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Unselige Vergleiche - Von Eva Herman bis Silvio Berlusconi


HINTERGRUND  

Unselige Vergleiche - von Herman bis Berlusconi

27.10.2008, 18:04 Uhr | bv, dapd, t-online.de

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hat sich mit seinem Vergleich von Managern in der Finanzkrise und Juden in der Weltwirtschaftskrise 1929 ins Abseits manövriert und musste sich entschuldigen. Dabei hätte es der anerkannte Ökonom, Jahrgang 1948, besser wissen können: Die Geschichte ist voll von unseligen Vergleichen mit Juden oder der NS-Zeit. Sie wurden für Politiker verschiedener Parteien ebenso zum Bumerang wie für ausländische Staatsoberhäupter, Schriftsteller oder Intellektuelle. Sinn hat sich jedenfalls in eine Reihe mit Eva Herman, Martin Hohmann und Silvio Berlusconi gestellt.

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Rolle als Aufseher im KZ

Vor Sinn hatte zuletzt Altkanzler Helmut Schmidt Aufsehen erregt, als er den früheren SPD-Politiker und jetzigen Linke-Chef Oskar Lafontaine in einem Atemzug mit Adolf Hitler nannte, der ebenfalls ein charismatischer Redner gewesen sei. Die Linkspartei reagierte mit einem Aufschrei der Entrüstung. Dabei hatte Lafontaine Schmidt vor gut 25 Jahren selbst vorgeworfen, dieser fordere "Sekundärtugenden", mit denen man "auch ein KZ betreiben" könne. Dort hätte nach Ansicht von Silvio Berlusconi auch Martin Schulz arbeiten können. Nachdem der SPD-Europaparlamentarier im Jahr 2003 den italienischen Ministerpräsidenten für dessen Umgang mit Justiz und Medien kritisiert hatte, bot ihm Berlusconi die Rolle als Aufseher in einem KZ-Film an. Diese vermeintlich ironische Aussage belastete die deutsch-italienischen Beziehungen so sehr, dass der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sogar seinen Italienurlaub absagte.

Verlorener Ministerposten nach Hitlervergleich

Wegen ihres angeblichen Vergleichs von US-Präsident George W. Bush mit Hitler verlor die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin im Jahr 2002 ihren schon sicher geglaubten Platz im neuen Kabinett. Die SPD-Politikerin hatte laut einem Medienbericht erklärt, Bush wolle mit einem Krieg im Irak von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das sei eine beliebte Methode, die auch Hitler schon angewendet habe. Däubler-Gmelin selbst dementierte diese Aussage entschieden, aber vergeblich.

Parteiausschluss wegen "Tätervolk"-Aussage

Sogar aus der Partei ausgeschlossen wurde 2004 der hessische CDU-Abgeordnete Martin Hohmann. Er hatte eine Rede gehalten, in der er für die Verbrechen während der russischen Revolution vor allem jüdische Mitglieder der kommunistischen Führung und der Geheimpolizei verantwortlich machte und dabei den Begriff des "Tätervolks" verwendete. Selbst Altkanzler Helmut Kohl war nicht gerade zimperlich mit NS-Vergleichen. So soll er 2002 über den damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse gesagt habe, er sei der "schlimmste Präsident seit Hermann Göring". In einer späteren Stellungnahme dazu dementierte Kohl das Zitat nicht, sondern ließ es unkommentiert. Bereits Mitte der 80er Jahre hatte Kohl seinen späteren Freund Michail Gorbatschow in Zusammenhang mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gesetzt, schließlich seien beide Experten für Public Relations.

Krude Vergleiche nicht nur in der Politik

Doch handfeste Skandale um Äußerungen über Juden und Nationalsozialismus gibt es nicht nur in der Politik. Die frühere Tagesschau-Sprecherin Eva Herman verlor 2007 ihren Job beim NDR letztlich auch wegen ihrer Vergleiche mit einer angeblich erfolgreichen Familienpolitik des NS-Regimes. Der Vergleich von Türken und Juden kostete dieses Jahr den Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT), Faruk Sen, das Amt. Da half es auch nichts, dass sich der wegen seiner Verdienste um die Integration hoch angesehene Sen dafür entschuldigt hatte, Parallelen zwischen der heutigen Situation der Türken in Europa mit der Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus gezogen zu haben.

Oettinger und der Filbinger-Fehltritt

Oft bringt aber auch schon das, was nicht oder im falschen Tonfall gesagt wird, den Urheber schwer in die Bredouille, wenn es um die NS-Zeit geht. Der baden-württembergische Landesvater Günther Oettinger bezeichnete den verstorbenen früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger im vergangenen Jahr als Gegner des NS-Regimes. Mit keinem Wort erwähnte er, dass Filbinger als ehemaliger Marine-Richter noch in den letzten Tagen der NS-Herrschaft Todesurteile beantragt und verhängt hatte. Erst nach massiven Rücktrittsforderungen distanzierte sich Oettinger von dieser Äußerung.

Jenninger als Lehrbeispiel für die Sprachwissenschaft

Ein Lehrbeispiel, wie heikel das Jonglieren mit der NS-Vergangenheit ist, lieferte schon vor 20 Jahren der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger. Zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome hielt er am 10. November 1988 im Bundestag eine Rede, die versuchen sollte, die Ursachen der Begeisterung der Deutschen für den Nationalsozialismus zu erklären. Als Stilmittel setzte er unter anderem die erlebte Rede ein. Mehrere Abgeordnete verließen schon während der Ansprache aus Protest das Plenum, einen Tag später trat der CDU-Politiker nach massiven Protesten zurück. Die Rede selbst wurde später immer wieder von der Sprachwissenschaft herangezogen, um zu zeigen, wie stark beabsichtigte Inhalte durch den Gebrauch der Sprache beeinflusst werden.

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