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Norbert Blüm bei Günther Jauch: "Nichts Sichereres als unser Rentensystem"

Rententhema bei Jauch  

"Die Politik muss gar nichts"

07.04.2014, 08:09 Uhr | Marc L. Merten, t-online.de

Norbert Blüm bei Günther Jauch: "Nichts Sichereres als unser Rentensystem". Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung a. D., CDU (Quelle: imago images)

Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung a. D., CDU (Quelle: imago images)

Er hat es wieder getan. Norbert Blüm hat bei Günther Jauch darauf bestanden, dass die Rente in Deutschland sicher ist. Und dass jeder zukünftig selbst entscheiden soll, wann er in Rente geht. Nicht mit 63, 65, 67 oder gar 70, sondern ganz nach den eigenen Vorstellungen. Nicht von heute auf morgen, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg mit reduzierter Arbeitskraft. Hörte sich alles schön an, doch nicht nur wegen Jauchs Beispiel des Herrn Lohse aus "Pappa Ante Portas" kam man sich im Gasometer zu Berlin zeitweise vor wie bei Loriot.

In Loriots Film wird Herr Lohse, Abteilungsleiter der Deutschen Röhren AG, plötzlich in den Ruhestand versetzt und kommt mit der Leere im Leben nur schwer klar: "Meine Firma, also Generaldirektor Blume und ich, sind übereingekommen, dass ich meine Arbeitskraft zukünftig weniger, also eher gar nicht, auf die Firma konzentriere und dafür meine Erfahrungen mehr meinem Heim und dem Wohl meiner Familie widme."

Wenn ein Mensch wie der Röhrenexperte Lohse in Loriots Film in Rente geschickt wird – ob er will oder nicht – kann ihm schon mal die Decke auf den Kopf fallen. Da spielt das Alter keine Rolle, und auch nicht, ob das Geld zum Leben reicht. Wer arbeiten will, soll es auch noch dürfen. Und wer in Rente gehen will, soll auch das dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Das klingt nach einem prima Konzept. Nur nicht nach der Realität des deutschen Rentensystems.

"Es gibt nichts Sichereres als unser Rentensystem"

Traurigerweise kann man den Sonntagabend bei der ARD mit Gastgeber Jauch in wenigen Worten zusammenfassen: So, wie es zur Zeit aussieht, wird auch die Große Koalition das Rentenproblem nicht in den Griff bekommen. Weder SPD-Vertreter Ralf Stegner konnte da Mut machen noch der ehemalige "Renten-Minister" Blüm. Und auch nicht die anderen Gäste, die Jauch zum Thema "Die Rentner der Zukunft – Arbeit statt Ruhestand?" nach Berlin eingeladen hatte.

Blüm krönte eine nur in wenigen lichten Momenten erbauliche Diskussionsrunde mit einer Neuformulierung seines Klassikers: "Es gibt nichts Sichereres als unser Rentensystem." Erstaunlicherweise meinte er nicht, dass sicher sei, dass das System nichts mehr hergebe, sondern dass in der Tat Menschen von ihrer Rente auch in Zukunft noch werden leben können – vorausgesetzt die Politiker von heute würden genauso wie die Unternehmensbosse endlich aus der Denke des Industriezeitalters heraustreten und den altgedienten Angestellten des Landes die nötige Flexibilität bieten, über ihr Rentenalter selbst zu entscheiden.

Menschen sollen "für Lebensleistung belohnt" werden

Stegner vertrat die Meinung, dass man dies schon längst seitens der Politik umgesetzt habe. Das Senken des Renteneintrittsalters auf 63 oder gar in Einzelfällen 61 würde genau den Menschen entgegenkommen, die früher in Rente gehen würden, insbesondere den Menschen aus körperlich belastenden Berufen. Wenn jemand nicht mehr arbeiten könne, müsse er trotzdem "für seine Lebensleistungen belohnt" werden. Durch das Senken der Altersgrenze von 67 auf 63 würden die Abschläge geringer, niemand würde mehr "bestraft" werden, wenn er wie ein Dachdecker bereits mit durchschnittlich 56,5 Jahren seine Arbeitsgeräte niederlegt.

