Sie sind hier: Home > Finanzen > Börse > Aktien >

Handyhersteller Nokia: CDU und IG Metall üben scharfe Kritik an Werksschließung in Bochum


Telekommunikation  

Subventions-Heuschrecke Nokia?

16.01.2008, 08:56 Uhr | dpa-AFP / T-Online, t-online.de

Bochumer Nokia-Werk vor dem Aus  (Foto: ddp)Bochumer Nokia-Werk vor dem Aus (Foto: ddp) Die Ankündigung der Nokia-Konzernspitze, das Handy-Werk in Bochum zu schließen und die Produktion nach Rumänien, Ungarn und Finnland zu verlagern, stößt überall auf Unverständnis. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) zeigte sich im WDR-Fernsehen empört über die Entscheidung . Es seien erhebliche öffentliche Mittel als Subventionen in das Werk geflossen, und dort seien Gewinne gemacht worden. Die Argumentation mit zu hohen Lohnkosten in NRW nannte der Ministerpräsident "Unsinn, nichts als Unsinn". Es könne der Eindruck entstehen, "dass es sich bei Nokia um so etwas wie eine Subventions-Heuschrecke handelt", die hier Subventionen kassiere und dann ohne Grund nach Rumänien abwandere, um dort noch einmal staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, sagte der CDU-Politiker im ZDF.

Ranking - Die wertvollsten deutschen Marken
BMW, MAN & Co - Großes Firmen-Namen-Quiz
Die Abfindungskönige - Was Manager kassieren

Nokia erhielt Millionenbeträge von Bund und Land
In das gleiche Horn stieß der Bezirksleiter der IG Metall Oliver Burkhard: "Das Werk in Bochum soll nicht geschlossen werden, weil es defizitär ist, sondern weil es der Gewinnsucht des Nokia-Managements nicht genügt." Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Düsseldorf kassierte der finnische Konzern zwischen 1995 und 1999 knapp 60 Millionen Euro an regionalen Fördermitteln. Die Kosten trugen je zur Hälfte das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund. Daran geknüpft war eine Bindungsfrist zum Erhalt von 2860 Arbeitsplätzen, die im September 2006 endete. Zusätzlich unterstützte Berlin den Standort mit weiteren 28 Millionen Euro. Die Stadt Bochum förderte nach eigenen Angaben unter anderem den Bau von Straßen und Kanälen. Die Höhe dieser Ausgaben werde derzeit ermittelt.

Beck: Steuerzahler ist ausgenutzt worden
Rüttgers ist bereit, um den Standort Bochum zu kämpfen. "Wir werden uns damit nicht einfach abfinden, das ist noch nicht das Ende der Debatte", sagte er. Auch die Bundesregierung ist zu "intensiven Gesprächen" mit dem finnischen Handy-Hersteller bereit, sollte der Konzern seine geplante Firmenschließung in Bochum überdenken. Die Bundesregierung stehe in ständigem Kontakt mit dem Unternehmen, teilte der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Hartmut Schauerte (CDU), mit. SPD-Chef Kurt Beck bezeichnete die geplante Verlagerung der Bochumer Produktion ins europäische Ausland als "eine inakzeptable Entscheidung". Angesichts der Fördergelder würden nicht nur die Arbeitnehmer "im Stich gelassen, sondern auch die Steuerzahler ausgenutzt", kritisierte Beck.

Werkstore werden blockiert
Als Reaktion auf die geplante Schließung des Bochumer Standortes haben mehrere hundert Gewerkschafter am Mittwoch die Werkstore blockiert. "Wer nicht produziert, wird blockiert", heißt es auf Plakaten der IG Metall. Die Beschäftigen werden dabei von Bochumer Stahlarbeitern unterstützt. Die Werkstore sollen zunächst den Nachmittag über geschlossen bleiben. "Wir blockieren hier so lange es geht. Wenn nötig auch länger", sagte eine Nokia-Mitarbeiterin.

Druck der Investoren
Veli Sundbäck, Vorstandsmitglied der finnischen Konzernzentrale und zugleich Aufsichtsratschef der Bochumer Nokia GmbH, räumte ein, dass sich Nokia mit einem Marktanteil von 39 Prozent immer mehr von seiner Konkurrenz absetze, aber der Druck der Investoren sei hoch. Die Gewinnmarge stieg zwar von knapp elf auf fast 15 Prozent, Anleger hätten aber 16 bis 17 Prozent erwartet. Zudem wolle sich der Konzern vom reinen Handyhersteller zum Internetunternehmen wandeln.

