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Bankrott-Manager: Das tolle Geschäft der Pleitegeier


Bankrott-Manager  

Das tolle Geschäft der Pleitegeier

16.06.2010, 11:45 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Bankrott-Manager: Das tolle Geschäft der Pleitegeier. Lehman Brothers: gutes Geschäft für Insolvenzverwalter (Foto: AFP)

Lehman Brothers: gutes Geschäft für Insolvenzverwalter (Foto: AFP)

Die Kreditkrise hat eine neue Boom-Industrie geschaffen. Firmenberater und Anwälte lassen sich fürstlich entlohnen, um Konzerne durch die Insolvenz zu steuern. Allein der Konkurs der US-Investmentbank Lehman Brothers warf bisher 800 Millionen Dollar an Gebühren ab.

Millionengebühren dank Pleite

Bryan Marsal freut sich, wenn Konzerne kaputt gehen. Wie ein Leichenbestatter, der die Hinterbliebenen taktvoll tröstet, doch an ihrer Trauer verdient, trägt Marsal Firmen zu Grabe: pietätvoll, diskret - und zu saftigen Preisen. Seinen jüngsten Auftrag etwa ließ er sich allein im April mit 15,2 Millionen Dollar vergüten. (Hier finden Sie Hintergründe, Tipps und Fakten zur aktuellen Schuldenkrise.)

Lehman kommt unter die Erde

Immerhin ist das ja auch der größte Auftrag seiner Karriere. Als vom Gericht bestallte Sanierungsfirma wickelt Marsals New Yorker Unternehmensberatung A&M die US-Investmentbank Lehman Brothers ab, die im September 2008 unterging. Von deren früherem Wolkenkratzer am Broadway aus, der heute dem britischen Finanzkonzern Barclays gehört, hilft Marsal rund 150 verbliebenen Lehman-Mitarbeitern, das Traditionshaus unter die Erde zu bringen.

Die Quote liegt bei 15 Prozent

Eine Sisyphusarbeit: Mit 638 Milliarden Dollar ist die Lehman-Pleite die bisher größte der US-Firmengeschichte. Die Liquidation könnte sich noch Jahre hinziehen. Das Gericht hat die Gläubiger - darunter die Großbanken Goldman Sachs und UBS sowie Abu Dhabi - vorgewarnt: Wahrscheinlich bekommen sie am Ende nur knapp 15 Prozent ihrer Investitionen zurück.

Der Insolvenzberater verdient am meisten

Denn ein großer Batzen der Gelder geht eben nicht an die geprellten Investoren, sondern an Insolvenzberater wie A&M. Das Unternehmen mit Sitz an der Lexington Avenue hat bisher für seine Dienste bei der Lehman-Abwicklung insgesamt 277,4 Millionen Dollar erhalten - im Schnitt 14,5 Millionen Dollar pro Monat, mehr als sonst ein Beteiligter.

Viele verdienen an der Lehman-Pleite

Marsal und seine Kollegen sind die stillen Profiteure der Kreditkrise. Der Finanzcrash der letzten zwei Jahre hat Pleiten zum "heißesten Geschäft an der Wall Street" ("CNN/Money") gemacht, und die Lehman-Pleite ist das heißeste Geschäft von allen - "das goldene Ticket" zum Lottogewinn, so der Branchen-Newsletter "Bankruptcy Insider". Insgesamt 29 Consultingfirmen, Anwaltskanzleien, Finanzberater und spezielle Investmentbanken haben in den 19 Monaten seit dem Untergang von Lehman knapp 800 Millionen Dollar an Gebühren und Spesen in Rechnung gestellt.

Lehman noch teurer als Enron

Die exorbitanten Summen, von der US-Börsenaufsicht SEC monatlich dokumentiert und vom Konkursgericht New York Süd abgesegnet, sind nun sogar auf dem besten Wege, die bisher lukrativste US-Pleite zu überrunden - den Konkurs des Ölmultis Enron.

Jede Menge Pleite-Manager

Dies sind tolle Zeiten für die Pleitegeier. Den zweitgrößten Posten auf der aktuellsten Lehman-Abrechnung bestreitet die Kanzlei Weil Gotshal & Manges, die den Löwenanteil der Lehman-Konkursanwälte stellt und auch die Top-Kanzlei bei der Insolvenz des Autobauers General Motors (GM) ist (182,3 Millionen Dollar). Dahinter folgen die Konkurrenten Jenner & Block (53,5 Millionen Dollar) und Milbank Tweed Hadley & McCloy (52,8 Millionen Dollar). Jenner & Block erstellte dafür aber auch eine regelrechte Juristen-Enzyklopädie über den Fall Lehman, mit 2209 Seiten und 8197 Fußnoten.

16,6 Millionen Dollar für Konfliktberatung

Der Rest der langen Liste offenbart kryptische Dienstleistungen, die oft nur Insider verstehen. Die Kanzlei Curtis, Mallet-Prevost, Colt & Mosle bekam für "Konfliktberatung" 16,6 Millionen Dollar, die Finanzfirma Natixis Capital Markets für "Derivativenberatung" 8,1 Millionen Dollar, die Anwälte von Simpson Thacher & Bartlett für "Kongress- und Zeugenberatung" immerhin 2,4 Millionen Dollar. Die Spesen wurden wiederum von der Firma Brown Greer geprüft, die dafür ihrerseits 155.000 Dollar einsackte.

"In Lehman steckt eine Menge Geld drin"

Die Megapleiten der Megakrise haben zu einer neuen Boom-Industrie geführt. "Wir schlagen bei der Höhe der Gebühren ein neues Kapitel auf", sagt Harvard-Juristin Lynn LoPucki, die das Phänomen untersucht hat. "Lehman ist ein großer Fall, da steckt eine Menge Geld drin."