Seine Argumentation ging allerdings komplett an der Kritik vorbei. Es sei zwar richtig, so Autorin Margaret Heckel, dass man so einer Teilbevölkerung harte Abschläge erspare. Das Problem sei aber vielmehr, dass viele Menschen länger arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Jauch hatte einen ehemaligen Siemens-Mitarbeiter eingeladen, der mit 65 aufhören musste, weil sein Betrieb ihn nicht weiter beschäftigen wollte.

Basta-Stegner verärgert junge Journalistin

Denn, so erklärte die ARD mit einem Einspieler: Will ein Mitarbeiter in Deutschland über das normale Rentenalter in Deutschland weiter beschäftigt bleiben, geht dies nur über unbefristete Arbeitsverträge zu gleichen Konditionen. Heckel wie auch Blüm forderten, dass die Politik an dieser Stelle für flexiblere Angebote sorgen müsse, um älteren Arbeitskräften, die weiter ihrem Beruf nachgehen wollen, diese Chance zu geben und Unternehmen Anreize zu liefern, ihre erfahrenen Mitarbeiter weiter einzubinden. Stegners Kommentar: "Die Politik muss gar nichts."

Daran stieß sich vor allem die 27-jährige Jasmin Buck. Die Journalistin, die gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen hat, fürchtet wie so viele Deutsche, "dass ich mir durch längeres Arbeiten im Alter meine Rente erkaufen muss", ohne zu wissen, ob sie dann reichen werde. Dann aber, so Buck, sei es für sie wichtig zu wissen, dass sie ein Selbstbestimmungsrecht hätte, wann sie in Rente gehe und wie viel sie noch arbeite. Stegner versprach zwar, dass niemand "aus Armutsgründen" gezwungen sein sollte, länger zu arbeiten. Er beharrte jedoch darauf, dass das deutsche Steuersystem in der heutigen Form Arbeitgebern wie Arbeitnehmern bereits alle Flexibilität gebe, um solch variable Beschäftigungsformen umzusetzen.

Läuft die Regierung in eine neue Schuldenfalle?

Herbert Walter, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, stieß sich an einem Punkt, der leider etwas unterging. Er kritisierte, dass die Große Koalition den Alterungsprozess in der Gesellschaft völlig falsch bewerte. Man müsse der besonderen Stellung älterer Mitarbeiter Rechnung tragen anstatt Anreize zu geben, früher auszuscheiden und somit die Rentenkassen noch mehr zu belasten. Die von der Regierung kalkulierten Kosten in Höhe von 160 Milliarden Euro für die kommenden fünfzehn Jahre könnten schnell auf über 230 Milliarden Euro anwachsen. "Wir werden vor einem Finanzierungsproblem stehen", warnte Walter, wenn in einigen Jahren immer mehr Menschen aus den Arbeitsverhältnissen aussteigen würden, dadurch die Steuereinnahmen des Staates drastisch zurückgehen, die Rentenausgaben jedoch steigen würden. "Das ist nicht weitsichtig", so Walter.

Leider ließ Jauch diesen Aspekt zu schnell wieder fallen, nannte dafür aber eine interessante Zahl. Einer aktuellen Infratest-Umfrage zufolge unterstützen 73 Prozent der Deutschen den Weg der Regierung in Sachen Rentenfrage. Heißt: Die Mehrheit der Deutschen scheint lieber früher als später aus ihrem Job ausscheiden zu wollen. Frühpension statt Altersarbeit, Freizeitstress statt Buckeln am Arbeitsplatz. Wenn man die Mehrheit der Gäste bei Günther Jauch am Sonntagabend gehört hat, hätte man den gegenteiligen Eindruck gewinnen können: Die Menschen wollen arbeiten, dürfen aber bald nicht mehr. So wie Loriots Rentner Lohse. Der kam damit bekanntlich gar nicht zurecht. "Entschuldige, das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch."

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