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Bärlein-Denterlein: Deutschlands Dönerkönig ist ein Franke


Bärlein-Denterlein  

Deutschlands Dönerkönig ist ein Franke

02.06.2010, 12:55 Uhr | Spiegel-Online, Christoph Ruf

Bärlein-Denterlein: Deutschlands Dönerkönig ist ein Franke. Bestes Fleisch für Döner gibt es auch aus deutscher Produktion.  (Foto: Imago)

Bestes Fleisch für Döner gibt es auch aus deutscher Produktion. (Foto: Imago)

Sie haben einen urfränkischen Namen, zum Frühstück gibt's Wurstsemmeln, sonntags geht es in den Gottesdienst. Dennoch: Die Familie Bärlein-Denterlein schlachtet streng nach muslimischem Ritus - und ist längst einer der größten Dönerproduzenten in Franken.

Urfränkischer Name im "Yildiz"-Imbiss

Fürth, U-Bahn-Station Rathaus: Drei ältere Männer stehen vor dem kleinen Imbiss, sie haben ein Glas Tee in der Hand und diskutieren auf Türkisch. Hinter der Glasvitrine, die mit allerlei bunten Aufklebern dekoriert ist, wetzt ein junger Mann zwei riesige Messer, bevor es dem kolossalen Fleischkegel an den Kragen geht. Eine Szenerie, wie sie wohl zeitgleich auch in Berlin oder Bottrop zu beobachten wäre. Nur, dass dort nicht ein Aufkleber auf der Scheibe darauf hinweist, dass hier "Qualitätsfleisch von Bärlein-Denterlein" verarbeitet wird. Ein urfränkischer Name im "Yildiz"-Imbiss. Wäre man gerade an einem China-Restaurant "Akropolis" vorbeigegangen - die Irritation wäre kaum größer.

Muslimische Betrieb unter christlicher Führung

Die Sache bleibt auch nach ersten Recherchen rätselhaft: Bei der Schlachterei, heißt es, handelt es sich um einen "muslimischen Betrieb unter christlicher Führung." Wer sie sucht, wird im Industriegebiet von Neustadt an der Aisch fündig, einem Städtchen irgendwo zwischen Nürnberg und Würzburg. Ein Zweckbau, eine Lagerhalle. Über dem Eingangstor ein Firmenlogo, wie es in ähnlicher Form jede zweite Schlachterei hat: Ein Ochsenkopf mit Zierrat. Sonderlich muslimisch sieht es hier nicht aus.

Ehemaliger Viehhandel

Doch längst verdient der Familienbetrieb den Großteil seines Geldes mit den türkischen und kurdischen Einwanderern. Zu 95 Prozent beliefert der Betrieb, den einst der Großvater als Viehhandlung eröffnete, Imbisse und türkische Supermärkte. Und der Markt wächst weiter: Mehr als 15.000 Dönerbuden gibt es hierzulande, der Kebab ist längst Deutschlands beliebtestes Imbissgericht. Täglich werden etwa 200 bis 300 Tonnen Dönerspieße produziert. Viele davon werden aus Hack geschichtet - was genau drin ist, ist so fraglich wie bei einer Industriefrikadelle.

Wettstreit um den besten Kebab

In Mittelfranken ist das anders, berichtet Juniorchef Alexander Bärlein-Denterlein. Die meisten Imbisse schichten und würzen ihre Spieße selbst. "Da ist ein echter Wettstreit entstanden, jede Bude behauptet, sie mache den besten Kebab der Stadt." Angeliefert wird nur die Rohware, das Fleisch. Und das kommt im Großraum Nürnberg eben oft aus Neustadt an der Aisch.

Für jedes getötete Tier ein kurzes Gebet

Im Schlachtraum erinnert nicht viel an das, was hier noch vor kurzem passiert ist. Klinisch weiß sind die Wände, die noch vor ein paar Stunden mit Blut bespritzt waren. Blitzend die stählernen Haken, an denen die Lämmer, Kälber und Jungbullen entlang gezogen wurden, ehe sie zerlegt wurden. In unzähligen roten Plastikkörben liegen Rinder- und Putenfladen, eine stählerne Maschine hat zuvor die Geflügelschenkel platt gewalzt. Musa, der zusammen mit seinen Kollegen Ömer und Osman hier als Schlachter arbeitet, hat längst Feierabend. Bevor er ein Tier getötet hat, hat er ein kurzes Gebet gesprochen, für jedes Tier eines. Meist ist es der gleiche Satz: "Bismillahi Allahu Ekber" ("Im Namen Allahs, Allah ist groß"). "Genau wie es der muslimische Ritus vorsieht", sagt Bärlein-Denterlein.

