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Bankenkrise in USA: Der Mann, der die Wall Street retten soll


US-Bankenkrise  

Der Mann, der die Wall Street retten soll

10.10.2008, 11:17 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Neel Kashkari (Foto: dpa)Neel Kashkari (Foto: dpa) Neel Kashkari war Raketenbauer, Investmentbanker und Staatssekretär - jetzt ist dem 35-Jährigen die wohl brisanteste Aufgabe Washingtons zugefallen: Er soll das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Wall Street verwalten. Damit bestimmt er, welche Banken überleben - und welche nicht. #

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Übernächtigt zum Vortrag

An dem Morgen, als US-Finanzminister Henry Paulson sein Wall-Street-Rettungspaket enthüllte, war Staatssekretär Neel Kashkari ein paar Straßen weiter zu Gast beim American Enterprise Institute (AEI). Die konservative Denkschmiede hatte ihn als Eröffnungsredner für eine Podiumsdiskussion geladen. Trefflicher Titel der Veranstaltung: Wie lässt sich die Hypothekenbranche retten? Kashkari, 35, war sichtlich übernächtigt. Zeitweise versagte seine Stimme, und einmal begann er zu husten und musste abbrechen. "Sorry", sagte er. "Wenn ich nicht viel Schlaf bekomme, fällt es schwer, morgens zu reden."

Rechte Hand des Ministers

Das Publikum - meist Vertreter der Hochfinanz - sah es ihm nach: Der außerhalb der Szene unbekannte Staatssekretär hatte nächtelang durchgearbeitet, als rechte Hand des Ministers. Dass er dabei maßgeblich an der Entwicklung des Rettungsplans beteiligt war, ließ er sich an jenem Vormittag freilich nicht anmerken. Im Gegenteil: "Es gibt keine Wunderwaffe", warnte Kashkari da. "Es gibt kein einzelnes Mittel, das all unsere Probleme lösen wird."

Rettungspaket ohne Fortune

Ironie der Geschichte: Exakt zur selben Zeit verkündete sein Chef Paulson eben jenes Milliardenpaket, in dem die Wall Street anfangs eine Wunderwaffe sah. Und es ist kein anderer als Kashkari, der dieses Paket nun auspacken soll - obwohl sich die ersten Hoffnungen auf zumindest eine psychologische Atempause für die Märkte seither bitter zerschlagen haben.

Neues Amt für Finanzstabilität

Diese Woche ernannte Paulson den Mann mit der markanten Glatze zum Chef des neu geschaffenen "Office of Financial Stability" (Amt für Finanzstabilität), jener Behörde, die das am vergangenen Freitag vom US-Kongress zähneknirschend beschlossene 700-Milliarden-Dollar-Programm verwalten wird. Kashkari - der selbst vor wenigen Jahren noch die Universitätsbank drückte - ist damit auf einen Schlag für eine irrsinnige Geldsumme verantwortlich, die in etwa den laufenden Kosten des Irak-Kriegs entspricht.

Atemberaubender Aufstieg eines Unbekannten

Ein atemberaubender Aufstieg also für einen obskuren Finanzhai, den das Magazin "Time" als "relativ grün" bezeichnet - und der in Washington bisher ein derart unbeschriebenes Blatt war, dass sich Reporter auf der Suche nach biografischen Details die Zähne ausbissen. "Ehrlich gesagt", beschwerte sich Autor Rob Kall auf dem linksliberalen Polit-Blog Huffington Post, "scheint es fast, als sei das Web von allen Hintergrundinformationen über diesen Mann der Stunde gesäubert worden."

Größte Staatsintervention der US-Geschichte

Dabei hatten die meisten erwartet, dass Paulson als vertrauensbildende Maßnahme einen Prominenten benennen würde, etwa den Börsenguru Warren Buffett, dessen Name in diesem Zusammenhang kurz aufkam. Denn die Abwicklung jener Steuermilliarden, mit denen die Regierung den maroden US-Banken ihre toxischen Investments abkaufen und die Kreditmärkte wieder auftauen will, ist nicht nur die größte Staatsintervention in der US-Geschichte. Sie ist ein undankbarer Höllenjob voller Fallstricke - und falscher Erwartungen.

Erste Kaufaktion in einigen Wochen

Nicht zuletzt deshalb hielt es Paulson am Mittwoch, nach einem weiteren, düsteren Verlusttag an den Welt- und US-Börsen, denn auch für nötig, eigens noch mal vor die Fernsehkameras zu treten und bei der Aktivierung des Banken-Rettungspakets um Geduld zu bitten. "Wir bewegen uns so schnell wie möglich", versicherte er live - und fügte sofort hinzu: "Wir erwarten, dass es bis zu unserer ersten Kaufaktion mehrere Wochen dauern wird."

Vom Ingenieur zum Finanzwissenschaftler

Diese Wochen wird Kashkari nutzen müssen, um seinen Auftrag überhaupt erst mal zu definieren und sich ein Expertenteam zu suchen, das über jede Kritik erhaben ist. Das fängt bei ihm selbst an: Bevor Kashkari nach Washington kam, arbeitete er - wie Paulson auch und so viele in dessen Umkreis - als Banker bei der Wall-Street-Bank Goldman Sachs. Jetzt muss er unter anderem mit seinem Ex-Arbeitgeber über den Preis besagter Finanz-Altlasten schachern - eine komplexe Aufgabe, die die Interessen der Banken mit denen der Steuerzahler ausbalancieren soll.

