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Gazprom-Konsortium will riesiges Gasvorkommen in der Arktis ausbeuten


Erdgas  

Run auf das Riesen-Gas-Reservoir

23.01.2009, 10:35 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online, t-online.de

Abfackelung von Erdgas (Foto: StatoilHydro)Abfackelung von Erdgas (Foto: StatoilHydro) Etwa 450 Kilometer von Murmansk entfernt liegt das Schtokman-Feld in der russischen Barentssee. Es ist eine der wichtigsten Erdgaslagerstätten der Welt - und bereits seit Ende der achtziger Jahre bekannt. Doch erst jetzt erscheint die Förderung technisch möglich. Schon in vier Jahren soll das arktische Reservoir auch nach Deutschland Erdgas liefern - doch die Herausforderungen sind riesig: Der Schatz schlummert tief verborgen rund 2000 Meter unter dem Ozeanboden. Das eisige Wasser ist hier 320 bis 340 Meter tief. Neben Packeis und Eisbergen erschwert jetzt auch noch die Finanzkrise das Milliardenprojekt.

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Gas-Konsortium gibt Details bekannt

Hervé Madeo, Vizechef der Schtokman Development AG, hat nun neue Details zum Design des höchst anspruchsvollen Projekts auf der Konferenz "Arctic Frontiers" in Tromsø vorgestellt. Der Franzose vertritt das Konsortium, das das Megavorhaben stemmen will. Der russische Monopolist Gazprom hält einen Anteil von 51 Prozent an der Schtokman Development AG und wird das Gas aus dem Norden exklusiv vermarkten. Auf das französische Mineralölunternehmen Total entfallen 25 Prozent der gemeinsamen Firma, StatoilHydro aus Norwegen ist mit 24 Prozent beteiligt. Total wählten die Russen, weil die Franzosen große Erfahrung mit verflüssigtem Erdgas haben. Und StatoilHydro kam zum Zug, weil die Norweger mit Abstand die meiste Arktis-Erfahrung besitzen.




Schwimmende Förderplattform

Die technischen Herausforderungen sind riesig: Drei unterseeische Förderanlagen für zunächst 16 Bohrlöcher müssen gebaut und am finsteren Boden der eiskalten Barentssee installiert werden. Doch damit nicht genug: Produziert werden soll das Gas von einer schwimmenden Plattform, auf der 40.000 Tonnen an technischem Gerät untergebracht sind. Das Design dieser sogenannten "floating production unit", für das vor allem das französische Spezialunternehmen Doris verantwortlich zeichnet, erinnert eher an ein Schiff als an eine Bohrinsel. "Wir haben uns aus Sicherheitsaspekten für diese Variante entschieden, weil sie anpassungsfähiger in verschiedenen Situationen ist", erklärt Madeo im Gespräch mit "Spiegel Online".

Gefahr durch Eisberge

Denn bei Bedarf kann die Plattform mit bis zu 350 Menschen an Bord binnen kürzester Zeit vom Förderstrang abgekoppelt werden, der einfach unter Wasser bleibt. So soll sich die hochsensible Produktionseinheit vor Eisbergen in Sicherheit bringen können. Denn auch in der sich erwärmenden Arktis wird es dieses Problem geben: So haben Forscher im Jahr 2003 im geplanten Produktionsgebiet insgesamt 15 Eisberge gezählt; zwei von ihnen waren schwerer als drei Millionen Tonnen. Dazu kommen bis zu zwei Meter dickes Meereis und dicke Presseisrücken - und das alles bei Umgebungstemperaturen von bis zu minus 45 Grad.

Sinkender Gaspreis und Finanzkrise bremsen

Die Produktion für diese Extrembedingungen fitzumachen, ist teuer: Allein in den Jahren 2008 und 2009 werde man insgesamt 800 Millionen Dollar für Vorbereitungsarbeiten ausgeben, erklärt Madeo. Insgesamt könnte die Erschließung des Feldes rund 30 Milliarden Dollar kosten, 70 Prozent davon sollen mit Krediten bezahlt werden. Doch die sind derzeit schwer zu bekommen. Zusätzlich muss Gazprom mit massiven Einnahmeverlusten durch den sinkenden Gaspreis - russische Medien sprachen im Dezember von 20 Milliarden Euro im Jahr 2009 - ebenso klarkommen wie mit den finanziellen Folgen des Gasstreits mit der Ukraine. Immer wieder wurde deswegen über Verzögerungen des Projekts spekuliert.

Spekulationen über Verzögerung

Madeo versucht Bedenken zu zerstreuen, so gut er kann: "Schtokman ist ein strategisch wichtiges Projekt für alle Partner", wiederholt er fast gebetsmühlenartig. Deswegen werde es trotz der Krise nicht scheitern: "Die Sache ist zu wichtig für Russland, Europa und die USA." Doch ob das Feld tatsächlich wie geplant schon im Jahr 2013 produzieren kann, ist unter Experten umstritten. "Das einzige offizielle Datum ist 2013", beharrt Madeo mit heftigem französischen Akzent - und schickt ein kleines Lächeln hinterher, das Raum für Interpretationen zulässt.

Ein Zehntel der Gazprom-Produktion

Viel steht auf dem Spiel: Schtokman soll im Jahr 2020 rund elf Prozent der Gesamtproduktion von Gazprom übernehmen. Zum Start der Förderung sollen jährlich 23,7 Milliarden Kubikmeter Erdgas hergestellt werden, später könnte dann sogar das Dreifache durch die Leitungen fließen. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht jedes Jahr gut 100 Milliarden Kubikmeter. Insgesamt, so schätzen Experten, soll Schtokman 50 Jahre lang Gas liefern, die Hälfte der Zeit mit konstanter Menge.

Pipeline in die Ostsee

Nicht nur bei der Produktion, auch beim Transport das Gases ist noch viel zu tun: Vier unterseeische Pipelines, die über einen arg unebenen Meeresboden führen, sollen den begehrten Rohstoff in Teriberka bei Murmansk an Land bringen. Von dort geht ein Teil mit zwei 1400 Kilometer langen Überlandpipelines weiter nach Wyborg vor den Toren von Sankt-Petersburg, wo das Gas in die neue - ebenfalls noch ungebaute - Ostsee-Pipeline "Nordstream" fließen soll. Der Rest soll in einer neuen, riesigen Anlage verflüssigt und später per Schiff zu einem Gasterminal in der kanadischen Provinz Québec gebracht werden.

Komplex wie eine Mondlandung

"Dieses Projekt wird den Weg bereiten für Öl- und Gasproduktion in der Arktis", sagt Madeo. Für die Region, in der fast ein Viertel aller noch nicht entdeckten Weltvorkommen an Öl und Gas vermutet werden, hat Schtokman tatsächlich Leuchtturmcharakter. Doch die Ölindustrie hat großen Respekt vor den Herausforderungen: "Schtokman", so sagte vor einiger Zeit Andrew Gould, der Chef des Ölservice-Giganten Schlumberger, "ist vielleicht nicht gerade die Mondlandung, aber was technische Komplexität angeht, ist das Projekt schon ziemlich nah dran."


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