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Gasversorgung: Gazprom umzingelt Europa

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Aufkauf von Gasvorräten  

Gazprom umzingelt Europa

22.07.2008, 16:09 Uhr | Financial Times Deutschland, t-online.de

Der russische Energiemonopolist Gazprom (Foto: imago)Der russische Energiemonopolist Gazprom (Foto: imago) Der Monopolist Gazprom kauft weltweit die Gasvorräte der großen Produzenten auf. Die Europäer haben im Kampf um eine Auswahl des Lieferanten kaum noch eine Chance - und sind dem Gebaren der Russen mehr und mehr ausgeliefert.



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Verlockendes Angebot

Der "Führer der Großen Revolution des Ersten September der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volksmassenrepublik" hat einiges erlebt in seinen 39 Amtsjahren. Doch so ein Angebot wie jetzt hatte Muammar al-Gaddafi noch nie auf seinem Tisch: Alexej Miller, Chef des russischen Energiemonopolisten Gazprom, will Libyens gesamte Erdgas- und Erdölexporte aufkaufen. Zu aktuellen Marktpreisen. Ohne Nachlass.

Offerte bisher nicht angenommen

Gaddafi hat die Offerte vom vorvergangenen Mittwoch noch nicht beantwortet. Der 66-Jährige ist zu gerissen, um sich voreilig festzulegen. Ehe er sich von einem einzigen Abnehmer abhängig macht, muss er den Deal genau überprüfen. Gazprom plant trotzdem munter weiter. Am Jahresende würden die Lieferungen aus Libyen starten, kündigt Sprecher Sergej Kuprijanow an.



Gazprom schafft Monopolstellung

Es wäre ein Schlag für Libyens wichtigsten Abnehmer, die Europäer. Schließlich sucht die EU verzweifelt nach Erdgaslieferanten: Die Eigenproduktion ihrer 27 Mitgliedsstaaten wird sich bis 2020 fast halbieren, der Verbrauch weiter wachsen. Schon jetzt hängen manche Staaten am Tropf Russlands. Doch ob in Nordafrika oder in Zentralasien: Wo immer die Europäer nach Energieträgern Ausschau halten, überall macht sich der russische Staatskonzern breit. Längst ist das Thema hochpolitisch. "Gazprom verfolgt den Plan, gegenüber Europa zum Monopolgasversorger zu werden", warnt Jacek Saryusz-Wolski, der polnische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament. Und der CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok sagt: "Gazprom ist mit seiner Strategie der Einkreisung der Europäer fast am Ziel."

Respekt vor dem russischen Staatskonzern

Gazprom. Der Inbegriff der neuen russischen Macht: Goldesel des Kreml, langjährige Wirkungsstätte von Präsident Dmitri Medwedew, politische Waffe seines Vorgängers Wladimir Putin. Die Ukraine und Weißrussland haben bereits zu spüren bekommen, wie kalt es wird, wenn Moskau den Hahn zudreht. Seit dem Druckabfall 2006 fürchten auch die Mitteleuropäer den Staatskonzern. Und nun versuchen Kreml und Gazprom-Führung Hand in Hand, den Gasgiganten noch einflussreicher zu machen. Zuallererst in Europa.

Europa braucht Gas-Alternativen

Rund 40 Prozent der EU-Gasimporte stammen von Gazprom. Aber das reicht den Russen nicht. "Gazprom will ganz gezielt den Europäern die Alternativen zu ihrem Gas nehmen", sagt Florian Haslauer, Energieexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney. "So kann Miller seine Visionen der künftigen Gaspreise realisieren." Kürzlich sprach der Konzernchef von 1000 Euro je 1000 Kubikmeter, sollte der Ölpreis weiter anziehen. Es wäre eine Vervierfachung gegenüber 2007.

Kartell der Gasproduzenten

Seit Längerem versucht der Kreml, ein Kartell der wichtigsten Gasproduzenten ähnlich der OPEC zu schmieden. Bislang vergeblich: Zu zersplittert ist der Markt. Und so probieren es die Russen mit anderen Methoden. "Wenn sie eine Gas-OPEC nicht über Verhandlungen hinbekommen", sagt David Cox, Chef der Beratung Pöyry Energy Consulting, "dann machen sie es, indem sie die Ressourcen aufkaufen."



Strategie könnte aufgehen

Die neue Strategie könnte aufgehen. "Europa und Gazprom führen einen Wettlauf mit ungleichen Mitteln", sagt Christian von Hirschhausen, Energiewirtschaftler der Technischen Universität Dresden. "Gazprom hat eine vollere Schatulle und greift zu anderen Methoden, um ans Gas zu kommen."

Allianz wird intensiviert

Wie etwa in Algerien, dem drittwichtigsten Gaslieferanten der EU. Um den Handel auszuweiten, planen Europäer und Nordafrikaner seit Jahren zwei neue Großpipelines. Nun mischen auch die Russen mit: Im Juni hat Gazprom in Algier seine erste Repräsentanz eröffnet - das Resultat intensiven politischen Werbens der Russen. Alles begann 2006, als Putin Algerien besuchte, dem Maghrebstaat 4,7 Mrd. $ Schulden erließ und ihm umfangreiche Waffenlieferungen in Aussicht stellte. Kurz darauf vereinbarten Gazprom und der algerische Energiemulti Sonatrach eine erste Allianz zur "geologischen Erkundung, Förderung und Transport" von Gas. Jetzt wird die Zusammenarbeit intensiviert: Die beiden Staatskonzerne wollen Unternehmensbeteiligungen austauschen, gemeinsam Felder erschließen und Pipelines bauen.

