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Brüssel schlägt Alarm: In der Lebensmittelbranche wird offenbar zunehmend getäuscht und betrogen.

Warnung des EU-Parlaments  

Lebensmittelbetrug in Europa weitet sich aus

15.11.2013, 13:46 Uhr | Spiegel Online

Brüssel schlägt Alarm: In der Lebensmittelbranche wird offenbar zunehmend getäuscht und betrogen.. Lecker Calamari, oder doch nicht? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Lecker Calamari, oder doch nicht? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Brüssel schlägt Alarm: In der Lebensmittelbranche wird offenbar zunehmend getäuscht und betrogen. Die Entdeckungsrisiken seien gering und die Strafen zu niedrig, schreibt der Umweltausschuss im EU-Parlament in einem Berichtsentwurf. Auch Calamari stehen unter Ekelverdacht.

Nummer neun auf der Ekelliste

Es klingt ziemlich fies: Wer Calamari kauft, bekommt möglicherweise etwas ganz anderes. Bei den vermeintlichen Tintenfischringen könnte es sich um in Scheiben geschnittene Enddärme von Schweinen handeln. Europäische Supermärkte hätten Calamari auf eine Liste der am stärksten betrugsgefährdeten Produkte gesetzt, berichtet die EU-Parlamentsabgeordnete Esther de Lange von der konservativen Fraktion EVP.

"Der Einzelhandel hat ein Auge auf Calamari", sagt de Lange "Spiegel Online", "sie sind Nummer neun auf der Liste." Vielleicht ist der Ekelverdacht auch nur ein Gerücht. Aber das Beispiel zeigt, wie sehr auch Einzelhandelsunternehmen davon überzeugt sind, dass sie immer wieder hintergangen werden.

Betrug weitet sich schnell aus

Als Berichterstatterin im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im Europaparlament warnt Esther de Lange, dass der Betrug mit Lebensmitteln in der Europäischen Union schnell wachse und dringend gehandelt werden müsse. De Lange hat einen Bericht "über die Nahrungsmittelkrise, Betrug in der Nahrungskette und die entsprechende Kontrolle" verfasst.

So wie der Lebensmitteleinzelhandel eine Liste von Produkten führt, die besonders häufig überprüft werden, führt auch der Ausschussbericht die Top Ten jener Lebensmittel auf, die "am meisten der Gefahr des Lebensmittelbetrugs ausgesetzt sind". Das seien: Olivenöl, Fisch, Bio-Lebensmittel, Milch, Getreide, Honig und Ahornsirup, Kaffee und Tee, Gewürze, Wein sowie bestimmte Obstsäfte.

Kontrollen leiden unter Wirtschaftskrise

Ein Grund für die Zunahme der Betrugsfälle ist dem Bericht zufolge die aktuelle Wirtschaftskrise: Die Kontrollstellen litten unter Sparmaßnahmen, und "der Druck seitens des Einzelhandels und anderer Parteien, Lebensmittel noch billiger herzustellen", wachse.

Die Supermarktlobby bestätigt die kritischen Thesen des Berichts zumindest teilweise. In Deutschland sei der Preisdruck nicht so hoch, teilte der deutsche Handelsverband auf Anfrage mit, allerdings könne es durchaus sein, "dass es in Europa Länder gibt, in denen die Kaufkraft durch die Krise enorm gesunken ist, was nicht nur den Handel vor Probleme stellt". Von gefälschten Calamari habe zwar weder der deutsche noch der europäische Handelsverband gehört, gefälschte Produkte seien aber ein zunehmendes Problem, heißt es beim Handelsverband.

Normale Produkte als Bio verkauft

In dem Papier führt der Umweltausschuss die jüngsten Betrugsfälle auf: Gewöhnliches Mehl wurde als Bio-Mehl verkauft, Eier aus Käfighaltung als Bio-Eier, Straßenstreusalz als Speisesalz - die Behörden fanden Methanol in Schnaps und Pferdefleisch in Rindfleischprodukten.

Es gibt demnach eindeutig wiederkehrende Muster:

  • Wichtige Inhaltsstoffe werden durch billigere Alternativen ausgetauscht.
  • Die Tierarten auf Fleischprodukten werden fehlerhaft gekennzeichnet.
  • Das Gewicht wird falsch angegeben.
  • Konventionelle Lebensmittel werden als "Bio" verkauft.
  • Zuchtfisch wird als Wildfang gekennzeichnet.
  • Lebensmittel werden wieder in den Verkehr gebracht, nachdem deren Haltbarkeitsdatum überschritten wurde.

Kaum Überblick - schlechte Überwachung

Beim Lesen des Berichts wird klar, wie erschreckend groß die Lücken in der EU-Lebensmittelüberwachung sind: Weil sich Händler und Zwischenhändler in der Lebensmittelkette nicht registrieren müssen, kennt niemand die genaue Zahl der Unternehmen, die in der Lebensmittelbranche agieren. Weil die Regeln zwar in Brüssel gemacht, aber in den Mitgliedstaaten kontrolliert werden, ist laut Bericht ein "EU-weiter, grenzüberschreitender Überblick" nicht vorhanden.

"Die Betrugsfälle sind zwar nicht gesundheitsschädlich", sagt de Lange, "aber sie beschädigen das Verbrauchervertrauen in die Nahrungskette." Das größte Problem dabei: Die Gesetzgebung in Europa "ist derart zerstückelt, dass Lebensmittelbetrug viel zu einfach ist".

Vorbehalte gegen Europol

Die grenzüberschreitende Polizeibehörde Europol registriert einen steten Anstieg in der Zahl der Betrugsfälle mit Lebensmitteln und eine zunehmende Beteiligung von kriminellen Organisationen. Allerdings gebe es bei den Mitgliedstaaten offenbar große Vorbehalte, mit Europol zusammenzuarbeiten, im Pferdefleischskandal zum Beispiel habe die Kooperation eher schlecht funktioniert, sagt de Lange. "Die irischen Behörden sind den Spuren in ihrem Land nachgegangen - aber hinter der Grenze sind sie blind oder auch einfach nur hilflos."

Schärfere Strafen gefordert

In der Lebensmittelkette gibt es strukturelle Schwächen, während gleichzeitig hohe Gewinne locken und die Chancen, erwischt zu werden, verschwindend gering sind. Der Ausschuss fordert deshalb, alle Akteure, also auch beispielsweise Eigentümer von Kühl- oder Lagerhäusern, als Lebensmittelunternehmer zu registrieren und zu kontrollieren.

Für die gesamte Kette sollen elektronische Zertifizierungssysteme eingeführt werden. Besonders wichtig aber seien schärfere Strafen - mindestens doppelt so hoch, wie der Gewinn durch den Betrug war oder gewesen wäre. Im Wiederholungsfall soll dem Lebensmittelunternehmen die Registrierung entzogen werden.

Verbrauchervertrauen geht zurück

"Die Betrugsfälle", schließt der Bericht, hätten bereits negative Auswirkungen: "Ein Drittel der Verbraucher vertraut den Angaben auf Lebensmitteletiketten nicht mehr." Mit Blick auf die Frage, woraus vermeintliche Calamari möglicherweise wirklich bestehen könnten, ist das vielleicht auch angebracht.

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