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"Schwarzer Montag" verläuft glimpflich


Bankenkrise  

"Schwarzer Montag" verläuft glimpflich

16.09.2008, 18:15 Uhr | bv, AFP , dpa-AFX , dpa , t-online.de

Wallstreet - Schockwellen am US-Finanzzentrum (Foto: imago)Wallstreet - Schockwellen am US-Finanzzentrum (Foto: imago) Die Finanzkrise hat am "schwarzen Montag" in der US-Bankenwelt einen neuen Höhepunkt erreicht. Als Folge der US-Immobilienkrise scheiterten zwei der größten und traditionsreichsten US-Investmentbanken: Nach vergeblichen Rettungsversuchen musste die über 150 Jahre alte Bank Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Die drittgrößte Investmentbank Merrill Lynch wurde von der Bank of America aufgekauft.

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Weltweite Schockwellen

Die Hiobsbotschaften lösten weltweit Schockwellen an den Börsen aus. "Die Vertrauenskrise ist wieder da", hieß es. Jetzt schauen alle auf eine der letzten verbliebenen großen Investmentbanken: Goldman Sachs wird am Dienstag die Zahlen für das dritte Quartal vorlegen. Außerdem rechnen viele Experten damit, dass die US-Notenbank am Dienstag die Leitzinsen senken wird.

Bankkonzerne legen Hilfsfonds auf

Notenbanken und Finanzbehörden griffen zur Stabilisierung der Märkte ein. Zehn internationale Bankkonzerne, darunter die Deutsche Bank, legten einen 70 Milliarden Dollar schweren Unterstützungsfonds auf, um sich gegenseitig auszuhelfen. Verbraucherschützer in Deutschland, Bundesregierung und die deutsche Finanzaufsicht beruhigten die Bankkunden. Es gebe "keinen Grund zur Panik". US-Präsident George W. Bush sagte am Montag in Washington zu den Auswirkungen auf die Finanzmärkte, "kurzfristig mögen diese Anpassungen schmerzhaft sein". Mit Blick auf die langfristige Zukunft sei er jedoch optimistisch, dass die Kapitalmärkte ausreichend flexibel seien, um diese Anpassungen meistern zu können.

DAX rutscht auf Zwei-Jahres-Tief

Der Deutsche Aktienindex DAX schloss auf dem tiefsten Stand seit Oktober 2006 mit 6064 Punkten, ein Minus von 2,7 Prozent. Im Handelsverlauf war der DAX sogar unter die wichtige Marke von 6000 Punkten gefallen. Noch vor gut einem Jahr hatte er bei knapp über 8150 Punkten einen Rekordstand erreicht. Besonders Banken- und Versicherungstitel verbuchten hohe Verluste. Aktien der Commerzbank, Käufer der Dresdner, brachen um über neun Prozent ein. Die Börsen in Frankreich, Zürich, Großbritannien und Russland verloren kräftig. Auch die Wall Street eröffnete am Montag schwach. Seit mehr als anderthalb Jahren haben Spekulationen in zigfacher Milliardenhöhe mit faulen Hypotheken am US-Immobilienmarkt die Finanzmärkte in Turbulenzen gestürzt und Riesenlöcher in Bankbilanzen verursacht.

Lehman - Turbulenzen in der Finanzwelt, DAX zeitweise unter 6000

US-Finanzbranche verändert ihr Gesicht

Das Gesicht der amerikanischen Finanzbranche veränderte sich am Montag schlagartig: An der Wall Street gibt es nunmehr mit Goldman Sachs und Morgan Stanley nur noch zwei funktionsfähige Investmentbanken statt fünf vor einem halben Jahr. Lehman Brothers, die viertgrößte amerikanische Investmentbank, beantragte Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts. In dem Verfahren kann sie zunächst einmal ihre Geschäfte weiterführen, ohne von ihren Geldgebern überrannt zu werden. Die verzweifelten Rettungsbemühungen für Lehman scheiterten letztlich daran, dass die US-Regierung in anderen Fällen geleistete Staatshilfen ausschloss und die Branche nicht bereit war, die milliardenschweren Risiken zu übernehmen. Grund des Kollapses war auch bei Lehman vor allem die vom Ausfall bedrohten Kreditpapiere aus dem Immobiliensektor.

Lehman Brothers praktisch wertlos

Die drittgrößte Investmentbank Merrill Lynch wurde in der Nacht zum Montag von der Bank of America aufgefangen. Die Lage bei Merrill war nicht so akut wie bei Lehman Brothers, sie litt jedoch auch unter Milliardenverlusten und fallenden Aktienkursen. Die Bank of America, die lange auch als Retter für Lehman umworben wurde, zahlt für Merrill Lynch rund 50 Milliarden Dollar in Aktien. Die Aktien der Unternehmen entwickelten sich derweil recht unterschiedlich: Während Lehman Brothers um mehr als 90 Prozent auf 0,25 US-Dollar fielen, konnte Merrill Lynch anfangs um rund 30 Prozent zulegen, bevor der Kurs wieder etwas abbröckelte.

Alle Augen auf Goldman Sachs

Die größte US-Investmentbank Goldman Sachs hat die sich zuspitzende Finanzkrise bislang vergleichsweise gut überstanden. Jetzt steht sie vor Veröffentlichung ihrer Quartalszahlen am Dienstag besonders im Focus. Analysten gehen trotz der Hiobsbotschaften beim Wettbewerber Lehman Brothers davon aus, dass das sich Goldman Sachs weiterhin über Wasser halten konnte. Die 19 befragten Experten rechnen damit, dass die Bank im dritten Quartal (Juni bis August) einen Überschuss von 1,73 Dollar pro Aktie oder insgesamt 857 Millionen Dollar erwirtschaftet hat. Sollten sich die Schätzungen bewahrheiten, hätte aber auch Goldman Sachs deutlich Federn lassen müssen. Im Vorjahreszeitraum hatte der Konzern noch mehr als drei Mal so viel erwirtschaftet, nämlich 6,13 Dollar je Aktie oder insgesamt fast 2,9 Milliarden Dollar.

