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Arabische Wirtschaftskrise : Kein Job, kein Geld, keine Frau


Arabische Wirtschaftskrise  

Kein Job, kein Geld, keine Frau

03.02.2011, 16:59 Uhr | Spiegel Online

Arabische Wirtschaftskrise : Kein Job, kein Geld, keine Frau. Viele Unruhen sind von massiven Wirtschaftsproblemen begleitet (Foto: dpa)

Viele Unruhen sind von massiven Wirtschaftsproblemen begleitet (Foto: dpa) (Quelle: dpa)

Tunesien, Ägypten, Jordanien - ein arabisches Regime nach dem anderen taumelt, der Jemen droht zu zerfallen. Befeuert werden die Unruhen von massiven Wirtschaftsproblemen: Die Jugend sieht in eine düstere Zukunft.

Die Fernsehbilder glichen sich fast aufs Haar: Ein alt gewordener Mann tritt im maßgeschneiderten Anzug vor eine Kamera und spricht vor einer Landesflagge Worte, die Geschichte schreiben sollen. In Tunesien, in Ägypten, in Jordanien und zuletzt am Mittwoch im Jemen sehen sich arabische Staatschefs gezwungen, öffentlich kleinbeizugeben. Der Druck des Volkes, die Wut der Jugend, die von Arbeits- und Perspektivlosigkeit auf die Straße getrieben wurde, war einfach zu groß geworden.

In Tunesien floh der Herrscher ins Exil, in Jordanien wurde die Regierung aufgelöst, in Ägypten musste Husni Mubarak versprechen, die Macht an einen Nachfolger zu übergeben, das gleiche Bild im Jemen. Neue Führer sollen Freiheit und Wohlstand bringen - das hoffen die Menschen. Doch wie kann ein wirtschaftlicher Aufschwung in der Region überhaupt aussehen?

"Massive wirtschaftliche Probleme"

Experten sind skeptisch: "Alle Staaten in Nahost haben massive wirtschaftliche Probleme", sagt Ragui Assaad, auf den Nahen Osten spezialisierter Ökonom an der Universität Minnesota. Diese Probleme zu beheben, werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. "Alle Länder müssen sehr schmerzhafte Entscheidungen fällen. Es ist fraglich, ob die Oppositionsgruppen, die nun an die Macht drängen, das können." Nach dem Rausch der Revolution droht die Ernüchterung. "Dschavad Salehi-Isfahani, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Virginia, sagt eine "programmierte Enttäuschung" der revoltierenden Jugend voraus. "Die Protestler glauben, dass die jetzt erkämpfte Meinungsfreiheit ihre Chancen am Arbeitsmarkt verbessern wird", so Salehi-Isfahani. Doch das sei ein Trugschluss. "Ich habe größte Sorge, dass die jungen Araber sich von der Demokratie abwenden, sobald sie merken, dass man freie Wahlen nicht essen kann."

Jemen vor dem Zerfall

Mögliche Folge: Populisten oder religiöse Fanatiker könnten enormen Zulauf bekommen. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit dafür im Jemen: "Für den Jemen kommt jede Hilfe zu spät. Der Staat ist dabei, zu zerfallen", sagt Assaad. Schuld daran sei vor allem die auswegslose wirtschaftliche Lage des Landes. Denn der Jemen stehe vor einem Zwillingsproblem, so Assaad: Einerseits keine Rohstoffe, kaum Wasser und kaum Ackerland, andererseits eine extrem schlecht ausgebildete Bevölkerung. "Ziemlich hoffnungslos", lautet Assaads Fazit.

Auf dem UNO-Index menschlicher Entwicklung (HDI) steht der Jemen auf Platz 138 von 179 Staaten. "Der Jemen ist kaum noch zu retten", sagt auch Salehi-Isfahani. "Der Jemen ist so zurückgeblieben, da geht es erst mal darum, Straßen, Brücken und Schulen zu bauen. An Wirtschaftsreformen kann man erst viel später denken." Die Rückständigkeit mache den Jemen zum idealen Nährboden für Extremismus. "Die Jugend dort hat ohnehin keine Zukunft. Sie ist aufgeschlossen für nihilistische Gedanken."

Drei Gründe für die Krise

Der Jemen ist das ärmste arabische Land, seit Jahren bewegt sich der Staat am Rande des Zerfalls. Der ehemalige sozialistische Süden fordert 20 Jahre nach der Vereinigung die erneute Abspaltung. Im äußersten Norden rebellieren schiitische Milizen gegen das Regime. Islamistische Fundamentalisten haben sich von der Regierung abgewandt und greifen deren Sicherheitskräfte an. Marodierende Gruppen von Al-Kaida-Kämpfern gefährden die Stabilität des Landes.

So düster die Zukunft des Jemen aussehen mag: Für die anderen Staaten des Maghreb und des Nahen Ostens besteht zumindest eine kleine Chance, ihre Krisen zu überwinden. "Die Länder von Marokko bis Iran haben ähnliche Probleme, die man mit ähnlichen Methoden bekämpfen kann", so Assaad. Insgesamt lassen sich drei Hauptgründe für die Wirtschaftskrise im Nahen Osten anführen:

Hohe Geburtenraten bis in die neunziger Jahre hinein haben quer durch die Region die Gruppe der Jugendlichen unter 25 Jahren überdurchschnittlich wachsen lassen. Königin Rania von Jordanien warnte jüngst, bis 2020 werde die Zahl der arbeitslosen unter 30-Jährigen in Nahost von heute 15 auf 100 Millionen hochschnellen. Die Königin nannte dies eine tickende Bombe. "Sie muss entschärft werden, wenn wir Unruhen verhindern wollen."

Die Jugend in den sogenannten Mittelklasseländern ist gut, aber nicht gut genug ausgebildet. "Ihre Qualifikationen sind im internationalen Vergleich nicht ausreichend", sagt Salehi-Isfahani.

In fast allen betroffenen Ländern haben sozialistisch orientierte Regime über Jahrzehnte Millionen von Menschen im Staatsdienst beschäftigt. Den jetzt von den Schulen und Universitäten abgehenden Jugendlichen wurde suggeriert, auch sie würden - wie ihre Eltern - vom Staat versorgt werden. Doch können sich Länder wie Syrien, Ägypten oder auch der Irak dies heute nicht mehr leisten: Ihre Planwirtschaft hat sich als nicht profitabel erwiesen.

Die Jugend im Nahen Osten ist doppelt geschlagen: Sie schultert einerseits die Bürde einer falschen Wirtschaftspolitik. Zudem ist sie Opfer einer Bildungsmisere: Es wurde nach unten nivelliert, statt Eliten zu fördern. "Die jungen Leute haben alles richtig gemacht, studiert, sich angestrengt. Trotzdem leben sie viel schlechter als ihre Eltern. Die Enttäuschung darüber ist riesengroß", sagt Salehi-Isfahani.

Verschärft würde die Frustration durch das "wirtschaftlich erzwungene Zölibat", unter dem Männer wir Frauen litten. "Arabische Männer ohne feste Anstellung haben so gut wie keine Chance, zu heiraten und eine Familie zu gründen", so der Ökonom. Für die Frauen fehle es deshalb an Bräutigamen. Den Jugendlichen sei jede Chance auf persönliche Erfüllung verbaut.

Ausgerechnet die Opposition könnte einen Aufschwung verhindern

Was heißt das für den Westen? Manch Experte vergleicht den nötigen Umbau der arabischen Wirtschaftsstrukturen schon mit der Neuordnung Osteuropas nach dem Fall der Mauer. Damit der Wandel gelinge, müssten vor allem die USA ihre Außenpolitik schleunigst ändern, fordert Salehi-Isfahani. "Washington muss begreifen, dass in Nahost viel größere Gefahren lauern als die Hamas oder das iranische Atomprogramm." Nur mit massiver wirtschaftlicher Hilfe der USA und Europas könne die Region stabilisiert werden.

Doch selbst dann ist nicht sicher, ob sich die arabischen Staaten am Weltmarkt behaupten können. Zwar produzieren Länder wie Tunesien oder Ägypten Kleidung, Möbel und Elektrogeräte, Staaten wie Jordanien oder Libanon versuchen sich sogar in Hightech. Das Problem sei jedoch die übermächtige Konkurrenz, sagt Salehi-Isfahani: "Die arabische Jugend muss verstehen, dass sie auf diesen Gebieten mit Milliarden Asiaten konkurriert. Und die sind alle bereit, härter und für weniger Geld zu arbeiten."

Das einzige, was den Nahe Osten in dieser Lage retten kann, sei eine ordentliche Dosis Marktwirtschaft, sagt Assaad. Länder wie Syrien, Ägypten und Tunesien subventionierten Benzin, böten den Universitätsbesuch zum Nulltarif. Das sei falsch, so Assaad. "Es ist die Mittelklasse, die in der arabischen Welt Auto fährt und ihre Kinder studieren lässt. Indem man dies bezuschusst, verteilt man Geld unter Leute, die es eh schon haben."

Paradox: Größtes Hindernis des Fortschritts könnten ausgerechnet jene Oppositionsgruppen sein, die derzeit den politischen Wandel vorantreiben. "Viele von ihnen sind nicht marktwirtschaftlich orientiert, hängen religiösen oder linken Ideologien an", sagt Assaad. Doch um den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern, müssten sich Tunesien, Ägypten und Co. dringend um Investoren bemühen. "Ich weiß nicht, ob die Führer der Opposition das ihrer Klientel verkaufen können."

Salehi-Isfahani hofft deshalb auf ein baldiges Ende der Proteste. "Es muss wieder Ruhe einkehren, die Fabriken und Börsen müssen wieder arbeiten können." Das klänge furchtbar konservativ, aber Aufruhr sei nun mal schlecht für das Wirtschaftsklima. "Nur wenn die Geschäfte gut gehen, wird sich auch das Leben dieser jungen Leute verbessern."


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