Sie sind hier: Home > Finanzen > Börse > Aktien >

Nokia-Werksschließung: Politiker geben ihre Nokia-Handys ab


Werksschließung  

Politiker geben ihre Nokia-Handys ab

18.01.2008, 12:10 Uhr | Financial Times Deutschland , t-online.de

Das Bochumer Nokia-Werk (Foto: dpa)Das Bochumer Nokia-Werk (Foto: dpa) Nokia zieht den Zorn deutscher Politiker auf sich: "Karawanenkapitalismus", schimpft Finanzminister Peer Steinbrück wegen der geplanten Schließung des Bochumer Werks. SPD-Fraktionschef Peter Struck und Verbraucherminister Horst Seehofer telefonieren nicht mehr mit ihren Nokia-Handys.#

Ranking - Die wertvollsten deutschen Marken
BMW, MAN & Co - Großes Firmen-Namen-Quiz
Die Abfindungskönige - Was Manager kassieren

Boykott des Handy-Herstellers rechtens?
Struck und Seehofer wollen aus Protest gegen die Schließung ihre Nokia-Handys zurückgeben. Struck sagte der "Bild"-Zeitung: "Was Nokia in Bochum vorhat, ist eine Riesensauerei. Ich habe heute mein Büro gebeten, mir ein anderes Handy zu besorgen." Seehofer will dem Bericht zufolge ebenfalls sein privates Nokia-Handy zurückgeben und lässt für sein Ministerium prüfen, ob ein Boykott des Handy-Herstellers zulässig sei. "Ich habe den Leiter unserer Zentralabteilung angewiesen, zu schauen, ob und unter welchen Bedingungen wir bei Nokia aussteigen können", zitierte das Blatt Seehofer (CSU). Als Grund nannte er Solidarität gegenüber den Nokia-Mitarbeitern und ihren Familien. "Das Verhalten der Nokia-Manager erzürnt mich", sagte Seehofer der Zeitung.



Finnen bleiben hart
Steinbrück (SPD) warf Nokia eine Gefährdung der gesellschaftlichen Stabilität vor. Den betroffenen Beschäftigten sollte man aber keine allzu großen Hoffnungen machen, dass die Entscheidung, das Bochumer Werk zu schließen, noch revidiert wird, sagte Steinbrück am Freitag im Deutschlandfunk. "Ich glaube, man sollte da keine falschen Hoffnungen entstehen lassen. Da sind die Entscheidungen offenbar in Finnland getroffen worden", sagte Steinbrück, der bis 2005 Regierungschef in Nordrhein-Westfalen war.

Karawanenkapitalismus
"Das ist ein Ausdruck eines Karawanenkapitalismus", kritisierte Steinbrück den Konzern. Dessen Manager müssten wissen, dass sie mit dieser überraschenden und kaum nachvollziehbaren Entscheidung die Zustimmung vieler Menschen zu diesem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell unterminierten. "Die Menschen verlieren Vertrauen, und das ist eminent gefährlich", sagte er. Steinbrück kritisierte es als nicht überzeugend und langfristig schädlich, wenn ein Unternehmen mit einem Lohnkostenanteil von unter fünf Prozent und einer Gewinnmarge von 15 Prozent Menschen die Existenz raube, nur um noch höhere Renditeziele zu erreichen. Einen Ansatzpunkt für ein Vorgehen gegen Nokia sehe er in der Frage, ob der Konzern Arbeitsplatzauflagen in Bochum nachgekommen sei, zu denen er sich im Zuge des Erhalts von Subventionen verpflichtet hatte.

Stoiber: "Was hier abläuft, ist ein Skandal!"
Auch der Anti-Bürokratie-Beauftragte der EU-Kommission Edmund Stoiber (CSU) übte scharfe Kritik am Management des Handy-Herstellers: "Was hier abläuft, ist ein Skandal! Die Unternehmensführung von Nokia handelt unanständig, bringt mit ihrer allein auf Profitmaximierung ausgerichteten Geschäftspolitik die soziale Marktwirtschaft in Verruf." Dies müsse "politisch und gesellschaftlich diskutiert werden", forderte der CSU-Ehrenvorsitzende. Stoiber sprach sich zudem für eine Verschärfung der Subventionsregeln in Europa aus. Stoiber wies darauf hin: "Wir haben in Deutschland eine ganz klare Rechtslage: Eine Firmenverlegung, ein reiner Umzug von einem in ein anderes Bundesland, allein um Kosten zu sparen, wird bei uns nicht mehr gefördert. Das muss auch in Europa klipp und klar festgeschrieben werden."

Kehrseite der Globalisierung
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sieht die Abwanderung von Nokia als Kehrseite der Globalisierung. "Deutschland profitiert sehr stark von der Globalisierung. Wir haben aber auch die weniger schönen Seiten der Globalisierung zu ertragen", sagte der CSU-Politiker dem "Hamburger Abendblatt". "Dazu gehört die Tatsache, dass Nokia sich entschließt, die gesamte Handyfertigung in ein Land mit niedrigeren Löhnen zu verlegen." Dies könne man sehr schwer aufhalten, da es sich um eine unternehmerische Entscheidung handele. "Was mich befremdet, ist die Vorgehensweise, dass man plötzlich über Nacht die Zukunftshoffnungen vieler Menschen zerstört, ohne vorher Alternativen anzubieten."

Rüttgers will mit Nokia reden
Glos' Staatssekretär Hartmut Schauerte mahnte eine Versachlichung der Debatte an. Mit Blick auf die Äußerungen Stoibers sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung", es wäre nach jetzigem Sachstand falsch, den Eindruck zu vermitteln, es liege "Subventionsabzocke" vor. Hierfür gebe es keine Anzeichen. Nokia habe sich offenbar an die Bedingungen gehalten, von denen die öffentlichen Fördergelder abhängig gemacht worden seien. Lediglich ob die zugesagte Zahl neuer Arbeitsplätze geschaffen worden sei, werde noch geprüft. Bei einem Spitzengespräch mit der Nokia-Führung werde noch in dieser Woche eine weitere Klärung erfolgen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Rüttgers will dennoch weiter für die Arbeitsplätze im Nokia-Werk kämpfen. "Dazu sollen Gespräche mit Nokia stattfinden," sagte Rüttgers den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". "Wir wollen zunächst wissen, warum die Geschäftsführung nicht das Angebot der Belegschaft annimmt, Kosten zu senken." Angesichts der Vorgänge in Bochum frage er sich, wo dabei die unternehmerische Ethik bleibe.

Nokia: Deutscher Standort nicht wettbewerbsfähig
Nokia hatte am Dienstag angekündigt, sein Bochumer Werk noch in diesem Sommer stillzulegen und die Produktion in andere europäische Werke - vor allem in Rumänien und Ungarn - zu verlagern. Nach Darstellung des Konzerns ist der deutsche Standort nicht wettbewerbsfähig. Gewerkschaftsschätzungen zufolge sind durch die Stilllegung rund 4000 Arbeitsplätze von Nokia-Angestellten, Leiharbeitern und Beschäftigten in Zulieferfirmen bedroht. Die Bundesregierung will noch diese Woche Gespräche mit der Nokia-Führung über die Schließungsentscheidung führen.

Mehr zum Thema:
Kartellamt -
Adidas, Pepsi & Co - Testen Sie Ihr Markenwissen!
Ranking - Deutschlands größte Familienunternehmen

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal