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Gib Müll eine Chance! Terracycle geht neue Wege


Gib Müll eine Chance!

19.01.2012, 12:15 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Gib Müll eine Chance! Terracycle geht neue Wege . Kreative Abfallverwertung (Quelle: Hersteller)

Kreative Abfallverwertung (Quelle: Hersteller)

Weltweit wachsen die Müllberge, nachhaltige Entsorgung ist teuer. Das US-Unternehmen Terracycle geht einen anderen Weg: Es nutzt Abfall als Rohstoff für neue Produkte - die es jetzt auch in Deutschland gibt.

Es riecht nach Benzin, doch die Straßen sind leer. Nur das Rauschen des Verkehrs auf dem nahen Highway ist zu hören. Hier am Rande von Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, deren Einwohnerzahl schrumpft und die unter der steigenden Kriminalitätsrate leidet, verrosten unzählige Autowracks hinter hohen Drahtzäunen. Wacklige Strommasten lenken den Blick in den grauen Himmel. Der einzige grüne Lichtblick ist das leuchtende Graffiti auf der mit Einschusslöchern übersäten Betonfassade eines alten Fabrikgebäudes. "Terracycle - Outsmart your waste", "Upcycle" und "Zero Waste" steht dort an der Wand.

Dem Abfall eine zweite Chance geben

Gleich im Eingangsbereich des flachen Baus versteht man, was gemeint ist: Stühle aus alten Trinkpäckchen und Stehtische aus Autofelgen sind dort aufgestellt, der Boden ist mit dem Kunstrasen vom Sportplatz einer ehemaligen Universität ausgelegt. Alles in dieser Fabrik besteht aus wiederverwertetem Müll. Genau das ist das erklärte Ziel des Unternehmens Terracycle: "Wir wollen dem Abfall eine zweite Chance geben", sagt Tom Szaky.

Das Auftreten des Gründers und CEO ist betont leger: Dreitagebart, strubbelige braune Haare, dazu Turnschuhe, Jeans und Pulli. Er habe früh gewusst, dass er Geschäftsmann werden will, erzählt der gebürtige Ungar. Seine Familie zog nach Kanada, da war er noch ein Kind, und doch war er sofort von der nordamerikanischen Unternehmerkultur begeistert. Mit gerade einmal 14 gründete er eine Grafikdesignfirma. Dass Szaky einmal ein sogenannter Ecopreneur werden würde, war eher Zufall. Es begann, als er 2001 für ein BWL-Studium nach Princeton ging.

Am Anfang war der Wurmkotdünger

Damals bat Tom Szaky Freunde in Toronto, sich um seine Pflanzen zu kümmern. Weil die sensiblen Gewächse einzugehen drohten, fingen seine Freunde an, Würmer mit Haushaltsabfällen zu füttern und den Kot als Düngemittel zu nutzen. Als Szaky davon erfuhr, war er so begeistert, dass er die Idee übernahm und bei einem Business-Plan-Wettbewerb an seiner Uni einreichte. Aus Geldnot diente eine gebrauchte Plastikflasche als Verpackung - quasi das Urmodell eines aus Abfall gewonnenen Produkts seiner künftigen Firma.

Was mit der Idee begann, Wurmkotdünger in gebrauchten Plastikflaschen zu verkaufen, ist heute eines der am schnellsten wachsenden umweltfreundlichen Unternehmen der Welt. Terracycle sammelt nichtrecycelbare Abfälle, schafft daraus neue Produkte und unterstützt gemeinnützige Organisationen. Mehr als 23 Millionen Menschen haben inzwischen Müll für das Unternehmen gesammelt, fast drei Millionen US-Dollar sind für wohltätige Zwecke zusammengekommen.

Um das zu schaffen, braucht es eine große Portion Zielstrebigkeit. "Anfangs war es schon schwer, andere von dem Dünger aus Wurmkot zu überzeugen", sagt Tom Szaky. Nachdem er beim Business-Plan-Wettbewerb in Princeton nur den fünften Platz belegt hatte, plünderte er sein Konto, um den Dünger selbst herzustellen und zu vertreiben. Als sein Geld zur Neige ging, hielt er das Unternehmen mit Preisgeldern aus weiteren Wettbewerben über Wasser, später schossen erste Investoren kleine Beträge zu. 2003 beschloss Szaky, sein Studium abzubrechen, um sich voll und ganz Terracycle zu widmen.

Für Abfälle wie Windeln müssen Firmen selber zahlen

Die Konzentration auf seine Firma zahlte sich aus: Die ersten größeren US-Warenhäuser verkauften den Wurmkot-Dünger, Terracycle wuchs. Im Sommer 2007 dann wandten sich drei Großunternehmen an Szaky: ob er ihre bislang nicht recycelbaren Joghurtbecher, Energieriegelverpackungen und Trinkpäckchen auch wiederverwerten könnte? Er bot den Firmen an, die Verpackungen zu sammeln und in umweltfreundliche Produkte zu verwandeln. Die Kosten machte Szaky vom Schwierigkeitsgrad der Entsorgung abhängig: Für die Abnahme aufwendiger Abfälle wie etwa Windeln sollten die Unternehmen bezahlen. Weniger schwierig zu verarbeitende Produkte wie Trinkpäckchen nahm er umsonst. Und Abfälle aus wertvollem Material wie Joghurtbecher kaufte er den Unternehmen sogar ab.

Gleichzeitig entwickelte er ein Programm, um die Verbraucher zu motivieren, an seinem Modell mitzuwirken. Sie sollten die entsorgten Produkte von Terracycles Partnerunternehmen sammeln und an ihn schicken. Als Belohnung wollte er den Sammlern zwei Cent pro Abfalleinheit gutschreiben, Geld, das sie an eine gemeinnützige Organisation oder Schule spenden sollten. Den Firmen gefiel das Konzept, sie fingen an, es finanziell zu unterstützen. "Durch Terracycle können wir positiver mit unseren Kunden kommunizieren und ihnen eine Recyclinglösung für unsere Produkte bieten", sagt zum Beispiel Kim Frankovich, Vizepräsidentin der Nachhaltigkeitsabteilung des US-Plastikbecherherstellers Solo Cup.

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Das Modell funktioniert. Und expandiert.

Als klar war, dass das Modell funktionierte, ging es Schlag auf Schlag: Szaky veröffentlichte sein Buch "Revolution in a Bottle", gewann zahlreiche Preise, die amerikanischen Medien stürzten sich auf ihn. 2009 expandierte Terracycle schließlich nach Brasilien, Kanada und Großbritannien, 2010 nach Schweden, in diesem Jahr kamen Frankreich, Spanien, Schweiz, Italien sowie die Beneluxstaaten dazu.

Erstes Recycling-System für gebrauchte Schreibwaren

Und Deutschland. Terracycle geht in ein Land, in dem an fast jeder Ecke eine gelbe Tonne steht? Szaky weist auf einen Fakt hin, der häufig vergessen wird: Ein Großteil der in den Tonnen gesammelten Abfälle wird gar nicht wiederverwertet, sondern landet in Verbrennungsanlagen oder auf Deponien. Bislang hat er allerdings erst ein Unternehmen hierzulande überzeugt, den Schreibwarenhersteller BIC. "Wir suchten nach einem Weg, Schreibwarenprodukte recyceln zu können", sagt Verena Lambert von BIC Deutschland, "Terracycle macht das möglich."

Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit und soziales Engagement würden bei dem Konzept vereint. "Es ruft erstmals ein Recycling-System für gebrauchte Schreibwaren und andere bislang nicht recycelbare Abfälle ins Leben." Außerdem schaffe es durch die Herstellung von wieder und weiterverwerteten Produkten neue Absatzmärkte.

Weitere Partner in Deutschland

Szaky nächster Schritt in Deutschland ist, ein Programm für die Trinkpäckchen von Caprisonne zu etablieren. Für 2012 rechnet er mit mindestens zehn weiteren Partnern. Er ist überzeugt, dass das Modell hier wie überall auf der Welt funktioniert: Terracycle kontaktiert Unternehmen, die nichtrecycelbare Verpackungen produzieren, bietet ihnen an, sich um ihren Müll zu kümmern und etabliert zusätzlich ein Sammelprogramm. Die Verbraucher melden sich im Internet an, entscheiden sich für eine vom Partnerkonzern angebotene Abfallart, die sie allein oder als Team sammeln, und senden sie an das Terracycle-Lager des entsprechenden Landes. In Deutschland liegt es in der Nähe von Stuttgart. Den Versand zahlen die Unternehmen, ebenso wie die Beträge, die die Verbraucher "spenden". Sobald die Sendungen bei Terracycle angekommen sind, gibt es zwei Möglichkeiten für das Team, die Abfälle nachhaltig zu entsorgen: re- oder upcyceln.

Abfälle landen nie auf Mülldeponien

Beim Upcycling kreieren Designer aus dem ursprünglichen Material ein neues, möglichst umweltfreundliches Produkt. In der Werkstatt von Terracycle wird hierfür geschnitten, genäht und mit Klebepistolen fixiert: Aus alten Keksverpackungen werden Schirme, aus gebrauchten Kugelschreibern Lampen, aus den Caprisonne-Trinkpäckchen Rucksäcke.

Doch nicht alle Abfälle sind geeignet, um aus ihnen ein neues Produkt zu basteln. Was schlecht erhalten ist, wird recycelt. Bei den in Deutschland gesammelten Kugelschreibern zum Beispiel wird die restliche Tinte von den Hüllen entfernt, die dann geschreddert und eingeschmolzen werden. Dadurch entsteht Plastik als Rohstoff zur Weiterverarbeitung.

Auf diese Art werden Abfälle immer und immer wieder verwertet. Sie landen nicht auf Mülldeponien oder in Verbrennungsanlagen, die zusätzliches CO2 ausstoßen. Außerdem werden keine weiteren Rohstoffe verbraucht. "Wir müssen mehr in emissionsarmen Kreisläufen denken", sagt auch Jürgen Knirsch, bei Greenpeace Experte für Handel und Umwelt. "Wenn Terracycle im Vergleich zur gängigen Gelben-Sack-Praxis besser abschneidet, ist das zu begrüßen."

Verkauf der Produkte

Mehr als 15.000 verschiedene Produkte in 15 Ländern bietet das Unternehmen mittlerweile. Angefertigt werden sie nur mit Erlaubnis des jeweiligen Partnerunternehmens. Die Upcycling-Produkte werden in ausgelagerten Fabriken hergestellt und später im Onlineshop von Terracycle oder über Einzelhändler verkauft. In Nordamerika zählen dazu bekannte Größen wie Walmart, Toys "R" Us und Whole Foods Market.

Der Gewinn ist minimal

Einen Großteil der recycelten Materialien verwendet Terracycle nicht selbst, sondern verkauft sie an andere Firmen, die daraus eigene, neue Produkte herstellen, zum Beispiel Gartenmöbel aus Plastik. Mit den Einnahmen aus den Verkäufen deckt das Unternehmen seine laufenden Kosten, viel mehr nicht. Zwar schreibt Terracycle seit dem vergangenen Jahr schwarze Zahlen, der Gewinn beträgt aber nur ein paar Tausend Dollar.

Doch darauf kommt es Szaky nicht an: "Natürlich soll das Unternehmen profitabel sein. Am wichtigsten ist mir aber, dass es weiter wächst", sagt er. Deswegen versucht er unablässig, große Unternehmen als Partner zu gewinnen - auch wenn dies Konzerne wie Nestlé oder Kraft sind, die keine grünen Waren herstellen "Welche Produkte sie kaufen, ist die Aufgabe der Verbraucher", sagt Szaky pragmatisch, "Wir kümmern uns nur um den Müll."

