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Mitgefangen im System der Gier


Globales Risiko AIG  

Mitgefangen im System der Gier

03.03.2009, 18:04 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online, t-online.de

AIG-Pleite bedroht Banken in aller Welt (Quelle: imago images)AIG-Pleite bedroht Banken in aller Welt (Quelle: imago images) Dieser Konzern macht selbst Krisen-Kennern noch Angst: Der marode Versicherungsgigant AIG ist global so vernetzt, dass sein Niedergang Banken in aller Welt bedroht - und sogar deutsche Kommunen. Durch immer neue Notaktionen wollen die USA einen Kollaps verhindern, doch die Risiken sind enorm.

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AIG-Hauptsitz kennen Millionen

Abermillionen Menschen haben den Hauptsitz des US-Versicherungskonzerns AIG schon mal gesehen, ohne dass sie davon wissen. Und zwar in der letzten Szene des Kinohits "Spider-Man" von 2002: Da schwingt sich der Superheld durch Manhattans Straßenschluchten und hängt schließlich, in schwindelerregender Höhe, an einem Fahnenmast mit dem Sternenbanner, ganz oben auf einer Art-Deco-Wolkenkratzer-Spitze.

Einst der drittgrößte Wolkenkratzer der Welt

Das pittoreske American International Building, 290 Meter hoch, einst der drittgrößte Wolkenkratzer der Welt, erbaut vom Finanzier und Ölbaron Henry Latham Doherty, ist heute der Schauplatz eines ganz anderen Dramas. Des Dramas um AIG

Schein und Sein bei AIG

In der "Spider-Man"-Sequenz, einem Meisterwerk der Special Effects, ist der Wolkenkratzer in Midtown Manhattan plaziert, weil er dort besser ins Bild passte. In Wahrheit steht er weit weg im Financial District, an einer Parallelstraße der Wall Street. Schein und Sein - genau darum geht es jetzt auch bei AIG.

Staatshilfe summiert sich auf 162 Milliarden Dollar

Am Montag meldete die Versicherung den größten Quartalsverlust, den sich je ein Unternehmen geleistet hat: fast 62 Milliarden Dollar. Viermal so viel wie das jüngste Rekordminus bei Merrill Lynch. Im gesamten Jahr 2008 waren es rund hundert Milliarden Dollar Minus. Das Debakel provozierte neue Ängste vor Horrornachrichten aus der Finanzbranche. Der Dow Jones-Index stürzte auf den niedrigsten Stand seit 1997. Die US-Regierung sicherte dem Konzern weitere 30 Milliarden Dollar an Hilfen zu - insgesamt summiert sich die Unterstützung nun auf 162 Milliarden Dollar. Die US-Notenbank erleichterte außerdem die Konditionen des ursprünglichen Kredits an AIG, um dem Konzern so Milliarden an Zinszahlungen zu sparen.

Experten: Weitere 100 Milliarden Dollar notwendig

Der Staat hat schon 79,9 Prozent der AIG-Anteile übernommen - ab 80 Prozent spricht man offiziell von Verstaatlichung, aber so weit braucht es gar nicht mehr zu kommen. Der Konzern wird auch so zum schwarzen Loch für die US-Regierung. Experten schätzen, dass eine Rettung am Ende noch mal rund hundert Milliarden Dollar kosten wird.

Sollte man AIG nicht verenden lassen?

Kritiker fühlen sich provoziert, fragen: Ist der verrottete Versicherer die vielen Milliarden wert? Sollte man ihn nicht verenden lassen wie im September 2008 das Brokerhaus Lehman Brothers?


Prädikat "Verfaulteste Finanzinstitution"

Frank Partnoy, Finanzexperte an der University of San Diego, beschreibt die Geschäftspraktiken von AIG in der "New York Times" so: "Sie waren von allen die schlimmsten." Donn Vickrey, Mitbegründer der Research-Firma Gradient Analytics, diagnostizierte dem Unternehmen und seinen Managern "extreme Selbstüberschätzung, angefeuert von Gier". Wirtschaftskolumnist Joe Nocera gibt AIG ein zweifelhaftes Prädikat: "Verfaulteste Finanzinstitution". Die Aktie des Konzerns ist in gut einem Jahr von 51 Dollar auf jetzt 42 Cent abgeschmiert.

US-Regierung hat keine andere Wahl

Verbitterung über AIG gibt es auch bei Washingtons Eliten - und doch hat die Regierung von Barack Obama keine andere Wahl, als den ungeliebten Patienten am Tropf zu halten. Ironischerweise nicht trotz, sondern gerade wegen seiner dubiosen Deals.


AIG-Kollaps könnte auch andere Giganten ins Verderben reißen

Denn durch diese ist AIG so eng mit der restlichen Finanzwelt vernetzt, dass ein Kollaps des Konzerns zahllose weitere Geld-Giganten mit ins Verderben reißen dürfte - in den USA wie in Europa. Goldman Sachs, Morgan Stanley, Barclays, Société Générale, UBS, RBS, die Deutsche Bank und viele andere gelten als potentiell gefährdet.

Mit AIG steht und fällt das gesamte westliche Bankensystem

Analyst Hank Calenti von RBC Capital Markets bezifferte die Verluste, die den internationalen Banken durch einen Untergang des Konzerns drohen würden, kürzlich auf rund 180 Milliarden Dollar: "AIG ist überall." Börsen-Blogger Andrew Ross Sokin schreibt, mit dem Versicherungsgiganten stehe und falle "das gesamte westliche Bankensystem". Ein globales Kartenhaus wanke, fürchtet Mark Keenan von der New Yorker Anwaltskanzlei Anderson Kill & Olick, die auf komplexe Versicherungsfälle spezialisiert ist: "Die US-Regierung kann es sich nicht leisten, AIG scheitern zu lassen." Nicht umsonst hat der Staat zwei Tage, nachdem er im vergangenen Herbst Lehman hatte sterben lassen, AIG gerettet. Es geht darum, noch Schlimmeres zu verhindern.

Weiter mit Teil 2


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