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Schiesser: Wenn IT voll in die Hose geht


Schiesser  

Wenn IT voll in die Hose geht

17.03.2009, 14:38 Uhr | FTD, Gregor Kessler

Schiesser: Wenn IT voll in die Hose geht.

Unterwäsche der Marke Schiesser (Foto: dpa)

Wird eine neue Betriebssoftware eingeführt, müssen alle Mitarbeiter damit umgehen können. Sonst drohen Lieferengpässe und im schlimmsten Fall die Pleite – wie bei Schiesser.

„Wie ein großes altes Haus"

Engelbert Fleischmann beschäftigt sich den ganzen Arbeitstag mit Informationstechnologie, kurz IT genannt. Was er da so genau macht, das verstehen nur andere IT-Menschen. Alle anderen brauchen Bilder. Wie man sich die Betriebssoftware vorstellen muss, die bei Schiesser früher den Warenfluss und die Produktion regelte? „Wie ein großes altes Haus, an dem über Jahrzehnte herumgebaut worden ist. Die ältesten Räume stammten noch aus den 70er-Jahren“, sagt Fleischmann.

Alte Räume passten nicht zu neuen

Er muss es wissen, denn als Leiter von Schiessers IT-Abteilung war er sozusagen der Hausmeister. Langsam wurde das Gebäude allerdings arg verwinkelt und unübersichtlich. Die jüngsten Räume passten irgendwann gar nicht mehr dran. Also wurde abgerissen und neu gebaut.

Betriebssoftware hat Mitschuld an Pleite

Klingt wie eine überfällige Idee. Was niemand ahnen konnte: Damit fingen die eigentlichen Probleme an. Das vorläufige Ende: Schiesser hat im Februar Insolvenz beantragt. Auf der Suche nach den Ursachen für die Pleite treten viele Bekannte auf: die Banken, die den nächsten Kredit verweigern; das Image, das nicht zeitgemäß ist; Nebengeschäfte, die weniger lukrativ sind als gedacht. Hinter den üblichen Verdächtigen stehen das alte verschachtelte Haus und der Neubau: die Betriebssoftware.

Lieferengpässe waren bekannt

Die Lieferschwierigkeiten von Schiesser waren in der Branche bekannt. Dafür verantwortlich: die Betriebssoftware. Sie stellt die Lieferbarkeit sicher. Bei Schiesser tat sie das eben nicht. Mitunter, gibt IT-Leiter Fleischmann zu, habe man deshalb nur zwei Drittel der Basics, also der gängigen Wäscheartikel, in die Läden bekommen.

"Da darf nichts schief gehen

Wohl niemand würde so weit gehen, die Insolvenz des traditionsreichen Wäscheproduzenten aus Radolfzell am Bodensee allein mit Softwareproblemen zu erklären. Aber ein paar deutliche und warnende Worte sind schon zu hören. Etwa von Christoph Schwarzl, Handelsexperte beim Managementberater Accenture. Der sagt: „Das Warenwirtschaftssystem ist das Herzstück jedes Handelsunternehmens. Da darf nichts schief gehen.“

Ärger über Ausfälle

Bei Schiesser ging einiges schief. Wenn ein Hersteller nur zwei von drei Artikeln rechtzeitig liefern kann, verärgert das viele. Den Verkäufer, weil seine kostbare Ladenfläche brachliegt. Den Lizenzpartner, weil er seine teuer geformte Marke jemandem überlassen hat, der sie durch Lieferausfälle beschädigt. Und natürlich den Kunden, dem im Laden gesagt wird, sein Unterhemd sei derzeit nicht lieferbar.

Ähnliche Probleme bei Juwelierkette

Auf diese Weise kann sich Ärger zu einer echten Krise auswachsen und können Softwareprobleme existenziell bedrohlich werden. Wer sich umguckt, findet problemlos Beispiele: Vor wenigen Wochen gab die Konkurs gegangene US-amerikanische Juwelierkette Shane der Einführung einer Point-of-Sale-Lösung von SAP die Mitschuld an der Pleite.

Klage gegen SAP

Das System hätte anfangs die Inventurbestände nicht richtig berücksichtigt und so zu teuren Bestandssteigerungen in den Filialen geführt. Vor einem Jahr verklagte die Baumarktkette Hornbach SAP auf Überarbeitung von Software – Streitwert: 700.000 Euro. Das neu eingeführte Warenwirtschaftssystem hätte nicht reibungslos funktioniert und zu Umsatzeinbußen geführt.

Anfänge mit IBM-Großrechner

Bei Schiesser ist das Problem eher Komplexität. Dabei ist das Geschäft leicht verständlich: Das Unternehmen produziert Unterwäsche seit 1875. Als ein Großrechner von IBM angeschafft wird, ist das Unternehmen schon hundert Jahre alt. Der Rechner regelt den Informationsfluss zwischen Auftragseingang, Produktion, Einzelhandel - und allem, was dazwischenliegt. Nach und nach liegt immer mehr dazwischen: Schiesser wächst, verlagert seine Produktion nach Osteuropa, kauft auch bei Produzenten in Asien ein, unterhält schließlich fünf Standorte.

Datenmengen wachsen rasant

Gleichzeitig steigt das Tempo im Textilgeschäft. Der Lebenszyklus eines Artikels im Sortiment wird kürzer. Bei Schiesser kommen jedes Jahr 30.000 Artikel dazu, fast genauso viele fliegen wieder raus. Entsprechend rasant wachsen die Datenmengen an. Mit fünf verschiedenen ERP-Programmen – das ist Software, mit deren Hilfe der Einsatz von Kapital, Personal und Material strukturiert und geplant wird – sollen die 160.000 einzelnen Artikel verwaltet werden, die Schiesser im Programm hat. Teilweise wurde die Software im Haus programmiert, teilweise gekauft – von verschiedenen Anbietern.

"Ein über Jahre gewachsener Wirrwarr"

„Es war ein über Jahre gewachsener Wirrwarr“, sagt Fleischmann. Kompliziert in der Architektur und unflexibel in der Produktionsplanung. Als moderne Anwendungen auf dem alten System nicht mehr laufen, ist das Ende der Notlösungen erreicht. Mit einem Big Bang, also von einem Tag auf den anderen, sollen sowohl Hard- als auch Software ersetzt werden.

Systeme wechseln

Der Countdown zum großen Knall beginnt im Juni 2004. Fast zwei Jahre, viele Testläufe und Tausende Stunden Arbeit später glauben Fleischmann und seine Leute, das neue System fertig zu haben. Gründonnerstag 2006 geht das alte System vom Netz. Dienstag nach Ostern fährt das neue zum ersten Mal hoch.

Sommer 2006 begannen die Probleme

„Anfangs lief alles gut“, sagt Fleischmann. Na gut, ein wenig muss bei der Datenkonvertierung nachgearbeitet werden. Die Nummernstruktur aller Artikel ist geändert worden. Die wirklichen Probleme aber tauchen erst im Sommer 2006 auf. Schiesser produziert vollstufig. Das heißt vom Garneinkauf über das Weben und Färben der Stoffe bis zum Zuschneiden, Nähen und Ausliefern macht der Mittelständler mit seinen weltweit 2300 Mitarbeitern alles. Wenn an nur einer dieser Stationen etwas fehlt, gerät die ganze Lieferkette ins Stocken.

Lieferkette kommt ins Stocken

Genau das passiert. Laut Fleischmann gibt es trotz erfolgreich verlaufener Testläufe Fehleingaben. Die Kollegen kommen mit dem neuen System nicht zurecht. „Es wurden falsche Stoffe eingekauft, falsche Mengen geordert.“ Dabei ist das kleinere Problem, dass der zugeschnittene Stoff für 2000 Hemden zwischengelagert werden muss, wenn in der Näherei nur 200 Knöpfe ankommen.

Schlange von Lastwagen wartet vergeblich auf Ware

Viel problematischer ist die Vorfinanzierung. „In der Textilbranche haben wir zwei, maximal drei Liefertermine“, sagt Fleischmann. „Wenn Sie die verpassen, dann liegt der Stoff bis zur nächsten Saison.“ Das ist das Gegenteil von Just-in-time-Produktion. Und bei Schiesser der erste von vielen Dominosteinen, die danach fallen. Am Ende sorgt das Durcheinander mit dem neuen System dafür, dass am Schiesser-Hauptsitz in Radolfzell eine Schlange von Lastwagen auf dem Hof steht und auf Ware wartet, die nicht da ist.

Mittelständler unterschätzen Schwierigkeiten

Menschliches Versagen? Das will Accenture-Fachmann Schwarzl nicht als Entschuldigung durchgehen lassen. „Solche Change-Prozesse müssen nicht nur technisch gut vorbereitet werden, sondern auch personell.“ Viele Mittelständler würden die Schwierigkeiten unterschätzen, ein neues IT-System so weit zu entwickeln, bis es problemlos läuft.

Erst starten, wenn’s läuft

Sein Tipp: Erst starten, wenn’s läuft. Nicht nur auf der technischen, sondern auch auf der menschlichen Seite. „Die Implementierung neuer IT-Systeme läuft dann rund, wenn auch jene Mitarbeiter an ihrer Ausgestaltung beteiligt sind, die später damit arbeiten müssen“, sagt Schwarzl. Und wenn die Prozessabläufe so transparent sind, dass Fehler früh erkannt werden.

„Wir hätten mehr Kontrollschleifen einbauen müssen"

„Es darf nicht sein, dass erst in der Näherei auffällt, dass der gelieferte Stoff die falsche Farbe hat.“ So schlau ist Engelbert Fleischmann auch. Heute jedenfalls. „Wir hätten mehr Kontrollschleifen einbauen müssen, damit früher auffällt, wenn etwas nicht zusammenpasst“, gibt der IT-Leiter zu.

Schiesser arbeitet noch immer mit dem gleichen System

Bei Schiesser schlummert manche Fehleingabe zwei Monate im System, bevor sie bemerkt wird. „Ende 2006 hatten wir die Probleme ziemlich gut im Griff“, sagt Fleischmann. Weil aber die Textilbranche sechs bis neun Monate im Voraus ordert, kann das Unternehmen nur noch tatenlos zusehen, wie die ersten zwei bis drei Quartale des nächsten Jahres den Bach runtergehen. Schiesser arbeitet bis heute mit dem gleichen ERP-System. „Seit 2008 funktioniert alles reibungslos“, sagt Fleischmann. Hätte es das von Anfang an getan, vielleicht würde Schiesser heute nicht von einem Insolvenzverwalter geführt.

Zwangslagen

Software: Standardsoftware ist nicht ausgelegt für alle Anforderungen von Unternehmen. Diese kaufen daher für bestimmte Aufgaben spezialisierte, unterschiedliche Software.

Schnittstellen: Nun vertragen sich leider nicht alle Computersysteme miteinander. Das bringt Firmen in eine Zwangslage: Entweder lassen sie diverse Systeme nebeneinander laufen. Oder sie riskieren, bei der Umstellung auf ein einheitliches System alles zum Erliegen zu bringen.

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