Menschen ansprechen, die ein normales Leben führen

Dem Unternehmer ist die Umwelt wichtig, sich selbst bezeichnet er aber nicht als Umweltschützer. Szaky benutzt zu Hause zwar auch einen Duschvorhang aus Keksverpackungen und ein Schneidebrett aus Zahnpastatuben. Sonst ist sein Lebensstil aber eher durchschnittlich. Er fährt kein Hybridauto, lebt nicht in einem Niedrigenergiehaus und kauft nur wenige Ökoprodukte. "Ich will ja auch die Mehrheit ansprechen, die ein normales Leben führt", sagt er, "nur mit ihrer Hilfe kann man wirklich etwas verändern." Noch aber seien die meisten Menschen nicht soweit, die bereits bestehenden Sammelgruppen jedoch umso engagierter.

Vorbildfunktion für Schüler

Wie die Kinder der Pennwood Middle School in der Nähe von Trenton, die seit zwei Jahren Verpackungen sammeln. "Die USA sind eine Wegwerfgesellschaft", sagt Derek Majikas von der Schulverwaltung. "Terracycle zeigt unseren Schülern, was man noch alles aus den Sachen machen kann." Ähnliches entwickelt sich auch an deutschen Schulen - mehr als 8000 leere Stifte hat zum Beispiel die Realschule Hilpoltstein in Bayern seit März schon an Terracycle geschickt. "Mithilfe des Programms können wir Kindern ein umweltfreundliches Verbraucherverhalten beibringen", sagt Lehrerin Andrea Lederer. Die Schüler in Hilpoltstein gehören zu einem der rund 110 deutschen Sammelteams. Die insgesamt 11.000 Teilnehmer haben bisher knapp 14.000 Abfalleinheiten und somit fast 300 Euro gesammelt. Nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Kreativität und soziale Verantwortung

Doch warum dürfen die Teilnehmer das Geld nicht behalten und selbst ausgeben? Nur dann, sagt Szaky, werde der dritte Aspekt seines Modells erfüllt - die soziale Verantwortung. Die war ihm selbst von Anfang an wichtig. Als es zum Beispiel darum ging, eine Firmenzentrale zu finden, entschied er sich für die ehemalige Fabrik im heruntergekommenen Trenton, abseits vom prestigeträchtigen New York. Hier schuf er Arbeitsplätze für sozial Schwächere.

Dass seine Angestellten 30 Prozent weniger verdienen als woanders, ist kein Geheimnis. Dafür seien sie Teil eines besonderen Projekts, sagt Szaky. Er fordert von seinen Mitarbeitern vor allem Kreativität. "Das Wichtigste ist, dass man Ideen ausprobiert, auch wenn man mal eine Niederlage kassiert."

Spaß und Transparenz

Die Büros in Trenton sind bunt und außergewöhnlich wie die meisten der Produkte: Die Konferenztische bestehen aus Teilen alter Bowlingbahnen, Schallplatten sind Arbeitsplatztrenner, Schreibtische wurden aus alten Plastikeimern und Holzplatten gefertigt. "Ich will, dass meine Mitarbeiter Spaß an ihrem Job haben und ihnen das entsprechende Umfeld bieten", sagt Szaky, dessen Büro in der Mitte der Halle liegt - von den übrigen 50 Mitarbeitern trennen ihn bloß von der Decke hängende, durchsichtige Plastikflaschen.

Auch nach außen zeigt die Firma Transparenz: User können auf der Webseite tagesaktuell die Anzahl der Sammelteams, der gesammelten Produkte und der Spenden getrennt nach Ländern nachlesen.

Modell für nachhaltige Entsorgung

Neben den Mitarbeitern in Trenton arbeiten momentan weltweit weitere 50 Angestellte für Terracycle. Der europäische Markt wird bislang von London aus koordiniert, ein deutsches Büro soll nächstes Jahr folgen. Tom Szakys erstes Anliegen in Deutschland ist, den Menschen klar zu machen, dass nicht alle Abfälle, die in der gelben Tonne landen, auch recycelt werden. Er ist überzeugt, dass er dann Erfolg haben wird. "Schließlich ist die nachhaltige Entsorgung vor allem den Deutschen wichtig", sagt er, "und das Terracycle-Modell ist die Lösung dafür."

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