Verlagerung nach Rumänien, Ungarn und Finnland
Noch in diesem Quartal will Nokia die Handy-Produktion in einem neuen Werk im rumänischen Cluj aufnehmen. Ein weiterer Teil der bisherigen Massenfertigung in Bochum soll auf das Werk Komárom in Ungarn verlagert werden. Für Spitzenprodukte mit Bedarf an hochqualifizierter Arbeitskraft ist die Verlagerung in das finnische Nokia-Werk in Salo geplant. Im Vergleich zu Finnland sei die Produktion in Bochum "wesentlich teurer", sagte Unternehmenssprecherin Arja Suominen. Dabei gehe es nicht nur um die direkten Lohnkosten. "Alle an der Produktion dranhängenden Kosten sind in Deutschland deutlich höher."

Keine direkten Gelder von der EU
Laut Thoben scheinen jetzt weitere öffentliche Mittel - in diesem Fall von der EU - von Nokia dafür eingesetzt zu werden, einen neuen Standort in Rumänien aufzubauen. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wies diese Vermutung umgehend zurück. Es seien keine Zuschüsse für die geplante Verlagerung von Bochum nach Rumänien zur Verfügung gestellt worden. Mittel dafür bereitzustellen wäre "inakzeptabel", sagte Barroso in einer Fragestunde des Europaparlaments in Straßburg. Allerdings habe Rumänien aus dem EU-Förderprogramm "Phare" Zuschüsse für die Erschließung von Industrieparks erhalten, fügte Barroso hinzu. In diesen Parks ließen sich nun Unternehmen nieder.

Europaabgeordnete wollen mehr Informationen
Einige Abgeordnete bezweifelten Barrosos Darstellung und forderten weitere Aufklärung. "Für seine markigen Worte stehen die Beweise aus", meinte die CSU-Abgeordnete Gabriele Stauner. Auch der Bochumer Europa-Abgeordnete Christoph Konrad (CDU) meldete Zweifel an Barrosos Darstellung an: "Es ist momentan offen, ob EU-Gelder für den Aufbau des Standortes in Rumänien eingesetzt wurden." Die Politik müsse ein "Subventions-Hopping" von Unternehmen unterbinden, meinte Konrad. Auch Sozialisten-Fraktionschef Martin Schulz (SPD) erwartet von der EU-Kommission "umgehend Klärung des Sachverhalts".

Arbeitsmarktexperte: "Es geht nur um das Einstreichen von Subventionen"
Für den Arbeitsmarktexperten Hilmar Schneider ist hingegen klar, dass finanzielle Beihilfen der Hauptgrund für die Verlagerung der Produktion nach Rumänien sein müssen. Die Lohnkosten dort seien für den Wechsel wenig ausschlaggebend. "Die sind bei weniger als fünf Prozent", erklärte der Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Das Qualifikationsniveau in Rumänien sei wohl auch nicht höher als das in Bochum. Das Management habe vage von höherer Flexibilität und einem geeigneten Umfeld gesprochen. All das lasse sich in harten Fakten jedoch sehr schwer untermauern. "Das unterstreicht in der Tat den Verdacht, dass es hier auch um das Einstreichen von Subventionen geht", sagte Schneider.

Verlogene Diskussion
Die Diskussion um Subventionen muss nach Schneiders Ansicht aber ehrlich geführt werden. "Es ist mit Subventionen genauso wie mit Geschenken im Privatleben. Sie können zwar erwarten, dass der Beschenkte ihnen dankbar ist, aber sie können es nicht verlangen", sagte er. So sei das auch bei Nokia. Die Bindungsfristen seien abgelaufen. Die Regierung habe keine Handhabe, um Forderungen zu stellen. "Es ist ein Stück weit auch eine verlogene Diskussion. Wenn man das Problem beseitigen will, müsste man sagen, 'dann gibt's eben gar keine Subventionen'", sagte Schneider. Das sei aber unrealistisch, denn teilweise werde die Politik dazu auch aus Gründen der Standortpolitik für ihr Land gezwungen.

2000 weitere Jobs in Gefahr
In Bochum besteht nur für rund 280 der 2300 Mitarbeiter in den zwei zum Verkauf stehenden Betriebseinheiten derzeit konkrete Aussicht auf eine Weiterbeschäftigung. Die angekündigte Schließung des Werks in Bochum betrifft aber nicht nur die Nokia-Mitarbeiter. Neben den 2300 Stellen bei dem Handy-Hersteller seien weitere 2000 Jobs in Gefahr, berichtet die "Rheinische Post". Dabei handele es sich um 1000 Stellen bei Zulieferbetrieben in der Region und weiteren 1000 Stellen von Leiharbeitern. Derzeit prüfe die Gewerkschaft IG Metall, an welchen Standorten mit weiterem Stellenabbau zu rechnen sei, hieß es in dem Bericht weiter. Auch die Deutsche-Post-Tochter DHL erwägt laut einem Bericht der "Westdeutschen Allgemeine Zeitung" wegen der Nokia-Entscheidung Stellenstreichungen. 200 Mitarbeiter kümmern sich allein um den Versand der Handys.

Mehr zum Thema:
Kartellamt -
Adidas, Pepsi & Co - Testen Sie Ihr Markenwissen!
Ranking - Deutschlands größte Familienunternehmen

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal