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Unternehmensübernahme: Bei DAX-Unternehmen wächst die Angst


Feindliche Übernahmen  

Anschleich-Angreifer lassen DAX-Chefs zittern

27.08.2008, 15:19 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

SwissLife will MLP: Nur einer von vielen feindliche Übernahme-Versuchen (Bild: dpa)SwissLife will MLP: Nur einer von vielen feindliche Übernahme-Versuchen (Bild: dpa) Das Zittern greift um sich in den Vorstandszimmern. Es herrscht die Angst vor der plötzlichen Übernahme, dem hinterhältigen Angriff eines Investors. Denn schon wieder gibt es ein Aufkäufer-Opfer in Deutschland. Betroffen ist diesmal mit dem Finanzdienstleister MLP ein Unternehmen aus der mittelständischen zweiten Börsenliga. Mit einem verdeckten Manöver hat AWD-Lenker Carsten Maschmeyer seinem neuen Eigentümer, dem Versicherer SwissLife, eine Sperrminorität an dem MDAX-Unternehmen aus Wiesloch gesichert.

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Sind VW und Conti erst der Anfang?

Prompt steht das MLP-Management unter Druck: Werden die neuen Haupteigentümer versuchen, Schritt für Schritt die Kontrolle über den Versicherungsmakler zu erhalten? Beispiele dafür gibt es genug. So hat Porsche sich erst mit einer Minderheit bei Volkswagen eingekauft, um nun doch mit aller Entschlossenheit die Mehrheit an Europas größtem Autokonzern anzustreben. Nicht zu reden von Continental: Dort hat sich der fränkische Zulieferer Schaeffler angeschlichen. Seither tobt die Abwehrschlacht.

62 feindliche Übernahmeversuche seit Januar

Deutschlands börsennotierte Aktiengesellschaften sehen sich plötzlich mit einer gefährlichen Übernahmewelle konfrontiert, die in der Historie ihresgleichen sucht. "Wenn dieses Anschleichen Schule macht, kann sich kein Konzern mehr sicher sein", sagt Hubertus Schmoldt, Chef der Gewerkschaft IG BCE. Nach Angaben von Thomson Reuters gab es allein in der ersten Jahreshälfte 62 feindliche Übernahmeversuche innerhalb und außerhalb der deutschen Grenzen.

Es kann jeden treffen

Das sind so viele wie zuletzt vor acht Jahren, mitten im Internet-Boom, als Vodafone den Düsseldorfer Traditionskonzern Mannesmann für die schier unvorstellbare Summe von umgerechnet 190 Milliarden Euro kaperte. Dieses Mal allerdings sind nicht einzelne Branchen oder Unternehmen betroffen, wie damals die Mobilfunker, sondern scheinbar die gesamte deutsche Firmenelite.

Aktienkurs niedrig, Gewinn hoch

Grund für die Ausverkaufsstimmung in den deutschen Chefetagen ist der niedrige Aktienkurs vieler hiesiger Börsenunternehmen. Der DAX hat seit Jahresbeginn peu à peu mehr als 1500 Indexpunkte auf nunmehr knapp 6450 Zähler verloren, die Titel der Unternehmen sackten in vielen Fällen im Gleichschritt ab. Deren Gewinne aber verharrten weiter auf hohem Niveau. Und so sind die guten deutschen Firmen derzeit vergleichsweise billig zu haben.

Aufsichtsräte tüfteln Abwehrstrategien aus

"Günstige Aktienkurse bei Unternehmen mit guten Perspektiven sind immer eine Einladung für feindliche Übernahmen", sagt Kai Lucks, Vorsitzender des Bundesverbands Mergers & Acquisitions. "Das ist eine günstige Lage für kaufwillige Unternehmen, die selbst über eine gut gefüllte Kriegskasse verfügen", sagt auch Henrik Aslaksen, Übernahmeexperte der Deutschen Bank - und eine schlechte für jene, die in ihr Visier geraten. "Ich bin mir sicher, dass sich die Aufsichtsräte in vielen Unternehmen schon auf den nächsten Sitzungen wieder mit den Abwehrstrategien gegen eine feindliche Übernahme beschäftigen werden", sagt Gewerkschaftschef Schmoldt, der selbst Aufsichtsrat in DAX-Unternehmen ist.

