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Werkstattkette ATU leidet unter "Heuschrecken"-Nachwehen

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ATU-Sanierung  

Christophorus hilf!

07.02.2014, 15:52 Uhr | Oliver Stock, Handelsblatt

Werkstattkette ATU leidet unter "Heuschrecken"-Nachwehen. Bei der Werkstattkette ATU haben neue Eigentümer für eine komplizierte Unternehmensstruktur gesorgt (Quelle: imago/Geisser)

Bei der Werkstattkette ATU haben neue Eigentümer für eine komplizierte Unternehmensstruktur gesorgt (Quelle: imago/Geisser)

Einer der Sprüche, die der jüngst verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt hinterlassen hat, geht so: "Die Politiker lösen für das Volk die Probleme, die das Volk ohne die Politiker nie gehabt hätte." Das Motto lässt sich ohne Schwierigkeiten auf die Private-Equity-Branche, die Zunft der Risikokapitalgeber also, übertragen. Es lautet dann so: "Private Equity löst für Unternehmen die Probleme, die ein Unternehmen ohne Private Equity nie gehabt hätte." In beiden Fällen gilt das Motto nicht immer und für alle, aber eben manchmal.

Ganz sicher gilt es für die Schrauber-Kette ATU und deren Finanzinvestor KKR. Beide Seiten haben sich inzwischen voneinander getrennt. Doch während KKR munter zu neuen Ufern schreitet und sich beispielsweise am Fußballerstligisten Hertha BSC beteiligt, bleibt ATU auch nach dem dritten Besitzerwechsel eine heillos verschachtelte Eigentümerstruktur mit Finanzvehikel auf den Cayman Islands und Tochtergesellschaften in London. Der ehemals solide Mittelständler mit 600 Niederlassungen und Hauptsitz im beschaulichen bayerischen Örtchen Weiden kämpfte ein gutes halbes Jahr, um eine Insolvenz abzuwenden. Seine neuen Eigentümer schreckten dabei vor keinen Tricks zurück, um möglichst steuerschonend und zu Lasten der meisten alte Gläubiger das Unternehmen fortzuführen - mit ungewissem Ziel.

Natürlich stammen auch die neuen Eigentümer aus der Branche der Risiko-Investoren, die einst den Namen "Heuschrecken" verpasst bekommen hat. Der Weg, den die Investoren einschlagen, soll das Unternehmen und damit ihr Geld retten, tatsächlich geht es jedoch nicht um Strategie und Schrauben, sondern um Anleihen und Altschulden.

Stadt Weiden verzichtet auf Gewerbesteuer

Das Nachsehen könnten die haben, die ATU allzu schnell einen Wechsel auf die Zukunft gewährten. Da ist zum Beispiel die Stadt Weiden. Dort trat an einem außergewöhnlichen Termin der Stadtrat zusammen: Bürgermeister Kurt Seggewiß hatte am ersten Nachmittag nach den Weihnachtsfeiertagen zu einer Sondersitzung des Stadtrats geladen. Auf der Tagesordnung am 27. Dezember stand ein Punkt: Der Erlass der Gewerbesteuer in Höhe von 80 Millionen Euro für ATU.

Die Summe wäre fällig geworden, weil der Sanierungsplan der Auto-Werkstätten-Kette stand und sich die Schulden von ATU so auf einen Schlag um 600 Millionen Euro verringerten. Auch ein Sanierungsgewinn unterliegt der Gewerbesteuer, Kommunen können jedoch auf die Steuer verzichten, wenn sich so beispielsweise Arbeitsplätze erhalten lassen. Weiden entschied sich dazu: ATU-Finanzchef Christian Sailer hatte zuvor deutlich gemacht, dass die drohende Gewerbesteuerzahlung das Unternehmen wieder in den Ruin treiben könnte. Müsse er nicht zahlen, könne er dagegen zusichern, dass Standort und Arbeitsplätze erhalten blieben. 

Es kam wie erhofft für die neuen ATU-Eigentümer, einer Gruppe von Investoren namens Centerbridge, Babson sowie Fonds, die von Goldman Sachs Investment Partners geführt werden: Der Stadtrat stimmte zu und ließ sich auf eine "verbindliche Auskunft" ein, die lautete: Man werde die Gewerbesteuer voraussichtlich nicht einfordern. Endgültig durften sich die Stadtoberen nicht festlegen, wie Finanzdezernentin Cornelia Taubmann erklärt: "Das hätte möglicherweise ein EU-Beihilfeverfahren provoziert."

