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Russische Wirtschaft befindet sich auch ohne Krim schon in der Krise

Russische Wirtschaft  

Auch ohne Krim schon in der Krise

28.03.2014, 08:05 Uhr | Spiegel Online

Russische Wirtschaft befindet sich auch ohne Krim schon in der Krise. Ein alter Mann vor einem Lenin-Porträt im russischen Stawropol im Nordkaukasus (Quelle: AFP)

Ein alter Mann vor einem Lenin-Porträt im russischen Stawropol im Nordkaukasus (Quelle: AFP)

Das Kapital flüchtet, der Rubel bricht ein und es droht eine Rezession: Russlands Wirtschaft driftet allmählich Richtung Abgrund. Doch die Probleme sind nur zu einem kleinen Teil Folge der Krim-Krise. Viel schwerer wiegt, dass der Kreml seinen Modernisierungskurs aufgegeben hat.

Immerhin, für Siemens scheint die russische Welt noch in Ordnung zu sein. Konzern-Chef Joe Kaeser ist nach Moskau gereist, er hat Wladimir Putin getroffen. Der Präsident empfing ihn in Nowo-Ogarjowo, seiner Residenz vor den Toren von Moskau. Kaeser sprach von der "160-jährigen Tradition", die das Unternehmen mit Russland verbinde.

Allein 2,5 Milliarden Euro lässt sich der russische Staat 700 Siemens-Lokomotiven kosten, Siemens-Schnellzüge verkehren zwischen Moskau und Sankt Petersburg, Siemens-Regionalbahnen in der Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer.

Kunde ist politisch schwierig, aber zahlungskräftig - noch

Siemens werde auch weiter in Russland investieren und "Ihr Land industrialisieren", versprach Kaeser Putin. Mit Blick auf die internationalen Spannungen in der Krim-Krise wählte Kaeser seine Worte mit besonderem Bedacht: Es sei immer besser, "bei Herausforderungen miteinander und nicht übereinander" zu sprechen - was man halt so sagt, bei Gesprächen mit einem politisch schwierigen Kunden, der aber eben auch sehr zahlungskräftig ist. Bislang zumindest.

Für die Wirtschaftsstrategen des Kreml war die Siemens-Visite die erste erfreuliche Nachricht nach Wochen voller Hiobsbotschaften: Am Mittwoch warnte die Weltbank vor einer schweren Rezession im Riesenreich, die Wirtschaft werde um 1,8 Prozent schrumpfen. Die Investitionen gehen zurück, das Kapital flieht ins Ausland, der Rubel stürzt ab, die Börse sowieso.

Alles deutet darauf hin, dass Russlands Wirtschaft auf eine tiefe Krise zusteuert. Die Ursache ist allerdings nicht in erster Linie der Konflikt in der Ukraine, auch wenn die westlichen Sanktionsdrohungen die Strukturprobleme der russischen Wirtschaft verschärfen.

Die Kapitalflucht: Russlands alltägliche Katastrophe

Vize-Außenminister Andrej Klepatsch schlug am Montag in Moskau Alarm: Er erwarte, dass allein im ersten Quartal des laufenden Jahres 70 Milliarden Dollar Kapital aus Russland abgeflossen seien. Zum Vergleich: Innerhalb von 90 Tagen hat damit mehr Geld Russland verlassen, als binnen sieben Jahren für die Winterolympiade in Sotschi ausgegeben wurden, für die teuersten Spiele der Geschichte. Im gesamten Jahr 2013 lag das Kapitalflucht-Volumen dagegen bei 62,7 Milliarden Dollar. Die außer Landes geschafften Milliarden fehlen für Investitionen, etwa in neue Fabriken.

Droht Russlands Wirtschaft wegen der Spannungen mit dem Westen also auszubluten? Die Antwort ist Jein. Einerseits hat sich das Tempo der Kapitalflucht deutlich erhöht, seit Putins Soldaten die Macht auf der Krim Anfang März übernommen haben. Andererseits lag die Kapitalflucht auch schon im Januar und Februar mit 32 Milliarden Dollar deutlich über den Werten des Vorjahreszeitraums.

