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Arbeitsbedingungen bei Discountern: Keine Verbesserung der Bedingungen bei Lieferanten


"Das Sündenregister der Discounter ist skandalös"

11.01.2012, 08:27 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Arbeitsbedingungen bei Discountern: Keine Verbesserung der Bedingungen bei Lieferanten. Frauen müssen oft unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten (Quelle: Reuters)

Frauen müssen oft unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten (Quelle: Reuters)

Alles sollte besser werden: Lidl und Kik gelobten, die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten in Bangladesch zu verbessern. Doch eine Studie zeigt, dass sich für die Näherinnen offenbar nichts geändert hat. Die Discounter begnügen sich anscheinend mit billigen Versprechen der Fabrikanten.

Wenn die Kontrollen beginnen, verwandelt sich die Textilfabrik in Dhaka in eine Bühne. Die Produktionsräume werden gründlich gereinigt und gelüftet, die Toiletten mit Seife bestückt. Auf Fragen der Besucher müssen die Näherinnen so reagieren, wie es ihnen die Manager der Fabrik eingeimpft haben: "Wir haben jede Woche einen freien Tag", sagen sie dann. Feierabend sei um 19 Uhr, niemand werde misshandelt und "prinzipiell ist in der Fabrik alles in Ordnung".

Arbeit unter unwürdigen Bedingungen

Doch in Wahrheit scheint nichts in Ordnung in den Textilfabriken Dhakas, der Hauptstadt von Bangladesch. Die Schilderungen der Näherinnen stammen aus einer Studie der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) - einer Organisation, die seit Jahren kritisiert, unter welchen Bedingungen Billig-Kleidung von Aldi, Lidl und Kik entsteht.

Die Näherinnen schuften bis zu 16 Stunden am Tag in verdreckten, stickigen Fabriken, um Jeans, Pullover und T-Shirts zu produzieren, die dann in Deutschland zu Schnäppchenpreisen verkauft werden. Der Lohn reicht kaum zum Überleben, die Arbeiterinnen werden ausgebeutet und teilweise misshandelt. Als die Zustände vor drei Jahren in der deutschen Öffentlichkeit bekannt wurden, gerieten die Discounter in die Defensive. Das Ausmaß der Vorwürfe war einfach zu groß. Anfang 2010 musste Lidl auf Druck von Verbraucherschützern seine Werbung stoppen, wonach die Kleidung aus fairer Produktion stamme.

Discounter bescheinigt sich selbst Verbesserungen

Der Aldi-Konkurrent gelobte Besserung, auch der Textildiscounter Kik versprach, Billig-Produzenten aus Bangladesch strengere Vorgaben zu machen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Kette ihren ersten Nachhaltigkeitsbericht. Darin bescheinigt Kik sich selbst, Verbesserungen bei den Sozialstandards erreicht zu haben.

Konkret geht es um Schulungen, die sowohl Kik als auch Lidl seit 2008 bei Lieferanten durchführen. Ziel sei der "Austausch zwischen Arbeitnehmern und Management der Hersteller", teilte Lidl mit. Sie sollen gemeinsam "Schwachstellen und defizitäre Arbeitsbedingungen identifizieren und adäquate Lösungen erarbeiten".

Verseuchtes Trinkwasser, mangelnder Brandschutz

Im Rahmen einer aktuellen Studie hat die Kampagne für Saubere Kleidung die Versprechen geprüft. Das Ergebnis ist verheerend für die Discounter: Die Trainings und Kontrollen seien ineffektiv, kritisiert die CCC, an den katastrophalen Zuständen in den Fabriken habe sich nichts geändert.

So hätten 92 Prozent der 162 befragten Arbeiter berichtet, sie müssten pro Tag mindestens 13 Stunden arbeiten. Die offizielle Arbeitszeit dauert von acht bis 17 Uhr, eigentlich sind nur zwei Überstunden erlaubt. Tatsächlich würden aber wesentlich mehr geleistet, da die geforderten Tagesproduktionen in der regulären Arbeitszeit nicht zu schaffen seien. 89,5 Prozent der überwiegend weiblichen Näher berichten von Nachtarbeit. Versuche, sich dagegen zu wehren, seien zwecklos, die Aufseher würden jeden aufhalten, der die Fabrik verlassen will - sprich: Die Bosse würden die Näherinnen nötigen, die Arbeit zu erledigen.

