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Bund ließ Qimonda mit 300-Millionen-Bitte abblitzen


MILLIONENLOCH BEIM CHIPHERSTELLER  

Bund ließ Qimonda mit 300-Millionen-Bitte abblitzen

24.01.2009, 18:48 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

 Infineon-Tochter Qimonda ist zahlungsunfähig (Foto: ddp) Infineon-Tochter Qimonda ist zahlungsunfähig (Foto: ddp) Chiphersteller Qimonda taumelt in die Pleite. Der Staat, der Banken und Autoindustrie mit Milliardengeschenken hilft, wollte die Finanzierungslücke von 300 Millionen Euro nicht stopfen. Jetzt entbrennt der Streit: Wie viel Eigenverantwortung kann man von einem Unternehmen in der Krise erwarten?

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Gewerkschaft wirft Management "Totalversagen" vor

Nach dem Insolvenzantrag von Qimonda hat die Suche nach dem Schuldigen für die Pleite des Chipherstellers begonnen. Die Gewerkschaft IG Metall wirft dem Management "Totalversagen" vor. Eine "schier endlose Serie von Managementfehlern" habe das Unternehmen in die Pleite geführt, sagt der bayerische Gewerkschaftschef Werner Neugebauer. "Grob fahrlässig haben die Manager eine ganze Technologie am Standort Deutschland gegen die Wand gefahren, ausbaden müssen es jetzt wieder einmal die Mitarbeiter."

Bund und Land kritisieren Qimonda-Management

Auch der Bund und Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) werfen dem Qimonda-Management Fehler vor. Es sei dem Unternehmen nicht gelungen, ein tragfähiges Zukunftskonzept vorzulegen, sagt Jurk. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium heißt es am Freitag, Qimonda habe die Tragfähigkeit des jetzigen Geschäftsmodells "nicht hinreichend darlegen" können.

Mitarbeiter sind verärgert über die Politik

Unter den Angestellten ist umgekehrt der Ärger über die Politik groß - diese, so ist zu hören, habe versagt, habe dem Unternehmen nicht rechtzeitig und vor allem nicht umfassend genug geholfen. Wie könne es sein, dass den Banken mit Milliardenbürgschaften und Finanzspritzen, der Autobranche mit Kaufanreizen für die Verbraucher geholfen werde, ein Chiphersteller wie Qimonda aber einfach fallengelassen werde? Dabei beschäftige das Unternehmen mehr als 12.000 Menschen in Dresden, München und im portugiesischen Porto. Schließlich handele es sich doch um eine Schlüsselindustrie, von der andere Branchen wie der Automobil- und der Maschinenbau abhingen.

Qimonda - Pleite bedroht auch Infineon

Insolvenzantrag am Freitag

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Qimonda erneut eine Finanzierungslücke von 300 Millionen Euro hat. Am Freitag dann stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag, nachdem Rettungsgespräche gescheitert waren.

"Fass ohne Boden"

Tatsächlich ist das Unternehmen ein Problemfall für die Politik, aber auch für die Konzernmutter Infineon. Manche sprechen von einem "Fass ohne Boden": Schließlich kommt der neue Liquiditätsbedarf zusätzlich zu jenen 325 Millionen Euro, die das Bundesland Sachsen (150 Millionen), Portugal (100 Millionen) und Infineon (75 Millionen) im Dezember zusagten, um Qimonda vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

Weder Bund und Länder bereit Hilfen zu erhöhen

Als jetzt die neuen Forderungen bekannt wurden, hieß es lapidar, weder Bund noch Länder seien bereit, ihre im Dezember zugesagten Hilfen zu erhöhen. Und Infineon, selbst in finanziellen Schwierigkeiten und zu Kurzarbeit gezwungen, sah sich außerstande, Qimonda aus eigener Kraft zu retten.

