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Bei Ver.di rumort es


Gewerkschaften  

Bei Ver.di rumort es

05.09.2008, 14:06 Uhr | bv, AFP, dpa, t-online.de

Ver.di - Gewerkschaft im Unruhezustand (Foto: imago)Ver.di - Gewerkschaft im Unruhezustand (Foto: imago) Nach dem Ver.di-Streik bei der Lufthansa könnte die Gewerkschaft eigentlich zufrieden zur Tagesordnung übergehen: Der Fluglinie wurde mit einem relativ kurzen Streik ein etwas höherer Tarifabschluss abgetrotzt. Aber stattdessen gibt es bei Ver.di jetzt jede Menge Ärger. Die Mitglieder sind unzufrieden mit dem Erreichten - und der Gewerkschaftsvorsitzende sorgt mit einem Gratisflug zur Unzeit ebenfalls bei vielen für Unverständnis und Empörung. #

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Streik zu früh abgebrochen

Unter den Mitgliedern gibt es Widerstand gegen den am Freitag erzielten Tarifkompromiss mit der Lufthansa. Ein "Netzwerk für eine kämpferische und demokratische Ver.di" forderte das Boden- und Kabinenpersonal am Sonntag auf, in der Urabstimmung zum Tarifabschluss mit Nein zu stimmen. Das Netzwerk teile "voll und ganz die Empörung von Lufthansa-Kollegen, wie der Mechaniker in München, über den Tarifabschluss", hieß es in einer Mitteilung. Die Ver.di-Führung habe den Streik abgebrochen, als er begonnen habe, Wirkung zu zeigen.

Kritik an Abschluss und Laufzeit des Tarifvertrags

Die jetzt vereinbarten Gehaltserhöhungen bedeuteten keinen Ausgleich für die enormen Preissteigerungen der letzten Monate und schon gar nicht für die Reallohnverluste der vergangenen Jahre. Zudem sollte in einer Zeit, in der jeden Monat die Lebenshaltungskosten in die Höhe schössen, keine Laufzeit von mehr als zwölf Monaten vereinbart werden.

Scharfe Kritik an Bsirske

Derweil gerät auch Ver.di-Chef Frank Bsirske immer stärker unter Druck - wegen seines Erste-Klasse-Gratisflugs mit der Lufthansa kurz vor dem Streik. Während einige Unions- und FDP-Politiker den Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft am Wochenende zum Rücktritt aufforderten, verlangten andere, Bsirske solle seinen Urlaub zumindest abbrechen und sich den Verdi-Mitgliedern vor Ort erklären.

Erste-Klasse-Flug bestätigt

Ver.di-Sprecher Harald Reutter nannte Rücktrittsforderungen im WDR "absurd". Gleichzeitig bestätigte Reutter, dass Bsirske im Rahmen der für Aufsichtsräte der Lufthansa üblichen Regelungen für Freiflüge erster Klasse von Frankfurt nach Los Angeles geflogen sei. Reutter sagte, von den allen Lufthansa-Aufsichtsräten gewährten Möglichkeiten für Freiflüge mache Bsirske äußerst zurückhaltend Gebrauch. Den Anschlussflug von Los Angeles zu seinem Zielort habe der Ver.di-Chef aus eigener Tasche bestritten. Den durch den Freiflug entstandenen finanziellen Vorteil werde er ordnungsgemäß versteuern.

"Legal, aber unanständig"

Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, sagte der "Bild am Sonntag" (BamS): "Bsirskes Verhalten mag legal sein, ich halte es aber für unanständig. Ich fordere ihn auf, seinen Luxusurlaub sofort abzubrechen und den Vorgang sowohl seinen Gewerkschaftsmitgliedern als auch den Lufthansa-Aktionären zu erklären." CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer sagte der "Welt am Sonntag", "das ist bei Gewerkschaftsfunktionären leider nichts Neues: Diejenigen, die den moralischen Zeigefinger am höchsten heben, halten am ungeniertesten die Hand auf."

"Gewerkschaftschef als Bonze"

Auch der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle forderte Bsirske zum Abbruch seines Urlaubs auf. "Das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit: Die kleinen Ver.di-Leute stehen mit der Fahne vor den Toren und kämpfen um einige Zehntel mehr, während sich ihr Gewerkschaftschef wie ein Bonze verhält", sagte Brüderle der "BamS". Der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas forderte: "Diesen Vorgang muss Frank Bsirske seinen Mitgliedern erklären."

"Leute beim Arbeitskampf im Stich gelassen"

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft solle "in der Südsee bleiben", sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel der "Bild"-Zeitung. "Wenn er jetzt nicht zurücktritt, sollten ihm die Gewerkschafter den Stuhl vor die Tür setzen." Bsirske agiere "nach dem Motto: links reden, rechts leben", sagte der CSU-Wirtschaftsexperte Hans Michelbach dem Blatt. Bsirske habe "seine Leute während des Arbeitskampfes im Stich gelassen" und müsse "eigentlich" zurücktreten. Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand, Michael Fuchs, verlangte Bsirskes Rückzug aus dem Lufthansa-Aufsichtsrat. Sein Verhalten sei "unglaublich", sagte Fuchs dem Blatt.

Flug kurz vor dem Streik angetreten

Die "Bild"-Zeitung hatte am Freitag berichtet, dass Bsirske, der stellvertretender Aufsichtsratschef der Lufthansa ist, in Begleitung seiner Frau gratis mit der Airline erster Klasse in den Südsee-Urlaub geflogen sei. Kurz danach hatte der Streik begonnen, zu dem Ver.di im Tarifkonflikt mit der Lufthansa aufgerufen hatte.

Sturz Bsirskes unwahrscheinlich

Nach einem Bericht von "Spiegel Online" sorgt Bsirskes Verhalten auch innerhalb von Ver.di für Unmut. Sich von der Lufthansa zu diesem Flug einladen zu lassen, "ist eine bodenlose politische Instinktlosigkeit", sagte das langjährige Mitglied der bayerischen Ver.di-Landesbezirksleitung, Michael Wendl, der Internetausgabe des Nachrichtenmagazins. Auch dass Bsirske erste Klasse flog, sei "mehr als schlechter Stil". Das zeige, "dass man die Nähe zum gehobenen Management suche und dazu gehören will, statt das Ohr an der Basis zu haben". Einen Sturz Bsirskes erwartet Wendl aber nicht. "Ein Gewerkschaftschef stürzt nur dann über solch einen Fehltritt, wenn es eine starke innergewerkschaftliche Opposition gibt." Die sei bei Ver.di aber nirgends erkennbar.

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