbedarf. "Unser Rentensystem benachteiligt Familien - ausgerechnet diejenigen, die das System am Leben erhalten", sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Das Argument der Experten: Kinder finanzieren in ihrem späteren Erwerbsleben mit ihren Einzahlungen in die Rentenkasse nicht nur die Altersversorgung ihrer eigenen Eltern, sondern auch die der Kinderlosen aus ihrer Elterngeneration.

Fiskalische Bilanz eines Kindes im deutschen
Steuer-Transfer-System

Fiskalischer Effekt

im Lebenszyklus'
eines Kindes

inkl. Effekte von
Kindeskindern

Beiträge/Leistungen
der Sozialversicherungen

123.400

252.800

gesetzl. Rentenversicherung

77.200

158.300

gesetzl. Krankenversicherung

33.600

68.000

soziale Pflegeversicherung

12.300

25.300

Bundesagentur für Arbeit

200

400

Steuern

167.200

342.600

Einkommensteuern

71.300

146.200

Verbrauchsteuern

95.800

196.400

steuerfinanzierte
staatliche Maßnahmen

-240.100

492.000

Kinderbetreuung und
Bildung

-92.000

-188.500

familienpol. Maßnahmen,
z.B. Kindergeld, Elterngeld

-59.700

-122.300

weniger Steuern und Abgaben
durch betreuungsbedingte
Verdienstausfälle der Eltern

-59.600

-122.200

öffentliche Güter*

-28.800

-59.000

Saldo

50.500

103.400

*Pro-Kopf-Anteil der inländischen Ausgaben der Gebietskörperschaften
wie politische Führung, Verteidigung, öffentliche Sicherheit,
Wissenschaft, Gesundheit, Wirtschaftsförderung, Verkehr
und allgemeine Finanzverwaltung

Quelle: Bertelsmann-Stiftung

Rentensystem ab 2030 unter Druck

Weil die Menschen immer älter werden und zugleich immer weniger Kinder geboren werden, werden die Rentenbeiträge bereits ab 2030 ihre gesetzliche Obergrenze von dann 22 Prozent überschreiten, hat Martin Werding berechnet.

Auch das Rentenniveau wird Werding zufolge unter die gesetzliche Untergrenze fallen. "Spätestens mit dem Ende des demographischen Zwischenhochs 2030 gerät unser heutiges Rentensystem massiv unter Druck", kommentiert Jörg Dräger die zu erwartenden Entwicklungen.

Eltern finanzieren zwei weitere Generationen

Obwohl sie das Rentensystem aufrechterhalten, tragen Familien in Deutschland während des Aufwachsens ihrer Kinder höhere Belastungen als Kinderlose, heißt es in der Untersuchung. Denn Eltern kämen in der Familienphase neben ihrem eigenen Lebensunterhalt für zwei weitere Generationen auf.

Sie finanzieren über ihre Rentenbeiträge die Generation ihrer eigenen Eltern, und zusätzlich investieren sie Geld in ihre Kinder. Gerade wenn der Nachwuchs klein ist, schränken Mütter und Väter zudem oftmals ihre Berufstätigkeit ein, so dass Einkommen und Rentenansprüche sinken.

Mütterrente bilden keinen Ausgleich

Die durchschnittlich 8300 Euro hohe Mütterrente, mit denen das Rentensystem die Erziehungsleistung von Eltern honoriert, mache nur einen kleinen Teil der 77.000 Euro aus, die es durch jedes Kind an Überschuss erhält.

Auch die derzeit 156 familienpolitischen Maßnahmen und die staatlichen Bildungsangebote wiege die Investitionen von Familien in Kinder nicht auf, so die Studienautoren. Zwar komme die Allgemeinheit, darunter die Kinderlosen, für die Kosten von Kitas, Schulen, Kindergeld und Elterngeld auf.

Nach Berechnungen der Experten zahlt ein durchschnittliches Kind im Laufe seines Lebens trotzdem 50.500 Euro mehr in die Sozialkassen und ins Steuersystem ein als es an staatlichen Zuschüssen für Betreuung und Bildung erhält.

Entlastung von Familien verlangt

"Angesichts der Leistung von Eltern und der positiven Effekte, die ein Kind im weiteren Leben für die Gesellschaft erzielt, sollten Familien in der Erziehungsphase finanziell entlastet werden", sagte Stiftungs-Vorstand Dräger. Denn die hohe Belastung von Familien durch Rentenversicherungsbeiträge erhöhe das Risiko, dass Kinder in Armut aufwachsen.

Werding hat in seiner Analyse zwei mögliche Reformmodelle berechnet, die Eltern in der Familienphase besserstellen würden und die Entscheidung für eine Familie fördern könnten. Sein Vorstoß entspricht demnach früheren Forderungen des Bundesverfassungsgerichts. Aktuell sei hierzu eine Klage beim Bundessozialgericht anhängig.

Lösung durch Kinderfreibeträge wie im Steuersystem

Ein Modell sieht vor, Kinderfreibeträge ins gesetzliche Rentensystem einzuführen, wie es sie im Steuersystem bereits gibt. Dadurch würden Eltern in der aktiven Familienphase weniger Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen.

Der zweite Vorschlag einer "Kinderrente" würde einen umfassenderen Umbau des Rentensystems bedeuten. Es versucht, neben einer Entlastung von Familien die Alterssicherung demographiefest zu machen.

"In beiden Fällen bessern sich die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen", sagte Werding. Die Politik sei in jedem Fall gefordert, das Rentensystem so umzugestalten, dass es nach 2030 "noch von unseren Kindern finanziert werden kann".

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