Rückblick - Die scheinbare Rettung Qimondas

Preisverfall bei Speicherchips

Bis zur letzten Minute setzte man bei Qimonda darauf, dass Bund und die Länder Sachsen und Bayern doch noch in die Bresche springen würden - wenn nicht mit einer Finanzspritze, so doch wenigstens mit einer millionenschweren Bürgschaft. Doch mit der neuen 300-Millionen-Euro-Forderung hat das Management offensichtlich das Vertrauen der Politik verspielt. Die Preise für sogenannte DRAM-Chips fallen nicht erst seit kurzem, mit Gewinneinbrüchen ist seit langem zu rechnen, sagen Experten. Dennoch habe Qimonda nicht gegengesteuert, habe weder die Konzernstrategie überarbeitet noch ein neues Konzept vorgelegt. Stattdessen verzögerte das Unternehmen, an der New Yorker Börse gelistet, seit Anfang Dezember die Veröffentlichung seiner Quartalszahlen. Die neuerliche Finanzierungslücke kam daher überraschend.

Perspektiven waren nicht miteinander vereinbar

Doch Qimonda tut selbst ganz überrascht: "Angesichts der schwierigen konjunkturellen Gesamtlage und der weiteren Verschlechterung des DRAM-Geschäfts im Dezemberquartal war es den verhandelnden Parteien nun nicht möglich, ein tragfähiges Rettungspaket zu schnüren", heißt es in einer am Freitag verbreiteten Mitteilung. Die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Verhandlungspartner seien zwar jeweils nachvollziehbar, "waren aber letztlich nicht miteinander vereinbar".

Konzern hat dem Wettbewerb nicht standgehalten

Tatsächlich hat der Konzern dem harten Wettbewerb nicht standgehalten: Trotz Preisverfalls bei Speichermedien ist es insbesondere Herstellern in China, Japan, Taiwan und Korea gelungen, vergleichbare Qualität zu deutlich günstigeren Preisen zu produzieren. Angesichts des Wettbewerbs planen mehrere Unternehmen zudem Fusionen: Der japanische Konzern Elpida will eine Kooperation mit den taiwanischen Herstellern Promos, Powerchip und Rexchip eingehen - damit entstünde ein neuer Branchenriese. Zudem bekommen viele asiatische Hersteller kräftige Investitionshilfen.

Druck auf deutsche Hersteller wächst

Der Druck auf die deutschen Hersteller wächst. Seit Jahren werden weltweit mehr Speicherchips produziert, als der Markt nachfragt, entsprechend klein sind derzeit die Gewinnmargen. Experten zufolge verkauft derzeit kein einziger Chiphersteller seine Produkte mit Gewinn. Der Branchenumsatz beträgt zwischen 30 und 40 Milliarden Dollar - jeder Hersteller muss um seinen Marktanteil kämpfen.

Handy-Hersteller ist es egal woher der Chip kommt

Intel Chart zeigen und AMD mussten bereits Tausende Stellen streichen, jetzt trifft es auch Qimonda. Wer nicht die Kostenstrukturen anpasst, bei der Entwicklung neuer Produkte vorne dabei ist und Chips zu wettbewerbsfähigen Preisen anbietet, hat es schwer, in dieser internationalen Branche zu überleben - einem Handy-Hersteller in Europa ist es relativ egal, ob er deutsche, chinesische oder amerikanische Chips in seine Geräte einbaut.

Hoffen auf Barroso

Aus Qimonda-Kreisen ist zu hören, dass man nun trotz eigener Fehler auf Hilfe aus Brüssel hofft. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ist Portugiese - und Qimonda ist größter Exporteur Portugals und zweitgrößter ausländischer Investor. Da dürfte das Interesse groß sein, das Unternehmen zu retten. Die sächsische CDU macht schon mal Druck auf Brüssel - die EU, kritisiert der sächsische CDU-Fraktionschef Steffen Flath, habe offenbar die Bedeutung des Dresdner Chipindustriestandortes für Europa nicht erkannt. Er habe sich mehr Hilfe von der Europäischen Union gewünscht.

Keine Beteiligung Sachsens

Dabei hatte die CDU in Sachsen selbst das erste Qimonda-Hilfspaket Anfang Januar in Frage gestellt - mehrere Landtagsabgeordnete sahen Qimonda ohnehin auf dem Weg in die Pleite. Sollte es jetzt aber einen Investor für Qimonda geben, werde man dem helfen. "Die Staatsregierung wird alles tun, um einen künftigen Investor zu unterstützen", versprach Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Eine Beteiligung Sachsens schloss er aber aus.


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