Sie sind hier: Home > Finanzen > Unternehmen >

Wie Kim Jong Il ausländische Versicherungen abzockte


Versicherungsbetrug  

Wie Kim Jong Il ausländische Versicherungen abzockte

19.06.2009, 07:54 Uhr | mmr, Spiegel Online, t-online.de

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il schwelgt in Reichtum (Quelle: imago images)Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il schwelgt in Reichtum (Quelle: imago images) Nordkorea ist ein armes Land, Machthaber Kim ein reicher Mann, offenbar auch dank leichtgläubiger Versicherungen aus dem Westen. Jahrelang trickste Pjöngjang Bericht der "Washington Post" zufolge die Assekuranzen aus - und finanzierte damit Rüstungsgüter und millionenschwere Überraschungen für den Diktator. Zum Teil stammen die Mittel offenbar aus staatlich organisierten Versicherungs-Betrügereien. Geschädigte sind demnach Versicherungskonzerne wie Allianz, Lloyd's und Swiss Re.

Raketen-Versuche - Nordkorea könnte Rakete Richtung Hawaii schießen
Konzern-Giganten aus den USA - Die Rangliste Fortune 500
Ranking - Vorstandsgehälter der DAX-Bosse
Quiz - Welche Bank steckt hinter diesem Logo?

Nordkorea kassierte mehrere Millionen Dollar

Aus Gerichtsdokumenten geht hervor, dass Nordkorea in den vergangenen Jahren mehrere hundert Millionen Dollar von den Unternehmen kassiert hat. Das bestätigen auch nordkoreanische Flüchtlinge und die Versicherungsfirmen selbst, die sich jedoch angesichts internationaler Verfahren mit Informationen zurückhalten. Auf Anfrage von "Spiegel Online" gaben mehrere Konzerne lediglich an, es seien "Fälle in Nordkorea" bekannt.



Versicherer scheiterten vor britischen Gerichten

Gemeint sind von der nordkoreanischen Regierung angemeldete Ansprüche für Transport-Unfälle, Fabrikbrände, Flutschäden und andere angebliche Katastrophen, berichtet die "Washington Post". Vor britischen Gerichten seien die Versicherer zuletzt gescheitert, in den USA seien noch Verhandlungen anhängig. Nach Angaben der US-Regierung und Justizbehörden aus mehreren Ländern in aller Welt handele es sich um "staatlich sanktionierte Kriminalität".

Die Zeitung zitiert einen früheren Manager des nordkoreanischen Versicherungsmonopolisten Korea National Insurance Corp. (KNIC), wonach dieses Unternehmen dem Herrscher Kim aus den Einnahmen durch die Versicherungsfälle regelmäßig mehrere Millionen Dollar zum Geburtstag schickte. So erinnert sich Kim Kwang Jin, der später nach Südkorea floh und inzwischen in den USA lebt, an den Geburtstag des Diktators im Februar 2003. KNIC-Leute stopften seinen Angaben zufolge in Singapur 20 Millionen Dollar in bar in zwei stabile Versandtaschen, die über Peking in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang geschickt wurden. In anderen Jahren seien auch Pakete aus Frankreich, Österreich und der Schweiz nach Pjöngjang auf den Weg gebracht worden.



Millionenschwere Sendung an das "Büro 39"

Die Sendungen waren an das "Büro 39" des Zentralkomitees der Koreanischen Arbeiterpartei adressiert, eine Einrichtung, die Kim Jong Il in den siebziger Jahren gegründet haben soll, um Devisen einzunehmen und ihm eine unabhängige Machtbasis zu sichern. Laut nordkoreanischen Überläufern habe dieses Gremium neben Luxusartikeln für die politische Elite auch Rüstungsgüter finanziert.

Einige Tage nach Eintreffen des millionenschweren Geschenks kam das Dankeschön von Kim Jong Il: Er schrieb den Managern einen freundlichen Brief, einige bekamen dazu Orangen, Äpfel, DVD-Spieler und Bettdecken, sagt Kim Kwang Jin der "Washington Post". KNIC habe durch Entschädigungen in Versicherungsfällen jährlich zwischen 50 und 60 Millionen Dollar eingenommen. Der größte Teil sei für Katastrophenprävention und für weitere Rückversicherung ausgegeben worden. "Was übrig bliebt, hätte dafür ausgegeben werden sollen, den von Katastrophen und Unglücken betroffenen Menschen zu helfen", sagt der Ex-KNIC-Manager. "Aber es wurde nicht dafür verwendet. Stattdessen floss das Geld in die Taschen von Kim Jong Il."

Versicherungsbranche zu leichtgläubig?

