Sie sind hier: Home > Finanzen > Börse > News > Eigene >

Russland verabschiedet sich von goldenen Zeiten


Finanzkrise  

Russland verabschiedet sich von goldenen Zeiten

17.10.2008, 18:01 Uhr | t-online.de, dpa-AFX

Nicht der reichste Russe, aber dafür mit der bekannteste: Roman Abramowitsch (Foto: imago)Nicht der reichste Russe, aber dafür mit der bekannteste: Roman Abramowitsch (Foto: imago)Bei Russlands Superreichen herrscht Katerstimmung wegen der Finanzkrise. Statt ihr Geld in Nachtclubs der Metropole Moskau zu verschleudern, stehen die oft milliardenschweren Besitzer von Bau- und Finanzkonzernen, aber auch von Öl- und Gasgiganten wie Lukoil, Rosneft, TNK-BP und Gazprom im Kreml als Bittsteller Schlange, um billige Kredite zu erhalten. Jahrelang vom goldenen Dollar-Regen verwöhnt, trennte sich etwa Russlands reichster Mann Oleg Deripaska wegen der Krise nun von seinen Anteilen am Baukonzern Hochtief und am kanadischen Autozulieferer Magna. Wenig zu hören ist dabei auch von Roman Abramowitsch. Der Besitzer des FC Chelsea ist wohl der bekannteste russische Milliardär in Westeuropa.

Neuer Geldadel - Die reichsten Russen
Fortune-Ranking - Die größten Konzerne weltweit
Quiz - Was wissen Sie über die großen Finanzkrisen?

Steht Russland das Schlimmste erst noch bevor?

Deripaskas Konzern Basic Element erhielt nun von der Raiffeisen Zentralbank Österreich AG fast eine halbe Milliarde Euro Kredit, um seine 25 Prozent am Baukonzern Strabag halten zu können. Doch Wirtschaftsexperten wie der frühere Regierungschef Jegor Gaidar sehen das Schlimmste erst noch auf Russland zukommen. Er warnt davor, das knappe Geld etwa zur Rettung Islands vor der angeblich drohenden Staatspleite oder für Prestigeprojekte wie den Bau neuer Flugzeugträger auszugeben.



"Leben in Euphorie" ist vorbei

Das "Leben in Euphorie" mit zweistelligen Wachstumsraten jedes Jahr und mit kolossalen Gewinnen aus den russischen Rohstoffen ist vorbei, wie Gaidar betont. Die Preise für Öl, Gas und Metalle fallen. Täglich gehen Russland laut Branchenangaben jetzt im Vergleich zu den Juli-Erlösen rund 400 Millionen Dollar an Einkünften aus dem Öl- und Gasgeschäft verloren.

Angst in Moskau

In Moskau, der jahrelang vom Wirtschaftsboom verwöhnten größten und teuersten Stadt Europas, macht sich in der Bevölkerung zunehmend Angst breit vor Entlassungen, Lohn- und Bonuskürzungen und vor einer neuen Rubelkrise wie 1998. Im Supermarkt "Samochwal" auf dem Leninski Prospekt etwa stehen viele Regale leer - "wegen der Krise", wie eine Verkäuferin meint. Salz, Mehl und Konserven sind Mangelware. Experten erklären die Probleme damit, dass die gesamte russische Wirtschaft vor allem auf Grundlage von Krediten existiert - und die fehlen.

Überblick - Wichtige Begriffe zur Finanzkrise

Kreditwirtschaft liegt am Boden

Russlands Kreditwirtschaft liegt am Boden, in den Zeitungen mehren sich Berichte über klamme Banken, die sich an der Börse verzockt haben. Viele Geldinstitute verlangen von Haus- oder Autobesitzern die vorzeitige Rückzahlung von Darlehen.

Aktienhandel wird immer wieder ausgesetzt

Die russischen Börsen wie das Russische Handelssystem RTS-Interfax-Index haben seit Juni zwei Drittel ihres Wertes verloren - rund eine Billion US-Dollar. Wegen der Turbulenzen wird der Handel mit den Aktien immer wieder ausgesetzt. "Unser Markt ist tot", stellt Ex-Regierungschef Michail Kasjanow in der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta" fest. Der Politiker vermutet, dass die Krise Russland härter treffen wird als Europa oder die USA, die der Kreml immer wieder für die Misere verantwortlich macht. Das Staatsfernsehen meidet nach Möglichkeit Worte wie Finanzkrise und Börsencrash, um keine Panik zu schüren.

Bleibt der Mittelstand auf der Strecke?

Präsident Dmitri Medwedew und sein Seniorpartner, Regierungschef Wladimir Putin, kündigen immer neue milliardenschwere Hilfspakete des Staates an. Doch Experten befürchten, dass die Milliarden nicht für alle reichen. Der Chef des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, beklagt, dass die Verteilung der Staatskredite nicht transparent verlaufe. Nur ein kleiner Kreis habe Zugang zur Macht und zu den Reserven. Der Mittelstand bleib nach Meinung von Analysten auf der Strecke, während die Regierung den großen Unternehmen hilft, die Kredite etwa bei den ausländischen Banken zu tilgen.

Zahl der Arbeitssuchenden explodiert

Die Inflation ist in diesem Jahr bereits auf mehr als elf Prozent geklettert - Tendenz steigend. Die Preise für Immobilen fallen erstmals seit Jahren. Baukonzerne legen Projekte auf Eis. Stahl- und Automobilindustrie fahren die Produktion zurück - für die Beschäftigten reichen die Folgen von Zwangsurlaub bis Kündigung. Nachdem etwa in Moskau lange nahezu Vollbeschäftigung herrschte und vor allem der Bausektor einen Personalmangel beklagte, explodiert nun die Zahl der Arbeitsuchenden.

Russischer Kapitalabfluss geht ungebremst weiter

Auch der Kapitalabfluss aus Russland geht ungebremst weiter. Nach Schätzungen der Moskauer Zeitung "Kommersant" könnten im Oktober bis zu 50 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen werden. Die Währungsreserven lagen am 10. Oktober laut Zentralbank aber noch bei 530,6 Milliarden Dollar.

Düsteres Szenario

"Russland wird es schwer haben, diese Krise zu überstehen, weil es bei uns kaum eine diversifizierte Wirtschaft gibt", meint Kasjanow. Er zeichnet ein "düsteres" Szenario, nach dem der Kreml die Finanzspritzen für eine versteckte Verstaatlichung der privaten Unternehmen nutzen werde.

Aktuelle Meldungen -
Ratgeber - Welche Anlagen in turbulenten Börsenzeiten sicher sind 
Marktberichte - Was machen DAX, TecDAX, Dow Jones und Nikkei?
Euro, Dollar, Pfund -

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
MagentaTV jetzt 1 Jahr inklusive erleben!*
hier Angebot sichern
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal