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Managerinnen in Norwegen: Frauenquote zeigt Wirkung

Managerinnen in Norwegen  

Fische, Öl und Frauenquote

26.04.2010, 13:10 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Managerinnen in Norwegen: Frauenquote zeigt Wirkung. Frauenquote soll mehr Frauen in Führungspositionen bringen (Foto: imago)

Frauenquote soll mehr Frauen in Führungspositionen bringen (Foto: imago) (Quelle: imago images)

Norwegen hat eine radikale Frauenquote eingeführt - und damit weltweit für Furore gesorgt. Mittlerweile lässt sich eine erste Bilanz ziehen: Das allgemeine Gleichstellungsgesetz zeigt tatsächlich Wirkung, selbst von der UNO kommt Lob. Jetzt wollen viele Staaten dem Vorbild folgen.

Unmoralisches Theaterstück

"Es ist das sichere Todesurteil für jede sozial akzeptable Ethik", schrieb der norwegische Journalist Halvdan Koth über "Nora", das Hauptwerk seines weltberühmten Zeitgenossen Henrik Ibsen. Das Theaterstück, 1879 uraufgeführt, schildert eine Frau, die aus ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau ausbricht. So unmoralisch fand man das Stück, dass für die deutsche Premiere am Hamburger Theater im folgenden Jahr ein vermeintliches Happy End erzwungen wurde: Für das deutsche Publikum blieb Nora schuldbewusst bei Mann und Kind. Das war so unlogisch und voller Kitsch, als hätte Inga Lindström letzte Hand an Ibsens Drama gelegt.

Frauenpolitik Norwegens sorgt für Aufsehen

In der heutigen Zeit sorgen die Norweger eher selten für internationales Aufsehen. Meist genießen sie ihr Dasein im Schatten ihrer skandinavischen Nachbarn, den Dänen und Schweden. Doch seit einiger Zeit beherrschen sie wieder die Schlagzeilen der Weltpresse. Und wieder haben sie es den Frauen zu verdanken. Genauer gesagt: Diesmal geht es um ihre Frauenpolitik.

Gleichstellungsgesetz einzigartig

"Norwegen trägt das gelbe Trikot", frohlockt Norwegens Minister für Kinder, Gleichstellung und Integration, Audun Lysbakken, ein Nachwuchsmann der norwegischen Linkspartei. Seit Monaten bestürmen ihn Journalisten aus aller Welt und wollen Erklärungen zu einem Gesetz, das ebenso einzigartig wie umstritten ist: 40 Prozent der Aufsichtsratsplätze aller größeren börsennotierten Aktiengesellschaften müssen seit 2008 von Frauen besetzt werden. Sonst drohen drakonische Strafen - bis hin zum Ausschluss von der Börse, was in der Praxis einer Liquidierung gleichkommt.

Norwegen macht Ernst

"Ich bin von allen interviewt worden," sagt Lysbakken stolz. "Von al-Dschasira bis zum kanadischen Fernsehen. Die meisten fragen mich, wie sich ein kleines Land wie Norwegen solche Maßnahmen überhaupt leisten kann." Norwegen ist das einzige Land der Welt, das mit der Frauenquote wirklich Ernst macht. Und zwar genau da, wo es den Feinden der von oben verordneten Gleichheit besonders wehtut: An den Schaltstellen der freien Wirtschaft, deren Führungsriege bislang als gleichberechtigungsresistent galt.

"Die Macht des Vorbilds"

Lysbakken und das Quotierungsgesetz - die beiden sind wie ein Popstar und sein Hit. Der linke Minister absolviert eine richtige Welttournee. Auf der großen UNO-Frauenkonferenz in New York war es ausgerechnet der junge norwegische Mann, der mit seiner Botschaft im Rampenlicht stand. Und kürzlich dozierte er in Washington auf Einladung der Weltbank: "Das Einzige, womit ein kleines Land wie Norwegen Einfluss nehmen kann, ist die Macht des Vorbilds!"

