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Warum das Konsumklima besser ist als die Realität


GfK-Index  

Warum das Konsumklima besser ist als die Realität

28.07.2009, 11:22 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Deutschland kämpft mit der Rezession: Aufträge bleiben aus, Exporte brechen ein, bei vielen Menschen schrumpft wegen Kurzarbeit das Einkommen. Nur der private Verbrauch bleibt laut GfK stabil. Kann das sein? Erst neulich erhielt Rolf Bürkl wieder so einen Anruf. Diesmal aus dem Chiemgau. Ein Lebensmittelhändler beschimpfte ihn, bei ihm gingen bald die Lichter aus, nur Bürkl verkünde unverdrossen, das Konsumklima in Deutschland sei in Ordnung. Ähnliche Telefonate führte Bürkl schon mit Möbelhändlern aus dem Ruhrgebiet oder den Verfassern des Armutsatlas. Sympathisanten aus der linksautonomen Szene halten ihn in E-Mails für "einen Handlanger des Neokonservatismus", der die Wahrheit verschleiere und die Interessen der Konzerne verfolge.

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Am Puls der Zeit

Bürkl ist Wissenschaftler bei der GfK, der Gesellschaft für Konsumforschung im fränkischen Nürnberg. Er fühlt den Bürgern in fast allen Belangen des tägliches Lebens den Puls. Welche Butter essen Sie? Wie hat sich Ihre Einkommenssituation entwickelt? Schauen Sie lieber "Wetten, dass... ?" oder "TV total?". Wohin geht es im kommenden Jahr in den Urlaub? Tragen Sie Tattoos oder Piercings?

Der Gang ins Rampenlicht

Bürkl wird beschimpft und ist gefürchtet und in dieser Woche steht er wieder einmal im Rampenlicht. Am Montagmorgen veröffentlichte er zum siebten Mal in diesem Jahr den GfK-Konsumklimaindex, der erneut positiv ausfiel. Bürkl wusste schon vorher, was danach kommen würde: Er wird wieder ins Frühstücksfernsehen eingeladen und in Talkshows. Und er wird wieder erklären, dass mit der Binnenkonjunktur alles in Ordnung sei. Es gibt wohl niemanden in Deutschland, der genauer über die Konsumgewohnheiten der Deutschen Bescheid weiß - und doch trügt sein Bild.



GfK als Herzrhythmus-Indikator

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gilt Bürkls Unternehmen, die GfK, als das zentrale Umfrageinstitut der Bundesrepublik. Kaum ein Bereich des Alltags bleibt von den Konsumexperten unerforscht. Auf jede Frage - und sei sie noch so abwegig - finden die Franken eine Antwort. Entsprechend großen Widerhall finden die Analysen der Konsumforscher in den Unternehmen, bei Wirtschaftsverbänden und in den Medien.

Warten auf den Index

Besonders dem GfK-Konsumklimaindex wird dabei jedes Mal am Ende eines Monats entgegengefiebert, als erwarte man die Neuinterpretation der Bibel. Sinkt der Index, ist schnell von "erschüttertem Grundvertrauen" die Rede und vom "Absturz der Binnenkonjunktur". Steigt er, sieht man in ihm einen "Silberstreif am Horizont" oder die "langerwartete Rückkehr des Optimismus." Der GfK-Konsumklimaindex ist für die Wirtschaft so etwas wie ein Herzrhythmus-Indikator: Braucht man schon Beruhigungsmittel, schlägt der Puls normal oder muss bereits reanimiert werden?

Bürger scheinbar weiter konsumfreudig

Zurzeit schlägt der Puls normal. Der Index hat kaum Ausschläge - und wenn, dann eher nach oben. Seit Monaten schon schwankt er nur minimal zwischen 2,4 und 2,6 Punkten. Für Juli wird er gar mit 3,0 Punkten ausgewiesen und die Prognose für August liegt bei 3,5 Punkten. "Die Bürger lassen sich die Laune nicht verderben", kommentiert der GfK-Vorstandschef Klaus Wübbenhorst.

Zu viel Ansprüche an den Index?