Krisengipfel am Wochenende

Die Finanzkrise hatte Ende 2006 begonnen, als sich erste dunkle Wolken über dem lange boomenden US-Häusermarkt zeigten. In mehreren Wellen überzogen seither die Stürme der Kreditkrise die Märkte mit weltweiten Bankenabschreibungen von über 500 Milliarden Dollar. Doch am Wochenende braute sich über der Wall Street ein Hurrikan zusammen. Bei einem Krisengipfel rangen US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbank-Vertreter fast rund um die Uhr mit Spitzenbankern um eine Rettung für die einst von deutschen Auswanderern gegründete Lehman-Bank.

US-Regierung blieb diesmal hart

Doch die Branche verweigerte dem Traditionshaus eine solidarische Rettungsaktion wie noch zehn Jahre zuvor beim Hedge Fonds Long Term Capital. Am Ende war sich angesichts eigener Probleme jeder selbst der Nächste. Wesentlicher Grund: Die Regierung blieb hart, gab diesmal keine Staatsgarantien. Sechs Monate zuvor beim Bear-Stearns-Notverkauf und erst vor sieben Tagen bei den strauchelnden Baufinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac flossen noch Milliardenhilfen.

Zustimmung zu Hilfsverweigerung

Trotz der Ängste vor einem Flächenbrand begrüßten Experten die sture Haltung der US-Regierung. "Irgendwann musste sie eine große Bank scheitern lassen", sagte Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner: "Sonst würden immer weitere kommen und Hilfen wollen." Das könnte dennoch schnell passieren. Denn wie Lehman und Merrill Lynch haben sich viele Finanzhäuser tief im Sumpf der US-Immobilienkrise verstrickt. Bis der Markt zusammenbrach, spekulierten sie mit schlecht besicherten Hypothekenpapieren, die weiterhin ein unkalkulierbares Risiko sind. Ein fast totaler Kursverlust an der Börse brach Lehman am Ende das Genick. Am Montag reagierten die Börsen auf die Krise weltweit mit weiterer Talfahrt, die in einer neuen Abwärtsspirale den Druck auf zahlreiche Häuser erhöhte.

Video - Heftige Reaktionen an den Börsen

Bewährungsprobe für Bernanke

Für US-Notenbank-Chef Ben Bernanke wird die Krise mehr denn je zur Bewährungsprobe - wie für seinen legendären Vorgänger Alan Greenspan einst die ökonomischen Folgen der Terrorattacken vom 11. September 2001. Greenspan hob immer wieder Widerstandskraft und Belastbarkeit der US-Wirtschaft als ihre großen Stärken hervor, die auch Krisen wie den Börsencrash 1987 und das spätere Platzen der New-Economy-Blase gemeistert habe. Am Montag hoffte die gesamte Finanzwelt, dass der Altmeister ein weiteres Mal recht behalten wird. Sie hoffte aber ebenso darauf, dass die US-Notenbank am Dienstag den Leitzins von 2,0 auf 1,75 Prozent senken wird. "Die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Leitzinssenkung in den USA ist deutlich gestiegen", sagte Ralf Umlauf, Analyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen.

Lehman- und Merrill-Banker räumen Büros

Zehntausende Bankmitarbeiter stehen derweil vor dem Nichts: Als am Sonntag Dutzende schwarze Manager-Limousinen von der Notsitzung in der New Yorker Notenbank abbrausten, schleppten viele Angestellte bereits Umzugskisten aus den einst stolzen Zentralen von Lehman Brothers und Merrill Lynch. Bis zu 85.000 Jobs können allein hier in Gefahr sein. Mit Tränen in den Augen stammelte eine junge Frau vor den sich schließenden Lehman-Türen in Manhattan nur: "Es ist vorbei."

Kein Grund zur Panik für deutsche Bankkunden

Bankkunden in Deutschland sind nach Ansicht von Verbraucherschützern von der dramatischen Zuspitzung der Finanzkrise kaum betroffen. "Es gibt für normale Bankkunden derzeit überhaupt keinen Grund zur Panik", sagte der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, Niels Nauhauser. Nur wer Aktien oder Schuldverschreibungen der betroffenen Banken wie Lehman Brothers habe, müsse möglicherweise mit Verlusten rechnen. Geldeinlagen wie Sparkonten, Sparbriefe oder Festgelder seien in Deutschland zum Großteil über die gesetzliche Einlagensicherung abgesichert.

Deutsche Finanzaufseher beruhigen

Bundesfinanzministerium, Finanzaufsicht BaFin und Bundesbank beruhigten in einer gemeinsamen Erklärung: Die Auswirkungen der Krise auf den deutschen Markt seien "verkraftbar". Ministerium, BaFin und Bundesbank stünden in engem Kontakt mit den internationalen Partnerbehörden und den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft. Die weitere Entwicklung werde "sehr genau" beobachtet. Eine akute Gefahr, dass sich die Bankenkrise in den USA auf das deutsche Wirtschaftswachstum und damit auf den deutschen Haushalt auswirkt, sieht das Bundesfinanzministerium nicht.

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