Sohn indischer Immigranten

Doch komplexe Aufgaben sind ihm zumindest nicht fremd. Aufgewachsen in Ohio, verfolgte der Sohn indischer Immigranten zunächst gar keine Hochfinanz-Karriere. Vielmehr studierte er Ingenieurswissenschaften, arbeitete dann als Raketenwissenschaftler beim Raumfahrtkonzern TRW. Dort betreute er NASA-Technologieprojekte - zum Beispiel das James Webb Space Telescope, das ab dem Jahr 2013 das Hubble-Teleskop ersetzen soll.

Die Richtung gewechselt

Doch dann wechselte Kashkari die Richtung und machte an der University of Pennsylvania seinen MBA in Finanzwirtschaft. Michael Useem, einer seiner Professoren dort, jagte die Studenten gerne durch quasi-militärische Stress-Drills. Etwa das hypothetische Szenario, Hunderte von bosnischen Kriegsflüchtlingen innerhalb eines nur eintägigen Waffenstillstands in Sicherheit zu bringen. "Wenn man Leute in solche Situationen zwingt", sagte Useem dem "Philadelphia Inquirer", "sind sie später besser auf die großen Entscheidungen vorbereitet."

Goldman-Banker Kashkari folgte dem Goldman-Chef Paulson

Diese Kunst, das Unmögliche möglich zu machen, brauchte Kashkari auch bei seinem ersten Finanzjob: Er ging für Goldman Sachs nach San Francisco, wo er Silicon-Valley-Firmen betreute. Im Juli 2006 folgte er dem damaligen Goldman-Vorstandchef Paulson nach Washington ins US-Finanzministerium.

Ideen für besseres Investitionsklima

Als Paulsons Top-Berater war Kashkari dafür zuständig, Ideen zu finden, die, wie er es in einer Kongressanhörung einmal ausdrückte, "ein zuträglicheres Investitionsklima in den USA" ermöglichten. Schon da war die Immobilienkrise Teil seines Portfolios - namentlich Bemühungen, "ein Übergreifen auf den Rest der realen Wirtschaft" zu verhindern.

Eskalation der Kreditkrise unaufhaltsam

Das ging bekanntlich gründlich schief. Es waren Kashkari und ein enger Kreis weiterer Goldman-Alumni um Paulson, die sich bis zuletzt vergeblich die Köpfe darüber zerbrachen, wie die Eskalation der Kreditkrise aufzuhalten sei. Doch selbst 20-Stunden-Arbeitstage konnten die Katastrophe nicht verhindern.

Rettungspaket auch Kashkaris Idee

Das Rettungspaket, das am Ende als letzte Lösung dabei herauskam, war auch Kashkaris Idee - obwohl es ihm ideologisch gegen den Strich geht. "Ich bin ein Republikaner, der die freie Marktwirtschaft vertritt", sagte er bei der AEI-Diskussion. Doch sehe er auch ein, dass die US-Märkte derzeit "unter großem Druck" stünden - "so frei ich sie lieber sehen würde".

Entscheidung über Rettung oder Niedergang

Diesen Konflikt darf er nun mit der Verwaltung der Milliarden ausleben. Zur Übernahme der maroden Investments soll Kashkari "den effektivsten Prozess" (Paulson) entwickeln, wahrscheinlich ein Auktionssystem. Zugleich muss er entscheiden, welchen Banken geholfen werden kann - und welchen nicht. Sprich: welche Banken trotzdem sterben müssen.

Krisenteam in aller Eile zusammengestellt

Kashkaris Team wird gerade per Eilausschreibung zusammengestellt: Interessierte Finanzmanager hatten gerade mal zwei Tage Zeit, sich zu bewerben - Einsendeschluss war Mittwoch. Bei der Auswahl dürfte die Frage der Interessenkonflikte knifflig werden: Die meisten Experten entstammen jener Branche, die sie nun sanieren sollen.

Aufsicht aus Notenbankern, Börsenaufsehern und Politikern

Kashkaris Behörde wiederum muss sich vor zwei Kontrollgremien verantworten - einem Financial Stability Board, in dem US-Notenbankchef Ben Bernanke und Christopher Cox sitzen, der Chef der Börsenaufsicht SEC, sowie einem gemeinsamen Ausschuss beider Kongresskammern.

Posten nur auf Zeit

Viel Arbeit für nichts, wenden Kritiker ein. In der Tat ist Kashkaris Posten nur eine Interim-Stelle. Er müsste noch vom Kongress bestätigt werden - was vor den November-Wahlen aber kaum mehr geschehen wird. Danach werden die Karten sowieso neu gemischt. "Wenn es einen Regierungswechsel gibt", sagte die Journalistin Madeleine Brand vom Radiosender NPR, "wird Kashkari nicht mehr lange in Washington bleiben."

Verblasster Glanz des Weißen Hauses

Dabei war er schon als Teenager von der Hauptstadt begeistert. Bei seinem ersten Besuch begleitete er 1990 seinen Vater Chaman, einen Ingenieur, der für seine Arbeit in Afrika einen Präsidentenpreis gewonnen hatte. "Mein Sohn war vom Glanz des Weißen Hauses sehr angetan", sagte Chaman Kashkari der Zeitung "USA Today". Doch das waren andere Zeiten: Der alte Glanz ist längst verblasst.

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