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Gewerkschaften: GDL jagt Ver.di Straßenbahnfahrer ab

Tarifstreit  

GDL jagt Ver.di Straßenbahnfahrer ab

20.11.2007, 11:47 Uhr | dpa / T-Online, t-online.de

U-Bahn der Münchener Verkehrsbetriebe (Foto: ddp) Zulauf von ungewohnter Seite: Immer mehr Straßenbahn- und U-Bahn-Lokführer und sogar Busfahrer treten der Lokführergewerkschaft GDL bei. Allein in München sollen mehrere hundert ihre alte Gewerkschaft Ver.di verlassen haben.

 
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Reger Mitgliederzuwachs
Die harte Haltung der Lokführergewerkschaft GDL im Tarifstreit mit der Deutschen Bahn kommt bei Straßenbahn-, U-Bahn- und Busfahrern offenbar gut an. In diesen Berufsgruppen ist das Interesse an einer Mitgliedschaft in der GDL stark gewachsen. "Noch ist es ein Strohfeuer, doch schon bald könnte daraus ein Flächenbrand werden", sagt ein hochrangiger GDL-Funktionär. Als Folge könnte die Streikfreudigkeit im gesamten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zunehmen.

Bahn - Der ganze Streik im Überblick
Animation - Chronologie des Tarifstreits

Berufsanfänger mit gerade mal 1200 Euro netto
Hans-Jörg Tweraser kennt sie noch: die alten Streiklieder. Damals in den Achtzigern, als er noch in Nordrhein-Westfalen im Stollen als Bergmann arbeitete, sei "man stets kämpferisch" gewesen. Doch dann zog er vor einem Jahrzehnt nach München, arbeitet seither als Straßenbahnfahrer und wechselte von der IG Bergbau zur ÖTV. Die ÖTV ging in Ver.di auf. Seine blaue Arbeitskleidung trägt er zwar auch heute noch stolz, doch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist er enttäuscht. "Seit fast einem Jahrzehnt folgt für uns Straßenbahnfahrer eine Gehaltskürzung auf die nächste", sagt er. Mittlerweile reiche das Geld "bei vielen nur noch für die Miete und das Nötigste". Gerade einmal 1200 Euro netto verdiene ein Berufsanfänger als U-Bahn-Fahrer bei den Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG).

Aktueller Tarifkampf als Motivation
Deshalb beschloss Tweraser im September dieses Jahres, gemeinsam mit etwa 50 anderen Ver.di-Mitgliedern zur GDL überzutreten. "Der Bahnstreik hat auch uns gezeigt, dass man etwas tun kann", sagt Tweraser über den Zeitpunkt des Wechsels. Mittlerweile sind laut dem bayerischen GDL-Chef Uwe Böhm bereits rund 300 Münchner Straßenbahn-, Bus- und U-Bahnfahrer zur Lokführergewerkschaft gewechselt.

"Unzufriedenheit im Betrieb"
Martin Marcinek, bei Ver.di zuständig für die MVG, spricht zwar nur von "über 100 Mitgliedern in München", welche die Dienstleistungsgewerkschaft in Richtung GDL verlassen hätten. Er räumt aber ein, dass es eine "Unzufriedenheit im Betrieb" gebe. Zwar sind laut Marcinek noch schätzungsweise zwei Drittel der 1200 Fahrdienstmitarbeiter bei der MVG Ver.di-Mitglieder, doch die Hausmacht wackelt. "Der Frust über den seit Sommer gültigen Tarifvertrag und die härter gewordenen Schichten sitzt bei vielen Mitgliedern tief", sagt ein Ver.di-Mann hinter vorgehaltener Hand.

Sorge über Auslagerung von Arbeitsplätzen
Nicht nur in München droht Deutschlands größter Dienstleistungsgewerkschaft beim städtischen Nahverkehr immer größere Konkurrenz. Viele Ver.di-Mitglieder sind wegen der Auslagerung von Arbeitsplätzen von kommunalen Verkehrsunternehmen in tarifungebundene Tochtergesellschaften - neudeutsch: Outsourcing - tief verunsichert. "Die Ver.di-Tarifpolitik der vergangenen Jahre war der Basis zu defensiv und zu wenig radikal", ist Peter Grottian, Experte für Tarifpolitik an der FU Berlin, überzeugt.