Hinzu kommt: Russland hat in den vergangenen Jahren gelernt, mit massiven Kapital-Verlusten zu leben. "Zwischen 2008 und Ende 2013 lag das Gesamtvolumen der Kapitalflucht bei 420 Milliarden Dollar", sagt der britische Ökonom Chris Weafer. Der massive Kapitalfluss hat Russlands Entwicklung zwar gebremst, abgestürzt ist die Wirtschaft aber dennoch nicht.

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Öl und Gas, die Pfeiler von Putins Wirtschaft

Trotz Kapitalflucht und Druck aus dem Westen hält Wladislaw Inosemzew - ebenfalls Ökonom und einer der schärfsten Kritiker von Putins Wirtschaftspolitik - Russlands Wirtschaft für "ziemlich robust". Das liegt vor allem an den weiterhin hohen Weltmarkt-Preisen für Öl und Gas.

Selbst im Falle harter Wirtschaftssanktionen werde Putin wohl "ein bis zwei Jahre in der Lage sein, einen Abfall des Lebensstandards zu verhindern", glaubt Inosemzew. "Die Bürger werden lange keine großen Probleme spüren, es wird keine Proteste geben." Der Kreml hat zwar die Staatsausgaben über Jahre immer weiter ausgedehnt. Inzwischen ist er auf Ölpreise von über 100 Dollar angewiesen. Nur: Mit einem Verfall des Ölpreises rechnet momentan niemand.

Der Verfall des Rubel: Putins As im Ärmel?

Russlands Währung war nach dem Ausbruch der Krim-Krise so wenig wert wie nie zuvor, zwischenzeitlich lag der Kurs bei 51 Rubeln für einen Euro, vor einem Jahr waren es noch 40 Rubel. Der Währungsverfall hat allerdings wenig mit den Turbulenzen in der Ukraine zu tun. Der Rubel hatte bereits im zweiten Halbjahr 2013 zwölf Prozent gegenüber dem Euro verloren und dann noch einmal neun Prozent im Januar.

Theoretisch könnte die schwache Währung Russlands Wirtschaft sogar helfen: "Der hohe Ölpreis und der schwache Rubel führen dazu, dass der Staatshaushalt ausgeglichen sein wird", sagt Weafer. Der schwache Rubel hilft Putin, vor der Wahl 2012 versprochene Wohltaten umzusetzen, weil Moskau Öl für Dollar verkauft, Renten und Beamtengehälter aber in Rubel bezahlt.

Die Investitionen: Russlands Achilles-Verse

Viele Konzerne wie Siemens machen in Russland exzellente Geschäfte, viele investieren auch. Insgesamt aber sind die Investitionen schon seit 2013 rückläufig, ein Trend, der sich durch den Konfrontationskurs mit dem Westen aber noch verstärken könnte.

Russland hat in den vergangenen Jahren zu wenig getan, um unabhängiger zu werden von Öl und Gas. Die Geschäftswelt wird dominiert von großen Staatskonzernen. Abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Autobranche sind große Investitionen in Russland nur für wenige attraktiv. Die Goldgräber-Stimmung ist vorbei, stattdessen überwiegt auch bei Vertretern deutscher Firmen in Moskau Skepsis, ob Putin das Ruder noch herum reißen kann - oder will.

"Von Modernisierung spricht in Russland niemand mehr", sagt Ökonom Inosemzew. "Und das liegt nicht am Westen oder Sanktionen, sondern daran, dass sich der Kreml gegen den Modernisierungskurs entschieden hat."

Das Ergebnis: Stagnation

Obwohl die Wirtschaft in Europa wieder anzog, wandelte Russland in den letzten Monaten des Jahres 2013 am Rande einer Rezession: Erwartet wurden 3,5 Prozent Wachstum, es wurden aber nur 1,3 Prozent, in den letzten Monaten des Jahres schrumpfte die Wirtschaft sogar.

Mindestens drei Prozent Wachstum wollte Russlands Wirtschaftsministerium 2014 erreichen, aber daraus wird nichts werden. Russlands ehemaliger Finanzminister Alexej Kudrin hat schon "das schlimmste Jahr seit 2000" vorhergesagt. Und diese Prognose stammt aus dem Dezember, lange vor Ausbruch der Krim-Krise.

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