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Arbeitsmarkt: Deutschland schickt ausländische Fachkräfte putzen

Qualifizierte Ausländer  

Deutschland schickt Ärztinnen putzen

03.07.2008, 16:52 Uhr | Financial Times Deutschland

Viele Ausländerinnen müssen trotz Qualifikation putzen gehen (Foto: imago)Viele Ausländerinnen müssen trotz Qualifikation putzen gehen (Foto: imago) Während Deutschlands Industrie über Fachkräftemangel klagt, werden hierzulande viele Experten weit unter ihren Fähigkeiten beschäftigt. Ihr einziges Manko: sie sind Ausländer. Eine neue Studie deckt diese und weitere Missstände auf. Russische Ärztinnen müssen als Putzfrauen ihr Geld verdienen. Der nette iranische Hausmeister von nebenan ist vielleicht ein Ingenieur mit exzellentem Zeugnis: Zuwanderern mit Qualifikationen gelingt es hierzulande oftmals nicht, in ihrem Beruf zu arbeiten. Ursache seien mangelnde Anerkennungsmöglichkeiten und fehlende berufliche Integrationsprogramme, heißt es in der Studie "Brain Waste" von Bettina Englmann und Martina Müller vom Verein "Tür an Tür Integrationsprojekte".

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Ärzte als Taxifahrer oder Lehrerinnen als Putzfrauen
Die Untersuchung wurde in Berlin vorgestellt. "Wenn zugewanderte Ärzte als Taxifahrer oder Lehrerinnen als Putzfrauen arbeiten, ist das ist eine nicht hinnehmbare Verschwendung von Talenten und Ressourcen", kritisierte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, bei der Präsentation. "Holzfällen mit Diplom kann kein gesellschaftlich gewünschtes Ergebnis sein", sagte Böhmer. Befragt wurden 152 Migranten mit einer Qualifikation, die sie im Ausland erworben hatten. Das Ergebnis war erschreckend: "Obwohl 86 Prozent über eine Ausbildung oder ein abgeschlossenes Studium verfügten, gelang es nur knapp 16 Prozent, hier einen Arbeitsplatz in ihrer Branche zu finden", fanden die Autorinnen heraus. Besonders auffällig: "Viele Anrufe hatten wir nur deswegen, weil die Leute wissen wollten, wo es denn Anerkennungsstellen für ihren Beruf gibt. Durch unseren Fragebogen hatten sie zum ersten Mal davon gehört, dass Ausländer hier eine Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse beantragen können", berichten die Wissenschaftlerinnen.



Föderalismus eine hohe Hürde
Die Gründe für diesen Misstand sind der Untersuchung zufolge vielfältig. Einer ist der Föderalismus in Deutschland. Dieser sei für eine Zersplitterung der Anerkennungszuständigkeiten verantwortlich. Denn jedes Bundesland betreibe eigene, nach Abschlusstypen eingeteilte Anerkennungsstellen in Behörden, Ministerien und Kammern. "Insgesamt sind Hunderte von Stellen in Deutschland in die Anerkennung von Abschlüssen involviert", resümieren die Autorinnen.

Deutschland lockt keine hochqualifizierten Migranten an
Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern locke Deutschland nur wenig hochqualifizierte Migranten an: 2007 wanderten 466 Personen unter dem Aufenthaltstitel "Hochqualifiziert" zu, heißt es in der Pressemitteilung zur Untersuchung, in der allerdings Vergleichzahlen fehlen. Deutschland diskutiere zwar über den Fachkräftemangel, übersehe aber, dass Hochqualifizierte auch in Bevölkerungsgruppen zu finden sind, in denen man dies zunächst kaum vermuten würde, lautet der Tenor der Untersuchung. So bleibe völlig unberücksichtigt, dass etwa Heiratsmigranten, Spätaussiedler, jüdische Zuwanderer oder Flüchtlinge zum Teil hoch qualifiziert seien. "Berufliche Integrationsangebote gibt es jedoch kaum", lautet die Kritik der Autorinnen. "Derzeit sind diese Gruppen überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen oder im unqualifizierten Bereich beschäftigt."

Akademiker werden zu Ungelernten
Zuwanderer würden unzureichend über ihre Möglichkeiten informiert, da weder die Arbeitsverwaltung noch die Migrations-Erstberatung systematisch zu Anerkennungsfragen informierten. "Die Folgen dieser Informationslücke sind massiv", konstatiert die Studie. "Wenn Zuwanderer sich Arbeit suchend melden, jedoch keinen Anerkennungsbescheid über ihre ausländischen Abschlüsse vorweisen können, werden sie von Arbeitsvermittlern als 'Ungelernte' kategorisiert und vermittelt - diese Form der Dequalifizierung trifft auch Ärzte oder Ingenieure, die in Deutschland dringend gebraucht werden. Das Resumée: "Leider weisen Arbeitsvermittler Inhaber ausländischer Abschlüsse oft nicht auf Anerkennungsmöglichkeiten hin. Manchen ist gar nicht bewusst, dass auch ausländische Abschlüsse eine wertvolle Ressource sind."

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