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Millionengeschäfte: Uli Hoeneß, der Zocker

Millionengeschäfte  

Hoeneß, der Zocker

13.03.2014, 21:33 Uhr | Von J. Hackhausen und S. Zinnecker, Handelsblatt

Millionengeschäfte: Uli Hoeneß, der Zocker. Die Volumina, mit den Bayern-Präsident Uli Hoeneß spekulierte, überraschen selbst Börsenprofis (Quelle: dpa)

Die Volumina, mit den Bayern-Präsident Uli Hoeneß spekulierte, überraschen selbst Börsenprofis (Quelle: dpa)

Das Gericht hat Uli Hoeneß verurteilt. Doch auch nach Ende des Prozesses bleiben Fragen offen. Wie konnte der Bayern-Boss so viel spekulieren, mit so gigantischen Summen? Selbst Profi-Trader finden das unglaublich.

Das Landgericht München II hat sein Urteil über Uli Hoeneß gefällt: Der Bayern-Boss wurde am Donnerstag zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Gericht stufte seine Selbstanzeige als ungültig ein und befand ihn der Steuerhinterziehung für schuldig. Mit seinem Urteil blieben die Richter zwei Jahre unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Doch mit dem Ende des Prozesses ist der Fall Hoeneß noch nicht abgeschlossen. Wichtige Fragen bleiben offen: Wie kann jemand, der eigentlich andere Dinge zu tun hat, so viel spekulieren? Wie kommt Hoeneß überhaupt zu so viel Geld?

Vor Gericht gab Hoeneß den reumütigen Sünder. Ja, er sei ein Zocker gewesen; einer, der den Überblick verloren habe. Und er gestand, dass ihm die Börsengeschäfte zeitweise so viel Geld brachten, dass sich daraus eine Steuerschuld von 27,2 Millionen Euro ergibt. "Es waren Summen, die für mich heute schwer zu begreifen sind", so Hoeneß.

"Sind Sie ein Zocker?" - "Nein, das bin ich nicht"

Die Erkenntnis kommt spät: Im Oktober 2011 gab Hoeneß dem Handelsblatt ein Interview. Die erste Frage lautete: "Herr Hoeneß, sind Sie ein Zocker?" – "Nein, das bin ich nicht." Er sei nie ein Daytrader gewesen, schob er hinterher. "Kurz rein und schnell wieder raus – das entspricht nicht meiner Überzeugung." Dass der Bayern-Boss seit Jahren mit gigantischen Beträgen an der Börse spekulierte, dass er die Gewinne daraus nicht versteuerte, ahnte damals niemand.

Auf den Konten in der Schweiz sollen sich zeitweise mehr als 150 Millionen Euro angesammelt haben, erklärte die Steuerfahnderin aus Rosenheim, die in dem Prozess als Zeugin aussagte. In den Jahren zwischen 2003 und 2009 soll Hoeneß rund 50.000 Transaktionen in Auftrag gegeben haben, die meisten wohl telefonisch im Gespräch einem Investmentbanker der Schweizer Bank Vontobel. Das sind im Schnitt 20 Transaktionen am Tag – und dabei ist nicht einmal berücksichtigt, dass die meisten Börsenplätze an Sonn- und Feiertagen geschlossen sind. An manchen Tagen soll Hoeneß sogar bis zu 300 Kauf- und Verkaufsaufträge erteilt haben.

Selbst Profis sind von dem Ausmaß der Geschäfte überrascht: "300 Orders am Tag?", wundert sich ein Investmentbanker aus Frankfurt, der anonym bleiben will. "Das ist dann ein Fulltime-Job."

So viele Orders über Telefon - unmöglich

"Ich finde das sehr ungewöhnlich", sagt auch Markus Strauch, der als professioneller Trader für ICM Liechtenstein und Wikifolio handelt. "Ich mache zehn bis 15 Trades am Tag – und dann nichts anderes." Dabei müsse er ständig den Markt im Auge behalten, schnell reagieren, Limits setzten, kaufen und verkaufen. "Für mich wäre es unmöglich, das über das Telefon zu erledigen", sagt Strauch.

Angefangen habe Hoeneß mit "kleineren" Summen von 50.000 Dollar. Nach und nach sei das Volumen größer geworden. Als die Dotcom-Blase im Jahr 2000/2001 platzte, machte Hoeneß große Verluste – und machte danach genauso weiter. Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus lieh ihm damals fünf Millionen D-Mark. "So kamen die Millionen auf das Konto, es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes", erklärte Hoeneß später in einem Interview mit der Zeit. Das Geld habe er aber zurückgezahlt.

