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"Team Wallraff" deckt auf: Missstände und Betrug in der Pflege

Undercover-Reportage  

Schockierende Missstände und Betrug in der Pflege

06.05.2014, 11:32 Uhr | von Bernhard Vetter , t-online.de

"Team Wallraff" deckt auf: Missstände und Betrug in der Pflege. Undercover-Reporterin Pia Osterhaus als Praktikantin Diana in einem Pflegeheim. (Quelle: RTL)

Undercover-Reporterin Pia Osterhaus als Praktikantin Diana in einem Pflegeheim. (Quelle: RTL)

Die Missstände in Burger-King-Restaurants haben vor einer Woche bereits großes Aufsehen erregt. Für die zweite Folge von "Team Wallraff - Reporter Undercover" hat sich der Fernsehsender RTL ein noch sensibleres Thema ausgesucht: Alte und Pflegebedürftige, die zum Opfer überforderter Pflegekräfte werden, während sich gleichzeitig Betrüger in der ambulanten Pflege die Taschen voll machen.

Noch bevor der Zuschauer Details gesehen hat, leugnet der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), dass es gravierende Missstände in diesem Bereich gibt: "Das, was hier unterstellt wird, als hätten wir menschenunwürdige Bedingungen in unseren Pflegeheimen, das ist schlicht und ergreifend nicht wahr."

Man ahnt bereits, dass die Undercover-Reporter während ihrer immerhin neunmonatigen Recherche eben doch Situationen entdeckt haben, die niemand erleben möchte.

Körperlich und psychisch belastende Arbeit

Während Pflegeplätze zwischen 2500 und 4000 Euro pro Monat kosten, bekommen die Pflegekräfte nur relativ wenig Geld - etwa 2100 bis 2250 Euro brutto - und müssen körperlich und psychisch belastende Arbeit im Schichtdienst leisten. Die RTL-Reporterin, obwohl nur als Praktikantin eingesetzt, ist bei vielen Aufnahmen allein mit den Patienten zu sehen.

Drei Pflegekräfte müssen sich in einer Einrichtung der Stadt München um 37 Pflegebedürftige kümmern. Dafür sind morgens eineinhalb Stunden Zeit - macht siebeneinhalb Minuten pro Person, rechnet die Reportage vor.

In den Zimmern riecht es streng

Siebeneinhalb Minuten fürs Wecken, Vorlagen wechseln, Waschen, Toilettengang, Anziehen und eventuell Füttern. Doch manchmal sind auch nur zwei Angestellte da, dann zieht sich das Ganze bis in den Vormittag hin.

In den Zimmern riecht es streng. Denn geduscht wird nur einmal pro Woche, weil die Zeit meist nur für eine Katzenwäsche reicht. Dabei sind viele Patienten offensichtlich inkontinent und bräuchten mehr Körperpflege. Und mehr Zuwendung.

Grobheiten und sogar Misshandlungen

Doch dafür ist keine Zeit. Stattdessen kommt es zu Grobheiten und sogar Misshandlungen - aus Stress, Frust oder mangelnder Sensibilität. Am Ende muss die Polizei anrücken. Aber die Heimaufsicht funktioniert nicht, Beschwerden versanden.

Nur etwa 30 Prozent der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen sind in Heimen untergebracht. Die große Mehrheit wird dagegen zuhause gepflegt - oft mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste. Und hier haben Anbieter offenbar eine lukrative Betrugsmasche entdeckt.

"Verbrechensmarkt, der völlig risikofrei ist"

Stephan von Dassel, stellvertretender Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, sagt dem Sender: "Das ist inzwischen ein Verbrechensmarkt, der völlig risikofrei ist." Der Verdienst sei so hoch wie im Drogenhandel, nur eben ohne Risiko.

Und so funktioniert der Betrug: Ältere Hartz-IV-Empfänger können auch ohne Begutachtung und ohne Pflegestufe finanzielle Hilfe für Pflegeleistungen bekommen. Die Betrüger suchen sich rüstige Hartz-IV-Rentner, die kooperativ sind.

Gefälligkeits-Atteste von Ärzten

Auch Ärzte spielen in diesem System eine Rolle, denn sie stellen - gegen Belohnung - Gefälligkeits-Atteste aus. Schon wird aus dem rüstigen Rentner ein teurer Pflegefall. Der Pflegedienst bekommt nun mindestens 1000 Euro im Monat. Leichtverdientes Geld, denn es muss ja niemand gepflegt werden. Dienst und Rentner teilen sich die monatlichen Beträge.

Bei angenommenen zehn Prozent Betrugsfällen zahlt allein das Land Berlin somit jährlich 30 Millionen Euro an Betrüger. Bürgermeister von Dassel spricht vom "lukrativsten Verbrechen, das man sich in Deutschland vorstellen kann." Dem für sein Alter von 71 Jahren relativ fitten Günter Wallraff wird es am Ende gelingen, 1600 Euro monatlich an Pflegeleistungen zu bekommen.

Die Justiz scheint machtlos

Wer gut schauspielert, dem ist schwer auf die Schliche zu kommen. Die betrügerischen Pflegedienste haben ihr System perfektioniert. Die Justiz scheint machtlos.

Auf den Pflegebeauftragten Laumann kommt viel Arbeit zu. Er hat versprochen, sich wieder mit den RTL-Reportern zu treffen. Der Pflege-Experte Claus Fussek rät den Pflegekräften: "Tut euch halt endlich mal mit den Angehörigen zusammen, geht gemeinsam in die Offensive und sagt: So können und dürfen und wollen wir nicht pflegen." Jeder kann zum Pflegefall werden und will dann mit Würde behandelt werden.

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