Schlachter Bärlein-Denterlein: "Muslimischer Betrieb unter christlicher Führung". (Foto: Christoph Ruf)Schlachter Bärlein-Denterlein: "Muslimischer Betrieb unter christlicher Führung". (Foto: Christoph Ruf)

Blick aus dem Schlachthof nach Mekka

"Viele denken ja, der Koran schreibt vor, dass man Tiere schächtet. Aber entscheidend ist das Gebet gen Mekka, das wissen selbst viele Moslems nicht." Wo Mekka von Neustadt an der Aisch aus gesehen liegt, weiß der Juniorchef genau: Beim Opferfest, dem Kurban Bayrami, haben jüngst ein paar Kunden im Nachbargarten den Gebetsteppich ausgerollt. Seither wissen sie: Wenn man durch das Tor des Schlachthofs geradeaus blickt, schaut man gen Mekka. Doch neben den Gebeten wäre da noch etwas, das den Betrieb zu einem "muslimischen" macht. Hier gehen Kälber, Jungbullen und Lämmer ihren letzten Gang, die Puten werden jeden Morgen um drei bereits zerlegt aus Niedersachsen angeliefert. Des Deutschen liebstes Schlachtvieh ist für Muslime bekanntlich tabu - und damit auch für den Betrieb, der sie zu seinen Hauptkunden zählt.

Fleisch muss rein bleiben

Dabei lebt Alexander Bärlein-Denterlein privat genau so wie die meisten Deutschen in Franken. "Bei uns isst jeder seine Bratwurstsemmel oder zum Frühstück ein Stück Wurst. Das akzeptieren unsere türkischen Angestellten auch." Was sie nicht akzeptieren würden, wäre, wenn Fleisch, das "helal" (also "rein" oder "erlaubt") ist, mit Schwein in Berührung kommen würde. "Deshalb schlachten wir hier keine Schweine, man könnte nie ganz ausschließen, dass an einem Messer, mit dem der Döner zurechtgeschnitten wird, noch Spuren von Schweineblut sind."

Zwischen die kulturellen Fronten

Trotz aller Sorgfalt sind die Bärlein-Denterleins schon öfter zwischen die kulturellen Fronten geraten. Da waren die Türken, die plötzlich vor der Tür standen und kontrollieren wollten, ob in dem Betrieb auch tatsächlich kein Schwein verarbeitet wird. Wenig später zogen sie zufrieden wieder ab. Da waren aber auch die deutschen Tierschützer, die sie, die angeblichen Tierquäler, am Telefon beschimpften. "Als sie sich davon überzeugt haben, dass die Tiere betäubt sind, wenn sie getötet werden, hat sich die Entrüstung schnell gelegt."

Feierabend mittags um zwölf

Alexander macht jetzt Feierabend, mittags um zwölf hat er bereits einen zehnstündigen Arbeitstag hinter sich. Schwiegermutter Christel hat hingegen noch ein paar Stunden vor sich. Die Bestellungen für den kommenden Tag wollen vorbereitet sein, eine Wissenschaft für sich: "Der Imbiss, der in der Nähe von Schulen ist, macht mittags sein Hauptgeschäft, der neben der Disco eher um drei Uhr nachts", erläutert sie. "Und Knoblauchsauce geht dort, wo die Geschäftsleute Mittagspause machen, überhaupt nicht."

Glaube wird groß geschrieben

Am Wochenende war die Familie im Gottesdienst, der Glaube wird hier ernst genommen. Einmal sei ein Kunde auf seinen Schwiegervater zugekommen und habe ihn halb scherzend gefragt, ob er denn nicht zum Islam konvertieren wolle. Er wollte nicht. "Das ist das Einzige, was er nicht machen würde."

Der Schlachtbetrieb Bärlein-Denterlein ist im Jahr 1989 gegründet worden und aus dem Viehhandel Gebrüder Denterlein hervorgegangen, der seit 1933 existierte. Bärlein-Denterlein ist ein Familienbetrieb mit Sitz in Neustadt an der Aisch. Seit 1998 ist das Unternehmen auf Geflügel und Dönerprodukte spezialisiert und hat seine Schweineschlachtung aufgegeben. Seit 2010 hat Bärlein-Denterlein seinen Schlachtbetrieb und Fleischhandel umgestellt auf einen zertifizierten EG-Betrieb und folgt damit den von der EU vorgegebenen Hygieneregeln, die beim Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten von Fleisch gelten.

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