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Ärger über erhebliche Einkommenseinbußen
Ein "großer Teil des Betriebsrates" und einige Dutzend Mitarbeiter sollen bei der Berlin Transport (BT), Tochter der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG), laut dem Berliner GDL-Chef Hans-Joachim Kernchen in den vergangenen Wochen von Ver.di zur GDL übergetreten sein. Mittlerweile arbeiten bei der BT, die ein Drittel der Berliner Buslinien, viele Straßenbahnen sowie mehrere U-Bahn-Strecken bedient, rund 1600 Angestellte. "Die Leute haben einfach genug von der Kungelei zwischen Ver.di und der BVG und machen jetzt ihrem Ärger über die erheblichen Einkommenseinbußen Luft", begründet Kernchen die vermehrten Übertritte. Er ist sicher: Durch den GDL-Streik bei der Bahn hätten viele BVG-Mitarbeiter gesehen, dass man sich wehren könne. Zwar sagt Stefan Heimlich, der bei Ver.di in Berlin für Bus-, Straßenbahn- und U-Bahnfahrer verantwortlich ist, er wisse nichts darüber, dass Betriebsräte in jüngster Zeit zur GDL gewechselt seien. Ein Betriebsrat der Berlin Transport bestätigt jedoch im Gespräch mit "Spiegel Online, dass fast ein Drittel des BT-Betriebsrates aus Unzufriedenheit über "die deutlichen Lohneinbußen der vergangenen Jahre" kürzlich zur Lokführergewerkschaft übergelaufen sei.

Trotz Schichtdienst nur 1650 Euro brutto
Ein Mitglied des Gremiums, das bislang für Ver.di kandidierte und jetzt bei der GDL ist, sagt: "Bei Ver.di hatte ich das Gefühl, dass man bei der Tarifpolitik einfach nicht genug erreichen kann." Ein neuer Fahrer bei BT verdiene gerade einmal noch 1650 Euro brutto im Monat - trotz Schichtdienst. "Auch den Umstand, dass es vier verschiedene Tarife bei der BVG gibt, kann ich nicht mit meinem Gewerkschafterherz vereinbaren", sagt der Arbeitnehmervertreter, der aus Sorge vor beruflichen Nachteilen seinen Namen nicht genannt wissen will. Derzeit gebe es zahlreiche Anfragen von BVG-Mitarbeitern, die ebenfalls zur GDL wechseln wollten, so der Busfahrer. "Noch sind wir im Aufbau, doch für die Tarifverhandlungen nach 2008 ist mit uns und unserer Streikkraft zu rechnen."

Ver.di hat Massenübertritte bislang verhindert
Auch in Köln sind laut der GDL rund 30 bislang bei Ver.di organisierte Bus- und Straßenbahnfahrer an einem Wechsel zur Lokführergewerkschaft interessiert. "Beigetreten ist aber bislang noch keiner", räumt der dortige GDL-Ortsgruppenleiter Michael Dittmann ein. Anders in Heidelberg und Heilbronn. "Wir haben in diesen beiden Städten einen kontinuierlichen Zulauf an Straßenbahn- beziehungsweise Busfahrern", sagt Volker Drexler, Chef der GDL-Südwest. Die Ursache für die Übertritte sieht auch Drexler im zunehmenden Lohndumping. Bislang ist es Ver.di in weiten Teilen Deutschlands noch gelungen, viele unzufriedene Bus- und Straßenbahnfahrer vom Austritt abzuhalten. Austritte größerer Gruppen sind bislang die Ausnahme. In den meisten Städten, darunter Frankfurt am Main oder Hamburg, hat die GDL bei den Straßenbahn- und U-Bahn-Fahrern derzeit nicht viel zu melden. Allerdings häuften sich seit dem Streik auch bei der GDL-Nord die Anfragen von Übertrittswilligen, wie ein Sprecher bestätigt.

"Deutlich härterer Kurs"
Ob die GDL im öffentlichen Nahverkehr in Zukunft mehr als nur einige hundert Mitglieder von Ver.di hinzugewinnt, hängt laut Tarifexperte Grottian entscheidend von einem aus Lokführersicht positiven Ausgang des Tarifstreits bei der Bahn ab. "Ein solcher Tarifabschluss ist für Ver.di ein Menetekel", sagt der Politikwissenschaftler. Er prophezeit, dass Ver.di, um bei den Angestellten zu punkten, bei den nächsten Tarifverhandlungen im kommenden Jahr gegenüber den Arbeitgebern einen "deutlich härteren Kurs einschlagen" werde.

Ver.di wird aktiv
Bei Ver.di München reagiert man schon jetzt: Zunächst hat die Zentrale alle Abtrünnigen angeschrieben - nun sucht man das persönliche Gespräch. "Und dann werden wir natürlich versuchen, die Situation der Fahrdienstmitarbeiter nachhaltig zu verbessern", sagt Ver.di-Mann Marcinek. In Berlin sieht man die drohende Konkurrenz dagegen sowohl bei Ver.di als auch bei der BVG gelassen. "Mehrere Gewerkschaften in einem Haus sind für uns nichts Neues", sagt ein BVG-Sprecher.

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