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Kommentar zu: Warum die Rente mit 69 keine "bekloppte Idee" ist

Replik auf Gabriel  

Warum die Rente mit 69 keine "bekloppte Idee" ist

17.08.2016, 15:58 Uhr | Ein Kommentar von Bernhard Vetter, t-online.de

Kommentar zu: Warum die Rente mit 69 keine "bekloppte Idee" ist. SPD-Chef, Vize-Kanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kann mit der Rente mit 69 ab dem Jahr 2064 nichts anfangen. (Quelle: imago images)

SPD-Chef, Vize-Kanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kann mit der Rente mit 69 ab dem Jahr 2064 nichts anfangen. (Quelle: imago images)

Als ich gestern meinen Artikel "Die Rente mit 69 wird kommen - ganz sicher" schrieb, wusste ich noch nicht, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den entsprechenden Vorschlag der Bundesbank für "eine bekloppte Idee" hält. Leider.
 

Es liegt mir fern, Menschen zu beleidigen, die ich nicht kenne. Und ich kenne Gabriel nicht persönlich. Aber seine Aussage zur Rente mit 69 ist selbst ziemlich bekloppt. Die Bundesbank hat eine Empfehlung für das Jahr 2064 gemacht, 48 Jahre in der Zukunft.

Man muss nur einmal 48 Jahre in die Vergangenheit gehen, um zu sehen, was sich seitdem an Unvorhersehbarem entwickelt hat.

Renteneintrittsalter anfangs bei 70

Als die deutsche Rentenversicherung 1889 startete, lag das Renteneintrittsalter bei 70 Jahren. Und das bei der damaligen, deutlich geringeren Lebenserwartung und schwächeren Arbeitsschutzregelungen als heute. 1916 wurde es dann auf 65 Jahre abgesenkt, wo es bis 2012 blieb. Seitdem haben wir den Einstieg in die Rente mit 67, der 2031 abgeschlossen sein wird.

Die Rentenbezugsdauer hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verlängert. 1960 betrug sie 30 Prozent der vorherigen Arbeitszeit und ist seitdem auf 42 Prozent gestiegen. Die Bundesbank rechnet in ihrem Monatsbericht für August nun vor, dass dieses Verhältnis bis 2060 auf über 50 Prozent steigen wird, wenn die Lebenserwartung wie bisher zunimmt - auf dann mehr als 88 Jahre.

Mit anderen Worten: Wer 40 Jahre gearbeitet hat, ist anschließend für mehr als 20 Jahre in Rente. Das ist nicht finanzierbar! Mit dem Rentenalter 69 in der fernen Zukunft hofft die Bundesbank, dass der Wert bei den bisherigen knapp über 40 Prozent zu halten wäre.

Was ist mit dem technischen Fortschritt?

Zwei Jahre mehr Arbeit 48 Jahre in der Zukunft - was ist daran "bekloppt"? Wieso fehlt es hier an der Fantasie, dass der technische Fortschritt uns weiterhin zunehmend schwere oder langweilige Arbeiten abnehmen wird?

Fernfahrer mit 69? Wird es nicht mehr geben! Schon jetzt macht die Entwicklung des selbstfahrenden Autos große Fortschritte. Zum selbstfahrenden Lastwagen ist es da nur noch ein relativ kleiner Schritt, der in weit weniger als 48 Jahren gegangen werden wird. Gerade der Transport eignet sich hervorragend für die Automation, wie führerlose Bahnen an Flughäfen und in verschiedenen Städten schon heute zeigen.

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Früher wurden Fahrstühle von Aufzugführern bedient - heute würde man eine solche Arbeit fast als Folter einstufen.

Kaum vorstellbar ist dagegen, dass es einmal einen automatischen Friseur geben wird, der einem die Haare genauso schneidet, wie man es haben möchte - und man das Ganze auch noch überlebt.

Für schwere Arbeiten sind bereits Exoskelette in der Erprobung, die menschliche Muskelkraft mechanisch verstärken. Auch hier soll es in den kommenden Jahrzehnten keinen Fortschritt geben? Ich bitte Sie!

Zahl der Beitragszahler nimmt unweigerlich ab

Zwar kann niemand genau in die Zukunft sehen, aber eines ist jetzt schon klar: Die Geburtenrate in Deutschland ist zu niedrig. Kinder, die nicht geboren wurden, können selbst auch keine Kinder bekommen. Dieses Defizit an künftigen Beitragszahlern lässt sich nicht mehr aufholen, auch nicht durch Zuwanderung. Die Auswirkungen werden sich zunehmend stärker zeigen. Anpassungen beim Rentenalter sind deshalb unvermeidlich.

Was bezweckt Gabriel also mit seiner Aussage, die Rente mit 69 sei ein "bekloppter" Vorschlag? Die Rente mit 69 würde, wenn der Vorschlag umgesetzt wird, die Geburtsjahrgänge ab 1995 betreffen. Sie sind heute 21 Jahre alt oder jünger. Eine kleine Wählergruppe, etwa drei bis vier Millionen Menschen - fast zu vernachlässigen.

Biedert sich Gabriel also bei Menschen an, die das Thema gar nicht betreffen wird? Die nicht verstanden haben, worum es geht? Ältere Arbeitnehmer? Die mit 20 Millionen große Gruppe heutiger Rentner gar? Wir wollen es nicht hoffen.

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