Gerechtigkeit statt freies Spiel der Kräfte

Dass sich ein Minister der Linkspartei mit einem Gesetz schmückt, das Gerechtigkeit erzwingen will, statt dem sogenannten freien Spiel der Kräfte zu vertrauen, überrascht nicht. Doch als die Quote im Jahre 2003 vom Osloer Parlament Storting verabschiedet wurde, waren es die damals regierenden Konservativen, die es auf den Weg gebracht hatten. Ein Osloer Firmenchef verkündete nach dem überwältigenden Parlamentsvotum für die Quote sarkastisch, man werde einen Hostessendienst beauftragen müssen, um das Ziel des Gesetzgebers erreichen zu können. Doch darüber kann Gleichstellungsminister Lysbakken im Rückblick nur lachen: "Ich kann deutlich sagen - es war möglich, diese Frauen zu finden."

Vorbehalte gegen die Quote

Eine dieser Frauen heißt Åse Aulie Michelet. Die 57-jährige ausgebildete Pharmazeutin hat eine lange und erfolgreiche Karriere als Aufsichtsrätin hinter sich. Früher war sie gegen die Quote. "Ich war damals eine absolute Gegnerin des Gesetzes. Es ist allein Sache der Aktionäre, die Besten an die Spitze zu setzen", sagt Michelet im Gespräch mit Spiegel Online. Als Vorstand verdoppelte sie den Börsenwert des weltgrößten industriellen Fischzüchters Marine Harvest.

"New York Times": Weniger Gewinn wegen Quote

Kürzlich behauptete die "New York Times" in einer groß aufgemachten Story, dass die Quote nichts als Schaden angerichtet habe. US-Studien würden beweisen, dass Firmen als unmittelbare Folge des Gesetzes im Jahr nach Einführung der Quote im Durchschnitt 20 Prozent weniger verdient hätten als noch im Jahr zuvor. Dabei hätten diejenigen Firmen, bei denen im Verhältnis am meisten Frauen in die Vorstandsetage aufgerückt seien, sogar noch größere Einbrüche hinnehmen müssen als der Durchschnitt. Motto: Je mehr Frauen, desto weniger Gewinn.

"Größere Vielfalt in Kompetenz und Ausbildung"

Doch selbst Åse Aulie Michelet hält solche Studien für unseriös. Ohnehin hat sie nach den ersten Erfahrungen mit dem Gesetz längst ihre Meinung geändert: "Wer die tatsächliche Entwicklung im Alltag verfolgt, sieht eine größere Vielfalt in Kompetenz und Ausbildung." "Norwegen lebt nicht allein vom Öl, sondern auch von der Gleichberechtigung," sagt Minister Lysbakken. "Die gibt uns größere Produktivität, weil mehr Menschen an allen Bereichen des Arbeitslebens teilnehmen."

Goldene Röcke

Tatsächlich scheint das Vorbild Norwegens überall in Europa Schule zu machen: Spanien und die Niederlande haben ähnliche Gesetze bereits verabschiedet. In anderen Ländern wird fleißig an Gesetzentwürfen gearbeitet. In Norwegen, heißt es, gebe es die "goldenen Röcke" - 70 Frauen, die sich auf nicht weniger als 300 Aufsichtsratsstühlen breitmachen würden. Die elitäre Clique missbrauche die Gleichstellung für das eigene Fortkommen. Doch: Sind vier Kontrollmandate wirklich so besonders? In Deutschland kommen viele - männliche - Aufseher locker auf mehr. Außerdem werden norwegische Vorstandsfrauen ausdrücklich zum Networking ermuntert.

Die UNO hält Norwegen für besonders zivilisiert

Die Vereinten Nationen führen Norwegen in ihrem aktuellen Human Development Index - einer Art Maßstab für das zivilisatorische Niveau eines Landes - an der Weltspitze. Doch noch beurteilt Gleichstellungsminister Lysbakken die Forschungen von Quotenfeinden wie -freunden vorsichtig: "Wir haben eigene Nachfolgeuntersuchungen unseres Gesetzes in Gang gebracht. Doch noch ist es zu früh für Schlussfolgerungen. In etwa zwei Jahren werden wir einen guten Überblick haben."

Happy End gestrichen

Am Hamburger Theater wurde im Jahre 1880 nach einiger Zeit das erlogene Happy End von Ibsens "Nora" übrigens wieder gestrichen. Sogar das deutsche Publikum wollte - Ethik hin oder her - dann doch lieber das richtige Stück mit dem vermeintlich unmoralischen Ende.

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