Um welche Summen die westlichen Versicherungskonzerne betrogen werden, lässt sich dem Bericht zufolge nicht exakt beziffern. Die Versicherungsbranche sei aber im Umgang mit Nordkorea zum Teil sehr leichtgläubig gewesen, zitiert die Zeitung einen Experten aus der US-Regierung. Die Unterhändler der Versicherungskonzerne seien zudem teilweise sehr uninformiert gewesen - mache dächten, sie hätten es mit einer Firma in Südkorea zu tun, andere seien sich nicht bewusst gewesen, dass Nordkorea ein totalitärer Staat ist. Zum Teil seien die nordkoreanischen Unterhändler aber auch clever vorgegangen: Kim Kwang Jin zufolge habe KNIC jedes Jahr einen neuen Rückversicherer gewählt und sehr hohe Prämien gezahlt. Das Geschäft sei in sehr kleine Einheiten aufgeteilt worden und von unterschiedlichen Maklern an verschiedenen Orten ausgeführt worden, zitiert die Zeitung einen namentlich nicht genannten Experten.



Hubschrauber-Absturz, Zugunglück, gesunkene Fähre

Einen Eindruck von der Größenordnung vermittelt ein Fall aus dem Jahr 2005: Nordkorea meldete, dass ein Hubschrauber in ein staatliches Warenhaus in Pjöngjang gestürzt sei. Die Versicherungsunternehmen warfen Pjöngjang vor, den Unfall inszeniert zu haben, um Geld für Kims persönliche Verwendung einzunehmen. Vor einem britischen Gericht stimmten die Vertreter der Versicherungen, laut "Washington Post" die Allianz, Lloyd's und einige andere, im Dezember 2008 einer Einigung zu, die einem Sieg Nordkoreas gleich kam: Die Versicherer zogen alle Betrugsvorwürfe zurück und zahlten 58 Millionen Dollar - 95 Prozent der Summe, die Nordkorea ursprünglich verlangt hatte.

Der Londoner KNIC-Anwalt Tim Akeroyd sagte der Zeitung, es habe "nicht einen Fetzen eines glaubwürdigen Beweises gegeben, der die Betrugsvorwürfe belegt hätte". Die Behauptung, Nordkorea würde Versicherungsbetrug begehen, seien "unglaublich unfair". Zudem zog er die Glaubwürdigkeit von Kim Kwang Jin in Zweifel, da dessen Arbeit für eine Washingtoner Menschenrechtsorganisation von Versicherungsunternehmen finanziert werde. Sein Interesse sei, "Schauergeschichten" über Nordkorea zu verbreiten. "Was er sagt, ist ganz und gar Unsinn", zitiert die "Washington Post" Akeroyd. Inzwischen finde KNIC kaum noch Rückversicherer, die bereit wären, Verträge abzuschließen.

Vertrauenswürdiger Broker vermittelte Korea-Geschäft an Allianz

Auch Allianz bestätigt, dass das Unternehmen keine Risiken in Nordkorea mehr absichern werde. "Das Geschäft wurde uns seinerzeit von einem sehr vertrauenswürdigen Broker vermittelt, wir hatten also keinen Grund, ihm nicht zu trauen", sagt ein Unternehmenssprecher "Spiegel Online". Doch das Vertrauen sei nicht mehr gegeben, und er könne sich nicht vorstellen, dass noch irgendein Rückversicherer mit KNIC zusammenarbeite.

Man sei immer noch davon überzeigt, dass es sich um einen Betrug handele, sagt ein anderer Versicherungssprecher, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Aber wie will man einen staatlichen Betrug nachweisen? Wer soll das bezeugen, und dann auch noch in einem totalitären Staat wie Nordkorea?" Da das "schwierig, wenn nicht gar unmöglich" sei, hätten die betroffenen Versicherungen einer Zahlung zugestimmt. Sie hätten ihre Lektion gelernt.

Versicherungsansprüche in Krisenjahr

2006, ein Jahr nach dem angeblichen Hubschrauberabsturz, machte Nordkorea Ansprüche für zwei Zugunfälle und eine gesunkene Fähre geltend - ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da das Land in Währungsschwierigkeiten geraten war. Nordkoreanische Vermögen im Ausland waren eingefroren worden, nachdem die USA Geldwäsche-Vorwürfe erhoben hatten.

Mehr Themen:
Reaktionen auf Sanktionen - Nordkorea will Atombombe bauen
Abschiedsgeschenk - Dresdner Bank beschert Allianz Milliardenverlust
Münchener Rück - Keine Prognosen wegen Finanzkrise


Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
15,- € Gutschein für Sie - nur bis zum 22.09.2019
bei MADELEINE

shopping-portal