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American International Group: Ökonomen kritisieren Eingriff der US-Regierung


Hintergrund  

"Gewinne sind privat, Verluste trägt die Öffentlichkeit"

17.09.2008, 12:15 Uhr | mash, dpa, t-online.de, dpa-AFX

Der AIG-Sitz in Hongkong (Foto: AFP)Der AIG-Sitz in Hongkong (Foto: AFP) Die staatliche Rettung des US-Versicherungskonzerns American International Group (AIG) wird von Volkswirten nicht nur positiv bewertet. Während die Aktion mit Blick auf die Stabilität der internationalen Finanzmärkte begrüßt wird, stößt der abermalige Eingriff des Staates zur Rettung eines krisengeschüttelten Finanzkonzerns auch auf Kritik. Vor allem aus ordnungspolitischer Sicht und vor dem Hintergrund des Scheiterns der US-Investmentbank Lehman Brothers sei ein erneutes Einspringen des Staates kritisch zu werten, heißt es unter Ökonomen.

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Rettungsaktion der Regierung

In einer dramatischen Rettungsaktion wurde der schwer angeschlagene US-Versicherungskonzern AIG in der Nacht zum Mittwoch vor der Pleite bewahrt. So gewährte die US-Notenbank (Fed) dem Versicherer einen dringend benötigten Kredit von 85 Milliarden Dollar (60 Milliarden Euro). Im Gegenzug übernimmt die Fed knapp 80 Prozent der AIG-Aktien. Damit hatten Notenbank und Regierung eine Kehrtwende vollzogen, nachdem die US-Regierung bis zuletzt staatliche Hilfen für AIG abgelehnt hatte. AIG ist einer der weltgrößten Versicherer mit mehr als 100.000 Beschäftigten.

AIG-Pleite hätte unüberschaubare Folgen gehabt

Aus Sicht der Commerzbank ist die Rettung des Versicherers vor allem auf dessen Größe zurückzuführen." Eine Pleite von AIG hätte zu einem internationalen Ketteneffekt nicht überschaubaren Ausmaßes geführt", sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Nachdem eine von der Regierung bevorzugte brancheninterne Lösung nicht zustande gekommen sei, habe die Regierung die Rettungsleine ziehen müssen. "Letztlich war AIG wie zuvor die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac schlichtweg zu groß, um eine Pleite in Kauf zu nehmen", sagt Weidensteiner.

"Too big to fail"

Auch Ökonom Christian Löhr von der Bremer Landesbank unterstreicht die große Bedeutung des Versicherungskonzerns im internationalen Finanzgefüge: "Wäre AIG tatsächlich Pleite gegangen, wären die Auswirkungen aufgrund der internationalen Verflechtung des Konzerns unübersehbar gewesen." Somit habe wie auch bei Fannie Mae und Freddie Mac das Motto "too big to fail" den Ausschlag gegeben. "Derartige Finanzkonzerne kann der Staat einfach nicht Pleite gehen lassen." Daher sei letztlich keine andere Wahl geblieben, als mit öffentlichen Mitteln einzuspringen.

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Scharfe Kritik aus ordnungspolitischer Sicht

Deutliche Worte findet Löhr indes aus ordnungspolitischer Sicht: "Wieder einmal zeigt sich, dass Gewinne offensichtlich privat sind und Verluste von der Öffentlichkeit zu tragen sind." Gerade im Fall der USA, die als Verfechter einer freien Marktwirtschaft gelten, passten derartige Rettungsaktionen nicht ins Bild. Zudem messe die US-Regierung bei der Finanzkrise offensichtlich mit zweierlei Maß, sagte Löhr mit Blick auf die von der Regierung geduldete Insolvenz von Lehman Brothers Anfang dieser Woche. "Das Aus von Lehman interessiert in einigen Jahren wohl kaum jemanden mehr. Bei AIG wäre das sicher anders gewesen."

Wankelmütigkeit der US-Regierung

Auch die Commerzbank sieht den Richtungsschwenk der US-Regierung kritisch. Die "harte Linie" der Regierung, von der Finanzkrise betroffenen Unternehmen finanziell nicht mehr unter die Arme greifen zu wollen, habe gerade einmal zwei Tage gehalten, sagt Weidensteiner. Noch am Wochenende habe Finanzminister Henry Paulson Staatshilfen für AIG abgelehnt, und auch die US-Notenbank habe mit ihrer Entscheidung zu unveränderten Leitzinsen diese Haltung im Prinzip bestätigt. Auf der anderen Seite habe der Staat mit der Insolvenz von Lehman deutlich gemacht, dass nicht jedes Unternehmen aus der Krise gerettet wird. "Für das Finanzsystem derart bedeutsame Unternehmen wie AIG kann man schlichtweg nicht gegen die Wand fahren lassen".

Unicredit: US-Regierung beweist Weitsicht

Gänzlich anders beurteilt UniCredit-Chefvolkswirt Marco Annunziata die Rettungsaktion. Die Regierung habe mit ihren jüngsten Entscheidungen zur US-Bankenkrise strategische Weitsicht bewiesen, schreibt der Ökonom in einer Studie. Auch für womöglich kommende Herausforderungen wie die in den Schlagzeilen stehende Sparkasse Washington Mutual und die US-Großbank Wachovia seien Lösungen absehbar, ohne eine "systemische Kernschmelze" auszulösen.

Ermutigender Wechsel der Stimmungslage

Die Lage an den Finanzmärkten beschreibt Annunziata als nach wie vor angespannt, was sich so schnell auch nicht ändern werde. Allerdings sei die fortschreitende Bereinigung im US-Bankensektor ein "ermutigender Wechsel" weg von der schwermütigen Stimmung an den Märkten. Optimistisch stimme zudem, dass sich die US-Konjunktur bis zuletzt erstaunlich robust gezeigt habe. Mit Blick auf die immer schneller ablaufende Konsolidierung bei den amerikanischen Banken schreibt Annunziata: "Letztlich werden die Straßen mit viel Blut geteert sein, aber dies ist bei Umwälzungen eben so."

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