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Verteilungskampf zwischen Alt und Jung: Forscher warnen vor wachsender Wählermacht der Rentner

Verteilungskampf zwischen Alt und Jung  

Forscher warnen vor wachsender Wählermacht der Rentner

26.05.2014, 16:26 Uhr | Spiegel Online

Verteilungskampf zwischen Alt und Jung: Forscher warnen vor wachsender Wählermacht der Rentner. Die Wählermacht der Älteren wird weiter steigen (Quelle: dpa)

Die Wählermacht der Älteren wird weiter steigen (Quelle: dpa)

Deutschland droht ein Verteilungskampf, die schwarz-rote Rentenreform könnte erst der Anfang sein. Denn die Wählermacht der Älteren wird bis 2030 massiv steigen. Das Berlin-Institut warnt: Wer jetzt jung ist, dem droht später Armut.

Deutschlands Rentner haben immer bessere Chancen, den Verteilungskampf zwischen Alt und Jung zu gewinnen, warnt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in einem am Montag veröffentlichten Diskussionspapier. "Politiker schielen nach Wählern, aber Kinder können nun einmal nicht wählen", heißt es in dem Beitrag. Und die Wählermacht der Älteren steigt. Bei der Bundestagswahl 1980 lag der Anteil der Wahlberechtigten im Alter von 60 Jahren und darüber noch bei 26 Prozent, heißt es in einem entsprechenden Bericht des Bundeswahlleiters. 2013 waren es schon 34 Prozent; 2030 dürften es mindestens 43 Prozent sein.

Vor allem die großen Volksparteien holten einen beträchtlichen Teil ihrer Stimmen bei den Älteren, merkt Klingholz an. Und da ohne Union und SPD in Deutschland noch nie eine Regierung zustande gekommen sei, müsse die ältere Bevölkerung kaum um ihre Zukunft fürchten. Es sind also weitere Maßnahmen denkbar, die die Alten entlasten und die Jungen belasten - so wie die gerade beschlossene Rentenreform der Großen Koalition.

Künftige Erwerbsgenerationen werden "nicht nur mehr in die Rentenkassen einzahlen und länger arbeiten müssen, sie werden sich auch mit bescheideneren Renten abfinden müssen", warnt das Berlin-Institut. Wer heute im Erwerbsleben stehe, dem drohe Altersarmut.

Sechsmal so viele Familien wie Rentner von Armut bedroht

Hintergrund sind die Probleme des demografischen Wandels. Durch die Alterung der geburtenstarken Jahrgänge wird in den kommenden Jahrzehnten die Zahl derjenigen steigen, die Leistungen aus Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen erhalten. Gleichzeitig geht die Zahl derer, die den dafür notwendigen Wohlstand erwirtschaften, deutlich zurück. Heute finanzieren laut Statistischem Bundesamt rund drei Erwerbsfähige einen über 64-Jährigen. 2050 werden es nur noch etwa 1,8 sein.

Dadurch gerät das Verhältnis von potenziellen Unterstützern zu jenen, die auf Unterstützung angewiesen sind, aus dem Gleichgewicht; viele Leistungsversprechen der Vergangenheit sind dadurch nur noch schwer zu halten. Schon heute fließen rund 40 Prozent des gesamten Sozialbudgets in Sozialleistungen für Ältere, heißt es in dem Papier des Berlin-Instituts. In Bildung - also in Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Berufsbildung - investiere der Staat dagegen nicht einmal halb so viel.

Wie stark sich die finanzielle Umverteilung zugunsten der Älteren auswirke, sehe man daran, dass in Deutschland Ältere deutlich seltener von Armut bedroht seien als Familien, insbesondere Alleinerziehende und damit Kinder, schreibt Klingholz im Vorwort der Erhebung. Nur 2,7 Prozent der über 65-Jährigen bezogen laut Statistischem Bundesamt 2012 Grundsicherungsleistungen. Von den unter 15-Jährigen lebte laut Bundesarbeitsministerium 2011 dagegen mit rund 15 Prozent ein fast sechsmal so hoher Anteil in Familien, die Hartz IV beziehen.

Lösungen für einen gerechteren Generationenvertrag

Vorschläge, um Familien zu entlasten, gibt es schon lange. Bereits in den Fünfzigerjahren entwarf etwa der Wirtschaftstheoretiker Wilfrid Schreiber das Modell einer sogenannten Kinderkasse. In diese sollen Erwerbstätige gestaffelt nach ihrer Kinderzahl einzahlen: je mehr Kinder, desto weniger Beiträge. Die Kasse finanziert dann allen Kindern bis zu einem bestimmten Alter eine Art Grundsicherung.

Heute halten Forscher solch radikale Vorschläge nicht mehr für zeitgemäß. Für mehr Generationengerechtigkeit müssten vielmehr Familien innerhalb des Sozialversicherungssystems entlastet werden, fordern die Wissenschaftler. Vor allem mehr Geld für Kitas und Krippen bei gleichzeitiger Abschaffung des Ehegattensplittings könnte die Gerechtigkeit deutlich erhöhen. Doch die Chancen, solche Maßnahmen durchzusetzen, werden aufgrund der wachsenden Wählermacht der Rentner immer geringer.

Klingholz verweist auf eine ältere Studie des Ifo-Instituts: Die Münchner Forscher hatten ausgerechnet, dass im Jahr 2023, also dann, wenn der stärkste Jahrgang der Babyboomer ein Alter von 60 Jahren erreicht, der Wählereinfluss der Älteren so groß werde, dass sich in einem demokratischen System keine strategische Mehrheit für eine Rentenreform zur Entlastung der Jungen mehr finden lasse. Das gilt laut Klingholz jedoch nur, wenn alle Wähler nach rein egoistischen Motiven handeln. Es bleibe zu hoffen, dass dem nicht so sein werde.

Das Berlin-Institut erarbeitet regelmäßig Erhebungen zum Thema Demografie. Es wird privat finanziert, unter anderem von der Robert Bosch Stiftung und der Software AG Stiftung, und gibt an, parteipolitisch unabhängig und konfessionell nicht gebunden zu sein.

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