Weiden hätte Schulden loswerden können

Immerhin: Die Diskussion war hitzig und hatte etwas von einer Phantomdebatte: Zwar hätte das Geld aus der ATU-Gewerbesteuer gereicht, um Weiden zu entschulden, zweifelhaft war aber, ob es jemals geflossen, oder A.T.U vorher pleite gegangen wäre. Durch den Verzicht bleibe, wie Weidener Bürger nach Bekanntwerden des Beschlusses bemängelten, die Stadt weiter "bedürftig". "Es ist unglaublich. Erst schlachtet die Heuschrecke den Braten, und dann rennen die Stadträte noch mit viel Geld hinterher. Welcher kleine Unternehmer bekam in Weiden jemals die Gewerbesteuer erlassen", fragt ein Betroffener in einer erbosten Stellungnahme zwei Tage nach dem Beschluss.

Der Ärger wäre wahrscheinlich noch größer ausgefallen, wenn die Weidener geahnt hätten, dass die Eigentümer zu dieser Zeit bereits eine neue Struktur für das Unternehmen planten, in der Weiden nur noch eine Rolle unter vielen anderen Standorten spielt. Was Investmentbanker und Anwälte ausgebrütet hatten, dürfte manchen Finanzjongleur, der sich derzeit als Objekt der Nachforschung seitens des Fiskus sieht, vor Neid erblassen lassen.

Zunächst gründeten die neuen Eigentümer in Großbritannien mehrere Gesellschaften, die die Namen Christophorus I bis III erhielten. Der Name des frühchristlichen Märtyrers ist nicht ganz zufällig: Nach britischem Recht geht es schneller und günstiger, eine Firma zu liquidieren. Die britischen Christophorus-Einheiten wurden zu neuen Eigentümern der deutschen ATU-Gruppe, mit dem einzigen Ziel, sie schnellst möglichst aus der Welt zu schaffen.

Verschachtelte Konstruktion

Zusätzlich gründeten die Investoren auf den steuergünstigen Cayman Inseln die A.T.U-Cayman Limited. Sie hält Anteile einer Luxemburger Gesellschaft, die wiederum aus dem Bieterverfahren um die ATU-Handelsgesellschaft als Sieger hervorging und damit künftig das Sagen bei der Werkstattkette haben wird. Ein Sprecher der ATU-Gruppe räumt ein, dass die Konstruktion zwar verschachtelt sei, aber nicht dazu führe, dass das Unternehmen an seinem Sitz in Weiden weniger Steuern zahle oder Stellen abbaue. Insofern halte man sich an die Zusagen.

Ziemlich sicher das Nachsehen haben aber die Gläubiger, die zunächst im Jahr 2004 nach dem Einstieg von KKR dem Unternehmen Geld in Form einer Anleihe geliehen hatten, die sie sich mit mehr als acht Prozent verzinsen lassen wollten. 150 Millionen Euro sammelte KKR damals ein. Als das Geld verbraucht war, legten die ATU-Eigentümer 2010 eine zweite Anleihe auf, diesmal gleich über 450 Millionen Euro und mit üppigen elf Prozent Zinsen versehen. Die Christophorus-Cayman-Konstruktion sorgt jetzt dafür, dass einige Gläubiger von ihrem Geld nicht mehr viel sehen werden. 

"Sanierung auf Kosten einiger Gläubiger"

Anlegerschützer sind bereits alarmiert. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) spricht von einem "räuberischen Versuch, die Sanierung auf Kosten einiger Gläubiger durchzuziehen". In der Tat gehörten nämlich die heutigen neuen ATU-Besitzer ehemals selbst zu den Gläubigern. Sie haben sich im Rahmen eines "debt-equity-swaps" – eines Tauschs von Schulden gegen Eigentumsanteilen also – zu neuen Besitzern aufgeschwungen.

ATU selbst spricht von einem Sanierungserfolg, der auf diese Weise gelungen sei. Immerhin seien 12.000 Arbeitsplätze auf diese Weise erhalten geblieben - zumindest solange keine neuen Hiobsbotschaften eintrudeln. Dass möglicherweise Discount-Preise bei der Autoreparatur, ein zunehmender Online-Ersatzteile-Handel und eine nachlassende Begeisterung der Deutschen für ihr rollendes Statussymbol von einst die größeren Hürden einer Sanierung sein könnten, erwähnen die Schrauber aus Weiden nicht.

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