Lohn reicht nicht zum Leben

Die Löhne schwanken der Studie zufolge stark. Die Spanne reiche von 2500 bis 10.000 Taka im Monat, das entspricht 24 bis 92 Euro. Für den Lebensunterhalt reicht das oft nicht. Als Beispiel wird eine Näherin genannt, die für einen Lidl-Lieferanten arbeitet: Rrujana verdiene monatlich 27 Euro, die Gesamtausgaben ihrer Familie lägen aber bei 199 Euro. Also könne sie mit ihrem Lohn aus der Textilfabrik gerade einmal 13 Prozent der Ausgaben decken.

Extrem schlecht sind die Bedingungen laut der Studie im Hinblick auf Sicherheit und Gesundheit: "In vielen Fabriken fehlen Notausgänge, Brandmeldesysteme, Feueralarm oder eine Notbeleuchtung", heißt es da. "23 Prozent der Befragten berichteten, dass es bereits Brände in ihrer Fabrik gab." Einige Näherinnen bringen ihr eigenes Trinkwasser mit, da jenes bei der Arbeit nicht ausreichend gefiltert und somit gesundheitsschädlich sei. In allen Fabriken mangele es an Toiletten. Die wenigen, die es gibt, seien "hochgradig verschmutzt und würden nur in unregelmäßigen Abständen gereinigt".

Sexuelle Übergriffe vor allem in den Nachtschichten

Ein weiteres Problem sind laut Gisela Burckhardt, einer Autorin der Studie, sexuelle Übergriffe auf Näherinnen: "Besonders in den Nachtschichten werden die Arbeiterinnen belästigt, diskriminiert und gedemütigt. Aufseher bedrängen sie mit sexuellen Angeboten." In einer der untersuchten Fabriken komme es "regelmäßig zu verbalen, körperlichen und sexuellen Übergriffen".

Gegen diese Zustände wollten die Discounter vorgehen - mit Trainings und Kontrollen, sogenannten Sozialaudits. Doch 85 Prozent der Befragten aus Fabriken, in denen Schulungen stattfinden, wussten nichts von den Maßnahmen. Selbst Näherinnen, die an den Trainings teilnahmen, könnten nur wenige Angaben machen, was dort eigentlich besprochen werde. Burckhardt kritisiert, es dränge sich der Gedanke auf, die Fortbildungen seien für die Fabrikbesitzer nur eine lästige, aber notwendige Pflicht, um die Auftraggeber zu beruhigen.

"Skandalöses Sündenregister"

Die mangelnden Fortschritte sind also nicht eins zu eins den Discountern zuzuschreiben. Vorwerfen lassen müssen sie sich allerdings, dass sie ihre Ansprüche nach Einhaltung von sozialen Standards nicht stärker durchsetzen. Dafür könnten sie zum Beispiel unangemeldete Kontrollen in den Fabriken durchführen oder die Gewerkschaften stärken.

"Das Sündenregister der Discounter ist skandalös", kritisiert Co-Autorin Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero, der Trägerorganisation des CCC, daher auch weiterhin. Die bislang eingeleiteten Schritte hätten nicht zu einer wirklichen Verbesserung der Bedingungen für die Näherinnen geführt. "Aldi, Lidl und Kik hängen sich ein Sozialmäntelchen um."

Keine Reaktion der Firmen

Aldi und Kik reagierten bislang nicht auf Anfragen, eine Lidl-Sprecherin wies die Vorwürfe zurück. "Wir nehmen die Sachverhalte sehr ernst. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sind jedoch nicht mit europäischen Maßstäben vergleichbar." Lidl lehne grundsätzlich jede Form von Kinderarbeit oder Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Produktionsstätten ab, in denen seine Waren hergestellt werden.

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