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Islamgerechtes Bankwesen wartet auf Durchbruch in Deutschland


Islamgerechtes Bankwesen wartet auf Durchbruch in Deutschland

13.12.2010, 18:59 Uhr | dpa, dpa

Islamgerechtes Bankwesen wartet auf Durchbruch in Deutschland. Nur wenige deutsche Muslime investieren in islamkonforme Finanzprodukte (Foto: dpa)

Nur wenige deutsche Muslime investieren in islamkonforme Finanzprodukte (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

In der islamischen Welt ist es gang und gäbe, sein Geld im Einklang mit der Scharia anzulegen. Dabei verzichten die Anleger auf unschickliche Investitionen, Spekulationsgeschäfte und Zinsen. Investitionen in Glücksspiel, Waffen oder Pornografie sind tabu. Auch in Deutschland vermuten Experten ein enormes Potenzial für das schariakonforme Bankgeschäft.

15 Prozent der deutschen Muslime an Islam-Bankwesen interessiert

15 Prozent der rund vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime dürften ein ernsthaftes Interesse daran haben, ihr Geld im Einklang mit dem Koran anzulegen, schätzt Unternehmensberater Philipp Wackerbeck von Booz & Company. Berechnet am Gesamtvermögen, das deutsche Muslime zur Seite lägen, bestünde damit laut der Beratung ein Marktpotenzial von rund 1,6 Milliarden Euro.

Der Berater ist nicht der einzige, der an die Zukunft der islamkonformen Branche in Deutschland glaubt. Die Kuveyt Turk Bank hat eine erste deutsche Filiale in Mannheim eröffnet, mit der Absicht, "sobald wie möglich" die Lizenz zur Vollbank zu erhalten, wie Geschäftsführer Ugurlu Soylu erklärt. Dann wäre sie die erste islamkonforme Bank in Deutschland. Bisher hat sie lediglich die Erlaubnis, Geld in Drittstaaten einzulagern - die Kunden könnten ein zinsloses Konto in der Türkei eröffnen.

Keine Zinsen, aber Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg

"Die Quintessenz des Islamic Bankings ist, dass jedem Transfer ein reales Gut zugrunde liegen muss", erklärt Volkswirt Soylu. Daher erhalte der Anleger keine Zinsen, sondern werde am wirtschaftlichen Erfolg der Bank beteiligt. Das Finanzhaus gestalte im Gegenzug ihre Tätigkeiten transparent, vermeide unangemessen riskante Geschäfte und setze nicht auf die Branchen, die der Koran ablehnt.

Wenige Anbieter betreiben Scharia-Fonds

In stark muslimisch geprägten Ländern legt die Kuveyt Turk schariakonforme Fonds im dreistelligen Millionenbereich auf, doch in Deutschland betritt die Bank hierzulande fast noch unbestellten Boden mit ihrem Vorstoß. Einige wenige Finanzdienstleister wie die Schweizer UBS-Bank, die Allianz oder der Vermögensverwalter Meridio führen Fonds, die nach den Regeln des Islam aufgelegt und von einem Scharia-Rat geprüft wurden. Deren Volumina nehmen sich mit unteren zweistelligen Millionenbeträgen aber eher klein aus. "Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage auch in Deutschland langfristig steigen wird", erklärt eine Sprecherin der Allianz.

Die meisten großen Finanzhäuser zeigen dem Thema jedoch in Deutschland noch die kalte Schulter. Ihre Kunden hätten ihnen bisher kein Interesse an die Filialen herangetragen, erklären Union Investment und Deka, die Investmentfondssparten der Volksbanken und Sparkassen auf Anfrage. Die Deutsche Bank ist im Ausland längst ins islamkonforme Bankgeschäft eingestiegen. Doch für Deutschland verweist sie auf ihre 54 "Bankamiz"-Filialen, welche die Kunden auch auf Türkisch beraten. "Unsere muslimischen Kunden kaufen die klassischen Produkte der Deutschen Bank", sagt ein Sprecher.

Scharia-Banking in England stärker gefragt

Soylu von der Kuveyt Turk glaubt, dass viele deutsche Banken kaum Interesse daran haben, eine Nachfrage aktiv bei Kunden zu wecken, denen sie auch konventionelle Produkte verkaufen können. Die vorwiegend aus der Türkei stammenden Einwanderer seien ihrerseits eher durch eine pragmatische Rechtslehre des Islam geprägt, die sie gerade bei Finanzen eher auf das vorhandene Angebot zurückgreifen lasse, anstatt islamkonforme Produkte aktiv einzufordern. "Das ist in England mit seinen vielen Einwanderern aus Indien und Pakistan anders."

Großes Potenzial für Islamic Banking

Eine Studie des IFIBAF (Institute for Islamic Banking and Finance) ergab für das Islamic Banking ein geschätztes Volumen von 800 Milliarden US-Dollar (je nach Datenlage auch bis zu einer Billion US-Dollar). Das globale geschätzte Potenzial wird auf vier Billionen US-Dollar veranschlagt, bei einem jährlichen Wachstum von 15 bis 20 Prozent. Als globales Vermögen der Muslim-Einnahmen für Takaful (islamische Versicherungsform) auf 4,3 Milliarden US-Dollar (für 2015 geschätzt: 7,4 Milliarden US-Dollar). Es gibt 300 islamische Finanzinstitute in 65 islamisch geprägten und westlichen Ländern. Weltweit operieren zirka 280 islamische Banken in 40 Ländern – Tendenz steigend.

Steuernachteile bei Baufinanzierung

Das größte Potenzial sieht Booz-Berater Wackerbeck im Baufinanzierungsgeschäft. "In Deutschland liegt die Immobilienbesitzquote unter Muslimen bei etwa 20 Prozent, in der Türkei dagegen bei 80." Dies zeige, dass der eigene Hausbesitz sehr wichtig für Bürger mit türkischen Wurzeln sei. Durch das Zinsverbot ist beispielsweise ein Hauskauf über ein normales Darlehen aber nicht erlaubt. Ein Investor - oder eine Bank - müsste die Immobilie erwerben, um sie dann mit einem Gewinnaufschlag per Raten an den eigentlichen Käufer weiterzuverkaufen. Doch dabei fiele in Deutschland gleich zweimal die Grunderwerbssteuer an - ein Wettbewerbsnachteil für die islamkonforme Variante.

Institute hoffen auf Finanzbehörden

Diese und andere steuerliche Details will die Kuveyt Turk Bank noch mit der deutschen Finanzaufsichtsbehörde klären. Auch in Frankreich, so betont Soylu, habe sich das Gesetz bereits flexibel gezeigt: Hier wurden für islamgerechte Transaktionen steuerliche Sonderregelungen geschaffen. Auch Taoufik Bouhmidi, der Ende 2008 die Finanzberatung für Muslime und Freunde (FMF) gründete, sieht in der Möglichkeit einer schariagerechten Baufinanzierung große Chancen: "Das wäre der Durchbruch."

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