Das erstaunt - denn rundherum bricht alles zusammen: Die Auftragseingänge in der Industrie gehen in einem nie gekannten Ausmaß zurück, die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher als im vergangenen Jahr, die Einzelhandelsumsätze sinken im Sturzflug - so sehr, dass Branchenriesen wie Hertie und Arcandor Insolvenz anmelden mussten. Nur der Index bleibt stabil. Ein Phänomen. Bürkl lächelt. "Das Problem ist wohl, das von dem Index zu viel erwartet und in ihn zu viel reininterpretiert wird", sagt er. Es fange schon mal damit an, dass es ein Konsumklimaindex sei und kein Einzelhandelsindex. Das sei keine Haarspalterei, sondern ein elementarer Unterschied.

Hebelwirkung auf den Index

Im GfK-Index werden nämlich nicht nur die Einzelhandelsausgaben erfasst, sondern sämtliche Ausgaben des privaten Konsums - also auch die Kosten für Reisen, Energie, Miete oder Versicherungen. Erhöht beispielsweise der Energieanbieter die Kosten für Gas oder Strom oder steigen die Steuern für Versicherungen, steigt auch der GfK-Konsumklimaindex, weil die Leute dafür mehr Geld ausgeben - obwohl die Einzelhändler gleichzeitig über Umsatzeinbußen klagen. In den sechziger Jahren betrug der Anteil der Ausgaben für den Einzelhandel noch mehr als 50 Prozent, heute sind es nur noch zwischen 30 und 35 Prozent. Entsprechend groß ist die Hebelwirkung der übrigen Ausgaben auf den Index.

Espressomaschine, iPod oder Auto

Die GfK-Leute wollen zudem wissen, wie sich die finanzielle Lages im Haushalt innerhalb der letzten zwölf Monate entwickelt hat und wie sie sich in den kommenden zwölf Monaten wohl entwickeln wird. Oder es wird gefragt, wie sich die Wirtschaftslage in Deutschland wohl generell entwickeln würde. Ob man davon ausgehe, dass die Arbeitslosigkeit steigt oder sinkt, ob man gedenke zu sparen, oder sich größere Gegenstände anzuschaffen. Nur, was sind größere Gegenstände? Gehören eine Espressomaschine oder ein iPod schon dazu oder muss es ein Kühlschrank oder gar ein Auto sein? Die GfK will es so genau gar nicht wissen. Das Muster der zwölf vorgegebenen Fragen ist eher grob als präzise. Entsprechend vage fallen die Antworten aus. Irgend eine Ausgabe für einen größeren Gegenstand wird man wohl demnächst tätigen - und zack: Der Index bleibt positiv. Ebenso wenig präzise sind auch die Antworten auf die Frage, wie die derzeitige finanzielle Lage des Haushaltes sei. Wer gibt gegenüber dem Interviewer eines Marktforschungsinstitutes freiwillig zu, dass seine Konten dick im Minus sind? Also wird mit "gut" geantwortet und folglich ist auch der GfK-Konsumklimaindex "gut".

Das echte Konsumverhalten kann nur schwer abgebildet werden

Es fallen bei Bürkl Begriffe wie "Kontrapositionssaldo", "Regressionsanalyse" oder "zweistufiges Quota-Verfahren." Doch der Mitvierziger drückt sich davor auszusprechen, was Kritiker dem Index generell vorwerfen: Er ist methodisch wenig geeignet, das echte Konsumverhalten abzubilden. Die wahre Aussagekraft über Deutschlands Binnenkonjunktur bleibt begrenzt. "Ich habe meine Zweifel, dass der Index als Leading-Indikator für den Zustand der Binnenkonjunktur taugt", sagt Stefan Schneider, Leiter der Abteilung Makro-Trends bei der Deutschen Bank Research. "Der Index ist nicht geeignet, die wirtschaftliche Lage ernsthaft widerzuspiegeln", sagt Christian Dreger, Abteilungsleiter Konjunktur bei Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Er liefert keine echte Zukunftsinformation."

Gruppe der Befragten nicht heterogen genug?