130 Millionen Gewinne in drei Jahren

Als es an der Börse wieder besser lief, machte Hoeneß die meisten Gewinne: zwischen 2003 und 2005 sollen es knapp 130 Millionen Euro gewesen sein, davon allein 86 Millionen Euro im Jahr 2005. Die Finanzkrise erwischte Hoeneß schwer: Er häufte im Jahr 2008 Verluste in Höhe von 71 Millionen Euro an. An nur einem einzigen Tag soll er 18 Millionen Euro verzockt haben. Am Ende seien alle Gewinne weg gewesen und ein Verlust in Millionenhöhe übrig geblieben, sagt Hoeneß in seinem Geständnis.

Profi-Trader Markus Strauch bescheinigt Hoeneß anfangs "eine gute Leistung". Allerdings sehe es danach aus, als habe der Manager die Kontrolle verloren. "Das ist eine typische Krankheit unter Tradern: Am Anfang läuft es gut, dann will man immer mehr und schließlich verliert man jegliche Grenzen." Der Fachbegriff in der Szene dafür lautet "Overtrading", man könnte auch sagen: Börsensucht. "Es gibt Trader, die leben nur noch in ihrer eigenen Welt", sagt Strauch.

Ein erfolgreicher Trader versucht, seine Emotionen so gut es geht auszuschalten. Das scheint Hoeneß nicht gelungen zu sein. Die anfänglichen Gewinne führten eher zu Selbstüberschätzung – und zu hektischem Aktionismus. Er habe Tag und Nacht mit seiner Bank telefoniert, erklärte Hoeneß. Unterwegs hatte er einen Pager dabei, um Kurse zu kontrollieren, was er nach eigenem Bekunden auch tat, während er Stadion Spiele des FC Bayern verfolgte.

Am Devisen-Markt lassen sich schnell Vermögen bewegen

Dass der Bayern-Manager vor allem mit Währungen zockte, ist kein Zufall. Auf dem Devisenmarkt werden jeden Tag rund fünf Billionen Dollar gehandelt. An keinem anderen Markt finden Käufer und Verkäufer so schnell zusammen. Gehandelt wird im Sekundentakt, rund um die Uhr, rund um den Globus. Schon mit kleineren Beträgen lässt sich ein großes Rad drehen, wenn der Hebel nur groß genug ist, zum Beispiel 100 zu eins. Das heißt: Schon mit einem Einsatz von 10.000 Euro lässt sich eine Summe von einer Million Euro bewegen.

Allerdings haben kleinste Abweichungen dann große Wirkung. Selbst wenn sich bei Euro und Dollar nur die Stelle hinter dem Komma ändert, kann das bei entsprechendem Einsatz einen Millionenverlust bedeuten. Ein Beispiel: Wenn der Kurs bei einem Hebel von 100 zu eins um ein Prozent im Wert steigt, erzielt der Anleger einen Gewinn von 100 Prozent, er verdoppelt seinen Einsatz. Fällt der Kurs allerdings um ein Prozent, ist der gesamte Einsatz weg.

Trotzdem fällt es Experten schwer, die Summen zu begreifen, mit denen Hoeneß gehandelt haben soll. "Am Tag bewegt sich der Kurs vielleicht mal um ein oder zwei Prozent. Wenn Hoeneß an einem Tag 18 Millionen Euro verzockt hat, dann müsste der Hebel ja enorm gewesen sein", sagt der Investmentbanker aus Frankfurt. "Das muss eigentlich in mehreren Trades – auch untertags – erfolgt sein." Kleinere Order seien sowieso besser. "Wer 20 Millionen in Euro-Dollar investiert, bewegt den Kurs nicht", so der Insider. "Dann stellt die abwickelnde Bank bessere Kaufkurse."  

Dem "normalen" Privatanleger wird von so riskanten Geschäften in der Regel abgeraten. Doch Hoeneß war kein ganz normaler Bankkunde. Hoeneß wurde vom ehemaligen Leiter des Devisenhandels bei Vontobel betreut. Eine Beratung leistete die Bank nach bisherigen Erkenntnissen nicht, sie führte die Orders nur aus – und verdiente jahrelang gut an ihrem prominenten Kunden.

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