Geld scheint keine Rolle zu spielen

Selbst jahrzehntelange Trutzburgen deutschen Kapitalismus müssen mittlerweile fürchten, Opfer einer radikalen Aufkäuferschar zu werden. "Daimler beispielsweise muss sich Sorgen machen", sagte etwa Jürgen Pieper, Analyst des Bankhauses Metzler - und das, obwohl der Firmenwert des schwäbischen Autokonzerns locker auf 80 Milliarden Euro geschätzt wird.

E.ON macht sich hässlich

Sogar der Energieriese E.ON scheint sich nicht mehr sicher zu fühlen, obwohl der Konzern mit einem Börsenwert von 120 Milliarden Euro selbst für europäische Verhältnisse ein Dickschiff unter den Aktiengesellschaften des Kontinents ist. Doch die Düsseldorfer haben bereits auf die neue, bedrohliche Lage reagiert: Ende des Jahres werden sie doppelt so viele Schulden wie noch 2006 aufgetürmt haben, um nicht auch noch mit hohen Bargeldbeständen in der Kasse auf sich aufmerksam zu machen.

Riskante Stategie

Eigentlich grotesk: Was in normalen Zeiten als eher schlechte Firmennachricht gewertet würde, nämlich mehr Schulden verantworten zu müssen, hat E.ON-Finanzvorstand Marcus Schenck kürzlich selbst voller Stolz im Schulungszentrum des Energiekonzerns bekannt gegeben. Allerdings kann die Schuldentreiberei als Abwehrstrategie auch danebengehen: Die Kreditlast sollte nie auf den Aktienkurs durchschlagen und die Firma so auf einen Ausverkaufspreis drücken. Dann wäre niemand mehr auf die Milliarden in E.ONs Firmenkasse angewiesen, um den Rheinländern auf die Pelle zu rücken, sondern könnte den Brocken womöglich sogar allein stemmen.

"Anleger besser kennenlernen"

E.ON ist deshalb weitergegangen. Der Stromkonzern hat seine bisherigen Inhaberaktien auf Namensaktien umgestellt. Jeder Anteilseigner muss sich jetzt zu erkennen geben. "Wir hoffen, damit unsere Anleger besser kennenzulernen", sagte Finanzvorstand Schenck lakonisch. Auch das nunmehr attackierte MLP-Management soll schon erste Gespräche mit den neuen Herren im Hause geführt haben, mit dem Swiss-Life-Management.

Besonders interessant: Firmen aus der zweiten Reihe

Fragt sich nur, ob das etwas bringt. Der leidgeprüfte Continental-Vorstand ist zuvor geradezu in einen öffentlichen Dialog mit seinen fränkischen Aufkäufern, der Schaeffler-Gruppe, getreten. Dennoch scheint alles darauf hinauszulaufen, dass Continental sich mit der neuen Situation abfinden muss. Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), erwartet, dass Firmen in der zweiten und dritten Börsenreihe, wie beispielsweise MLP, noch stärker übernahmegefährdet sind als DAX-Riesen vom Schlage Continental und Daimler.

Finanzinvestoren wieder in den Startlöchern

Schließlich müssten für diese Unternehmen weniger große Summen aufgebracht werden. Da können dann auch viele Finanzinvestoren wieder locker mitbieten, die durch die höheren Kreditkosten bei der Übernahmefinanzierung infolge der internationalen Finanzkrise zuletzt im Bieterkampf etwas ins Hintertreffen geraten sind. Das Übernahmekarussell dürfte sich dann noch schneller drehen.

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