Auch die Auswahl der Befragten ist zweifelhaft. So werden ausschließlich Deutsche befragt und keine Bürger anderer Nationalitäten, ganz gleich, wie lange sie in Deutschland leben. Begründet wird die Einschränkung der "Grundgesamtheit" damit, dass man die Fragen nicht in alle Sprachen übersetzen könne. Doch erwiesenermaßen unterscheidet sich das Ausgabeverhalten von Deutschen und Bürgern ohne deutschen Pass grundlegend. Migranten verrichten häufig schlecht bezahlte Jobs und können deshalb auch weniger konsumieren. Die mehr als 15 Millionen Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund im engeren Sinne bei der Befragung auszublenden, verfälscht das Ergebnis grundlegend.

Identischer Masterfragenbogen

Dabei ist der GfK-Konsumklimaindex ein europäisches Projekt. Finanziert wird die Marktforschung zur Hälfte von der Europäischen Kommission und zur Hälfte von der GfK. Der Index wird in einem identischen "Masterfragebogen" in allen Mitgliedstaaten gleichermaßen erhoben. Der jährliche Etat für Deutschland beträgt allerdings nur 200.000 Euro. Mit diesem Betrag kann man freilich keine ernstzunehmende monatliche Befragung realisieren. Deshalb verkauft das Institut die Ergebnisse, angereichert mit Zusatzinformationen, an die Industrie. Für 2000 Euro jährlich können Unternehmen den GfK-Newsletter abonnieren. Vor allem der Index verschafft dem Nürnberger Institut das Renommee für spätere kommerzielle Aufträge. Inzwischen beschäftigt die GfK weltweit mehr als 10.000 feste Mitarbeiter, der Umsatz kletterte 2008 auf 1,22 Milliarden Euro.

Bundesdeutsche Strukturen widerspiegeln

Natürlich geben die Nürnberger Experten vor, präzise Daten zu erheben und die Befragten nicht mit dem individuellen Wissensdurst der Industrie zu beeinflussen. Denn wann immer einer der 600 Interviewer einen Befragten für den monatlichen GfK-Konsumklimaindex zu Hause besucht, werden auch bezahlte Befragungen der Unternehmen mit durchgeführt. Allerdings immer erst nach dem amtlichen Interview im Auftrag der EU. Zwar gibt die GfK vor, bei ihren Befragungen sämtliche "soziodemografischen Faktoren" zu berücksichtigen. So werden ebenso viele Männer und Frauen befragt, wie prozentual in der Gesellschaft leben. Städte und Dörfer stehen bei der Befragung in einem ebenso ausgewogenen Verhältnis wie in der Realität. Das gleiche gilt für Alter oder Haushaltsgröße - die 2000 Befragten sollen exakt den wahren bundesdeutschen Strukturen entsprechen.

Index methodisch fragwürdig?

Allerdings geben die Nürnberger Forscher eben nur dieses grobe Raster vor. Wen die Interviewer letztlich besuchen und befragen, bleibt ihnen selbst überlassen. Da liegt es nahe, dass viele der 600 Interviewer in Auftrag der GfK Freunde und Bekannte besuchen, die schnell und unkompliziert auf die zwölf Fragen antworten. Diese fragwürdige Praxis war auch schon Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten. Am Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen beispielsweise belegt die Ökonomin Ulrike Batz auf 169 Seiten, warum der Index überbewertet und methodisch fragwürdig ist.

Skeptik beim GfK-Index

Es zeige sich, "dass die betrachteten Konsumklimaindizes für sich genommen und innerhalb recht einfach spezifizierter Ansätze einen gewissen Beitrag zur Erklärung des privaten Verbrauchs liefern", sagt Batz. "Im Rahmen einer anspruchsvolleren makroökonomischen Konsumfunktion bewähren sich die GfK-Indizes dagegen nicht", so die Wissenschaftlerin. Sie würde "die Verwendbarkeit dieses GfK-Index eher skeptisch beurteilen", so Batz. Er erbringe schlicht "keinen erweiterten Erklärungsgehalt." GfK-Mann Bürkl dagegen hat eine ganz andere Erklärung, warum sich der Index nicht vom Fleck bewegt, während alle anderen Daten steil nach unten zeigen. Es werde ja immer gesagt, der zurückliegende Aufschwung sei an den Menschen vorbeigegangen, so Bürkl. "Jetzt geht eben auch der Abschwung an ihnen vorbei."


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