Kontrolle der Lieferwege

Auch in Nigeria ist Gazprom plötzlich aktiv. Das Land will eine Pipeline quer durch die Sahara bauen, gen Europa. Die Russen sollen der Regierung versprochen haben, alle Offerten potenzieller Wettbewerber um eine Pipelinebeteiligung zu überbieten. Bis zu 10 Mrd. $ will Gazprom in die Leitung stecken. "Aus ökonomischer Sicht ist diese Investition höchst fragwürdig", sagt Michail Sanosin, Analyst der Sobinbank. Doch Rendite spielt hier kaum eine Rolle. "Es geht um die Kontrolle der Lieferwege", sagt Jens Hobohm, Energieexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Europäer hatten sich viel vorgenommen

Bei so einem Konkurrenten geraten die Europäer ins Hintertreffen. Dabei hatten sich die 27 Staats- und Regierungschefs viel vorgenommen bei ihrem Gipfel im März 2007. Mit einer Stimme wollten sie künftig in Energiefragen sprechen, eine gemeinsame Energie-Außenpolitik entwickeln, unter Führung von EU-Chefdiplomat Javier Solana. Es ist bei guten Vorsätzen geblieben. "Ich halte die Politik der Energieversorgungssicherheit in der EU für komplett gescheitert", sagt Parlamentarier Brok. Solana selbst gesteht: "Unsere künftigen Optionen werden scheinbar immer enger, während andere entschlossen voranpreschen."

Versagen der Europäer

Nirgends wird das Versagen der Europäer so augenfällig wie bei Nabucco. Die Pipeline war einst das zentrale Energieprojekt der EU: ein Versuch, sich von Gazprom-Lieferungen etwas unabhängiger zu machen. Sie sollte den Brennstoff aus Zentralasiens Feldern herbeischaffen und Russland umgehen. Heute mehren sich die Zweifel, ob Nabucco je gebaut wird. Der Leitung mangelt es am Allerwichtigsten: dem Gas. Brok erinnert sich noch an seinen Besuch bei Dmitri Medwedew im Winter 2007. Er erzählte dem designierten Staatschef vom Gipfel. Medwedew hörte freundlich zu und antwortete mit süffisantem Lächeln: "Während wir hier reden, unterschreibt Präsident Putin mit Kasachstan und Turkmenistan einen Vertrag zum Bau einer Gaspipeline nach Südrussland." Als EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner vier Monate später die Turkmenen besuchte, hatten die ihr Gas größtenteils verkauft - und speisten die Österreicherin mit Zusagen über zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr ab. Das reicht Europa für eine Woche.

Werben um Aserbaidschan

Nun umwirbt Russland Aserbaidschan, letzte große Hoffnung der Nabucco-Betreiber. Anfang Juli reiste Premier Medwedew ins Land und versprach der Regierung für ihr Gas europäische Preise - sowie dazu Unterstützung beim Konflikt mit Armenien über die abtrünnige Region Bergkarabach.

Gazprom sieht sich bereits als Sieger

Russland versucht ganz bewusst, Nabucco zu torpedieren", sagt SWP-Stratege Hobohm. Allen voran mit einer eigener Konkurrenzpipeline: South Stream soll teilweise parallel zu Nabucco verlaufen und im selben Ort enden - dem österreichischen Baumgarten. Gazprom sieht sich bereits als Sieger des Duells. "South Stream wird rentabel sein", sagt Vizechef Alexander Medwedew, der mit dem Staatspräsidenten nicht verwandt ist. "Bei Nabucco bin ich mir da nicht so sicher."

EU-Staaten wechseln zu Gazprom-Projekt

Reihenweise laufen nun EU-Staaten zum Gazprom-Projekt über: Griechenland, Bulgarien, Ungarn, Slowenien - von europäischer Einheit ist bei Nabucco keine Spur. Solana ist bitter enttäuscht. "Solche fragmentierten bilateralen Verhandlungen stellen uns am Ende alle schlechter", sagt er. Doch seine Mahnungen verhallen. Österreich macht nun auch bei South Stream mit. Und Italiens Energiemulti Eni ist Projektpartner.

Flüssiggas als Alternative

Die EU redet, Gazprom handelt. "Wir Europäer stellen uns nicht geeint gegen diese geballte Macht", sagt Ausschusschef Saryusz-Wolski. "Dafür werden wir einen hohen Preis bezahlen. Wir werden politisch erpressbar." Die einzige Alternative zum Pipelinegas wäre Flüssiggas (LNG). Aber auch hier gehen die Europäer unkoordiniert vor. Großbritannien hat bereits fünf LNG-Terminals im Bau, um Gas aus Katar oder Trinidad zu importieren. Andere Staaten sind dagegen weit zurück. Deutschlands großer Versorger Eon Ruhrgas etwa erwägt seit zwei Jahrzehnten, ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven zu bauen. Beschlossen hat er es bis heute nicht.

Gazprom steckt weitere Claims ab

Während die Europäer zögern und zaudern, steckt Gazprom seine nächsten Claims ab. Vergangene Woche machte Alexej Miller Station im Iran, um ein Kooperationsabkommen mit dem staatlichen Energiemulti NIOC abzuschließen. Zur großen Freude von Mahmud Ahmadinedschad. "Wir begrüßen Gazproms Präsenz in der iranischen Öl- und Gasindustrie", sagte der Staatspräsident. Gelingt es den Gazprom-Granden, nun auch das Land mit den zweitgrößten Reserven der Welt auf ihre Seite zu ziehen, brauchen sie keine Gas-Opec mehr. Dann wird man sich auch auf dem kurzen Dienstweg einig.

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