Dreistelliger Stundenlohn

"Es ist eine Welt, in der der Zähler dauernd läuft", staunt die "New York Times" über den bisher obskuren Kosmos der Konkursberater. Der Zähler zählt in Stunden: So rechnen die Lehman-Anwälte von Weil einen Stundenlohn von bis zu 950 Dollar ab, und selbst ihre Rechtsgehilfen bekommen 295 Dollar. Die Investmentbank Houlihan Lokey, die Lehmans Gläubiger betreut, sackte anfangs monatlich 500.000 Dollar ein und jetzt 400.000 Dollar.

263.000 Dollar für Kopien

Wer tiefer in die Spesenabrechnungen schaut, erlebt manche Überraschung. So gaben die Weil-Anwälte mehr als 500 Dollar pro Tag für Limousinen aus, die dann stundenlang vor den Büros auf der Straße warteten. Ein Jurist berechnete in einem Monat 2100 Dollar für seinen Chauffeur, ein anderer in vier Monaten 263.000 Dollar für Fotokopien, ein dritter für eine einzige telefonische Nachricht 48 Dollar. Und die Beraterfirma Huron war sich nicht zu schade, auf ihrer Rechnung exakt 2,54 Dollar für "Kaugummi am Flughafen" anzuschreiben. Bryan Marsal bekam, wie er der "Times" stolz berichtete, den Auftrag am Vorabend der Lehman-Pleite. Die Dauer des ganzen Verfahrens war zunächst auf zwei Jahre avisiert, dürfte nun aber länger dauern. Am Ende steht A&M auch noch mal eine separate "Incentive-Gebühr" von 50 Millionen Dollar zu.

Erfahrung mit Großpleiten

So massiv dieser Auftrag auch ist, für A&M ist er eigentlich ein Routinejob. Das 1983 von den Finanzmanagern Marsal und Alvarez während einer Golfpartie gegründete Unternehmen war schon an den schlagzeilenträchtigsten Konkursen, Sanierungen und Umstrukturierungen beteiligt - darunter Levi Strauss, die berüchtigte Enron-Wirtschaftsprüfungsfirma Arthur Andersen und Interstate Bakeries ("Wonder Bread"). Auch bei der Krise in Dubai sprang A&M helfend mit ein.

Konkursmasse von 742 Milliarden Dollar

Heute beschäftigt A&M rund 1600 Consultants weltweit. Auch in Deutschland, wo es die Drogeriekette "Ihr Platz" und den hessischen Folienhersteller Treofan gesundschrumpfte. Die gesamte Konkursmasse, die A&M weltweit bewegt, beläuft sich auf 742 Milliarden Dollar. (Lesen Sie hier mehr über spektakuläre Pleiten aus Deutschland.)

Weitere Bankrottverfahren im Endzustand

Im Vergleich zu anderen Bankrott-Hebammen ist das allerdings fast Kleingeld. Lehman ist zwar der größte Fall aller Zeiten, doch dank der Krise quälen sich bis heute noch viele andere Mega-Insolvenzen durch die Gerichte, teils im Endzustand: die einstige US-Großbank Washington Mutual, der Finanzkonzern CIT, die alten Konzernhüllen von GM und Chrysler.

Fleißige Insolvenzverwalter

Die Kanzlei Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom allein managte nach Angaben des "Bankruptcy Insiders" im ersten Quartal des Jahres 1,22 Billionen Dollar Konkursmasse. Ein anderer, einzelner Anwalt, James Carr von Kelley Drye & Warren, arbeitete demnach an 102 Insolvenzfällen gleichzeitig, mit 980,2 Milliarden Dollar an Gesamtvermögenswert.

Alles wird abgerechnet

Bryan Marsal von A&M wurde kurz auch als Sanierungschef von GM gehandelt, als der Autokonzern ins Insolvenzverfahren ging. Auch dieses Mammutunterfangen dürfte am Ende mehr als eine Milliarde Dollar an Gebühren für die Berater und Anwälte abwerfen - darunter selbst Kleckerposten wie 364,14 Dollar für Anzugreinigung und ein Hotelzimmer für 685 Dollar pro Nacht, gebucht von der Kanzlei Weil.

"Verletzt jedes Gefühl für Proportionen"

Solche Ausfälle rufen inzwischen aber auch Kritiker auf den Plan - allen voran Kenneth Feinberg, den Gehaltszar der US-Regierung. Der ist nun nicht nur beauftragt worden, die Bonusausschüttungen der Wall-Street-Banken zu drosseln, sondern auch die Spesenbücher des Lehman-Konkurses zu prüfen. Und was er darin fand, sagte er der "New York Times", "verletzt jegliches Gefühl der Proportionen".

Gebühren werden eingeschränkt

Die Gebührenpläne wurden bisher vom United States Trustee Office überwacht, einer Aufsichtsbehörde des US-Justizministeriums. Deren Regeln stammen jedoch von 1998. Nach zähen Verhandlungen einigte sich Feinberg mit den betroffenen Firmen jetzt darauf, die Gebühren zumindest ansatzweise einzuschränken. So dürfen die Berater und Juristen künftig nur noch Economy fliegen. Hotelzimmer dürfen höchstens 500 Dollar pro Nacht kosten, Kopien nur zehn Cents pro Blatt. Diese Arbeit machte sich natürlich auch Feinberg nicht umsonst. Für seine Mühen ließ er seiner Kanzlei 1,2 Millionen Dollar bezahlen. (Lesen Sie hier, wie Sie Ihr Geld vor einem drohenden Crash schützen.)

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