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Sicherer, aber billiger: Qoros greift deutsche Autobauer an

Chinas Offensive  

Vertreibung aus dem Autoparadies

07.02.2014, 16:58 Uhr | Lukas Bay, Handelsblatt

Sicherer, aber billiger: Qoros greift deutsche Autobauer an. Der erste große Wurf: Ex-VW-Manager Volker Steinwascher (rechts) mit dem Qoros 3 Sedan (Quelle: Reuters)

Der erste große Wurf: Ex-VW-Manager Volker Steinwascher (rechts) mit dem Qoros 3 Sedan (Quelle: Reuters)

Der chinesische Automarkt ist das Dorado für die deutschen Autokonzerne. Doch mit dem chinesischen Autobauer Qoros wächst ein Konkurrent heran, der dieses Jahr in seinem Heimatland massiv expandieren will.

Es gab eine Zeit, in der in China gerade einmal so viele Autos verkauft wurden wie in Holland. Zur Jahrtausendwende betrug der Anteil der Chinesen am Weltmarkt gerade einmal 1,3 Prozent. Seitdem vollzieht sich ein Aufstieg, der in der Automobilgeschichte beispiellos ist. 16,3 Millionen Autos wurden allein 2013 verkauft. Damit ist China nicht nur der wichtigste Automarkt der Welt, sondern der einzige Markt, in dem die deutschen Autokonzerne Volkswagen, Daimler und BMW ein signifikantes Wachstum vorweisen können.

Im Jahr 2025 - so prognostiziert es das CAR-Institut der Uni Duisburg-Essen - wird jeder dritte Neuwagen in China verkauft. Mit 35,7 Millionen verkauften Fahrzeugen wäre der Absatz mehr als doppelt so hoch wie heute. Bisher sind es vor allem die ausländischen Konzerne, die von diesem Wachstum profitieren. Volkswagen verkaufte 2013 in China 3,27 Millionen Autos, mehr als jeder Hersteller. Doch nun soll die Dominanz der ausländischen Autobauer langsam gebrochen werden – mit deutscher Hilfe.

Autobauer will mit Billig-Schiene nichts zu tun haben

Unter der Führung des ehemaligen VW-Managers Volker Steinwascher wird in China eine neue Automarke geboren, die nicht mehr viel mit den oft rückständigen chinesischen Modellen der Vergangenheit zu tun hat. Hinter Qoros stehen der chinesische Autohersteller Chery und die Israel Corporation. 2,5 Milliarden Dollar haben die beiden Unternehmen seit dem Jahr 2007 in die Entwicklung des neuen Unternehmens investiert.

Schon beim Namen haben die Marketingstrategen versucht, sich von der bisherigen Billigstrategie abzuheben. Qoros soll für Qualität stehen, sagt Steinwäscher. Die Entwicklungsarbeit kommt vorwiegend aus Europa: 400 Experten aus mehr als zehn Ländern hat Qoros eingekauft. Sie kommen von VW, BMW, Jaguar, Volvo, Saab, General Motors und Fiat.

Erst China, dann die ganze Welt

"Wir bauen keine chinesischen Autos", sagt der ehemalige VW-Manager Steinwascher. Zunächst einmal baut man darum das Händlernetz in China aus. Derzeit verkaufen 22 Händler Qoros-Modelle, Ende des Jahres sollen es 100 bis 130 sein. Vom Marktführer Volkswagen, der etwa 1000 eigene Händler in China hat, wäre man damit immer noch weit entfernt. Doch die Qoros-Manager haben großes Vertrauen, dass auch der Absatz anziehen wird. So wolle man erst in China erfolgreich sein – dann in der ganzen Welt.

Ab 2015 will Qoros auch den europäischen Markt ins Visier nehmen. Zunächst ist die Expansion in Osteuropa geplant, sagt Steinwascher. Der Vorstoß ist geordnet, wachsen will man mit bedacht. "Ich will unsere Firma nicht an den Rand des Wahnsinns treiben", sagt der Manager. Erster Testmarkt ist derzeit die Slowakei. Der Preis ist eine Kampfansage: Die Mittelklasselimousine soll für unter 20.000 Euro angeboten werden.

Die ersten Modelle können sich sehen lassen. Sie stammen aus der Feder von Autodesigner Gert-Volker Hildebrand, der schon die Wiedergeburt von Mini mit vorangetrieben hat. Nach der Stufenhecklimousine 3 Sedan, die ihre Europapremiere im vergangenen Jahr auf dem Autosalon in Genf feierte, soll dieses Jahr ein Hatchback-Modell folgen. Ein SUV mit Allradantrieb und ein Kombi sind bereits in Planung. Die Entwicklungsarbeit leitet der ehemalige BMW-M-Technologiechef Klaus Schmidt.

Das erste China-Auto mit Bestnote im NCAP-Crashtest

Die Motoren kommen ebenfalls aus Europa: Sie basieren auf einer Konstruktion der österreichischen AVL und wurden von den Qoros-Ingenieuren umgebaut. Auch in puncto Sicherheit setzten die Chinesen zuletzt ein Ausrufezeichen. Beim Euro NCAP, einem der härtesten Crashtests, bekam das Auto die vollen fünf Sterne – und das zweitbeste Resultat aller jemals getesteten Autos. Bei einigen Automanagern der deutschen Konzerne dürften die Testergebnisse für Aufregung gesorgt haben.

Auch im Innenraum plant Qoros einige Revolutionen. Die Limousine 3 Sedan ist vollvernetzt. Per Smartphone-App können Routen im Voraus geplant und in das Navigationssystem eingestellt werden. Über einen Acht-Zoll-Touchscreen können alle wesentlichen Funktionen intuitiv gesteuert werden. Technik, die in diesem Segment selten serienmäßig zu haben ist und die sich vor allem an der jungen Zielgruppe orientiert. Während in Deutschland gerade einmal 24 Prozent aller Neuwagenkäufer zwischen 25 und 34 Jahre als sind, macht diese Gruppe in China satte 51 Prozent aus. Bisher schaffen es allerdings nur die westlichen Hersteller, dem Qualitätsempfinden dieser jungen, urbanen Zielgruppe gerecht zu werden.

Qoros-Werk hat große Reserven bei der Kapazität

Produziert werden die Autos von Qoros im Werk Changshu, 80 Kilometer nordwestlich von Shanghai. Derzeit produzieren dort 1500 Mitarbeiter in einer Schicht täglich rund 50 bis 100 Autos – weit weniger als die Kapazität es hergibt. Theoretisch könnten derzeit 150.000 Stück produziert werden, bei entsprechender Nachfrage könnte die Produktion sogar auf 450.000 Stück erweitert werden. Absatzziele will Steinwascher nicht vorgeben, er sagt aber: "Wenn wir dieses Jahr die Hälfte unserer Kapazität nutzen, wäre das schon gut."

Geld verdient Qoros mit seinen Autos bisher nicht. Für Steinwascher ist das kein Problem. Seine Anleger seien ohnehin geduldig. "Wir haben nicht das schnelle Geld im Auge, sondern streben nach langfristiger Profitabilität", sagt er.

In Deutschland sorgt das Engagement des deutschen Automanagers für den neuen Konkurrenten aus China für Unmut. Mit Audi befindet sich Qoros immer noch im Rechtsstreit um Markenrechte, derzeit klagen die Ingolstädter gegen die Bezeichnung der Stufenhecklimousine Qoros 3 Sedan. Zuvor hatten sie schon erfolgreich gegen den ursprünglichen Modellnamen GQ3 geklagt. Die Verwechslungsgefahr mit den eigenen Modellen sei zu hoch, so die Begründung.

Ex-VW-Manager wollte mehr als nur noch Golf spielen

Wegen seines Engagements für Qoros soll Steinwascher auf dem Autosalon in Genf sogar mit VW-Chef Martin Winterkorn aneinandergeraten sein. Kurzerhand habe man ihm sogar die vereinbarte Rente von knapp 9700 Euro im Monat gestrichen. Dabei schwingt ein wenig Wehmut mit. Er habe schließlich über 20 Jahre in den Diensten von Volkswagen gestanden.

Warum er seinem ehemaligen Arbeitgeber nun Konkurrenz macht? "Ich wollte nicht sieben Tage in der Woche Golf spielen", sagt Steinwascher. Hätte Volkswagen ihn nur nicht in Rente geschickt. Wahrscheinlich wäre den Wolfsburgern dann ein künftiger Konkurrent erspart geblieben.

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