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Deutsche Bank veranstaltet Geheimkonferenz zu Nahrungsmittel-Spekulationen

Nahrungsmittelspekulationen  

Fitschen lädt zur Debatte hinter verschlossenen Türen

10.04.2014, 10:38 Uhr | Spiegel Online

Deutsche Bank veranstaltet Geheimkonferenz zu Nahrungsmittel-Spekulationen. Die Deutsche Bank will vertraulich über Agrarspekulationen diskutieren (Quelle: imago/ Caro)

Deutsche Bank Zentrale in Frankfurt (Quelle: imago/ Caro)

Kritiker und Befürworter von Finanzderivaten auf Lebensmittel stehen sich unversöhnlich gegenüber. Jetzt hat Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen Spekulationsgegner und Finanzakteure zu einer nichtöffentlichen Debatte eingeladen.

Treiben Spekulanten die Preise für Weizen, Mais und Reis und sind sie deshalb mitverantwortlich für den Hunger auf der Welt? Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch oder Oxfam bejahen diese Frage. Jene, die am Verkauf von Finanzprodukten verdienen, halten das für unbewiesene Behauptungen ohne Grundlage. Beide Seiten legen seit Jahren Studien vor, die die jeweilige Sicht beweisen sollen. Jetzt versucht die Deutsche Bank offenbar, die Debatte mit einem Gesprächsangebot zu entschärfen.

Drei Dutzend Beteiligte lädt Co-Chef Jürgen Fitschen nach "Spiegel-Online"-Informationen am kommenden Mittwoch an den Finanzplatz Frankfurt ein. Titel der Veranstaltung, in der "konzentriert und sachorientiert" diskutiert werden soll: "Preisentwicklung bei Agrarrohstoffen - Wer ist wie in der Verantwortung?" Die Konferenz ist ebenso geheim wie die Teilnehmerliste - ein Sprecher bestätigt lediglich, dass die Deutsche Bank "einen kleinen Expertenkreis zu einem Meinungsaustausch" eingeladen hat.

Manche der eingeladenen Kritiker stören sich aber bereits jetzt an den von der Deutschen Bank festgelegten Vertraulichkeitsregeln: Es soll zwar einen offenen Austausch geben, allerdings unter der sogenannten Chatham House Rule. Das bedeutet: Die Teilnehmer dürfen nach der Veranstaltung zwar über die Inhalte sprechen, nicht aber offenlegen, wer was gesagt hat, und eigentlich müssen sie auch verschweigen, wer anwesend war.

Kritiker der Agrarspekulationen fordern dagegen seit Jahren eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema. So wirft die Verbraucherorganisation Foodwatch der Deutschen Bank schon seit längerem vor, Ergebnisse der eigenen Forschungsabteilung DB Research zu verschweigen, die Hinweise darauf geben, dass Spekulationen an den Finanzmärkten sehr wohl einen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise haben.

Deutsche-Bank-Forscher sehen Einfluss von Spekulanten

So verweist Foodwatch auf eine Studie aus dem Jahr 2009, in der die Deutsche-Bank-Wissenschaftler schreiben, dass Spekulanten nachweislich den Ölpreis beeinflussen. Die Erkenntnis: Wenn Investoren auf den Terminmärkten auf einen steigenden Ölpreis wetten, kann dieser tatsächlich steigen. Zwar lässt sich das nicht ohne weiteres auf Agrarrohstoffe übertragen, allerdings führt Foodwatch noch eine weitere Studie von DB Research aus dem Jahr 2011 auf, in der die Forscher den Einfluss des Ölpreises auf Lebensmittelpreise untersucht haben. Dort heißt es: "Höhere Ölpreise tragen tendenziell zu höheren Lebensmittelpreisen bei, indem sie Input- und Produktionskosten erhöhen und die Nachfrage nach Biotreibstoff steigt."

Zwar reichen die beiden Studien als Beleg für einen direkten Einfluss von Spekulanten auf Lebensmittelpreise nicht aus, Foodwatch aber verweist auf mehrere ähnliche Untersuchungen der Deutschen Bank, die diese in der öffentlichen Diskussion mehr oder minder verschweige. Thilo Bode, Geschäftsführer der Organisation erneuert deshalb seine scharfe Kritik an dem Konzern: "Trotz wichtiger wissenschaftlicher Hinweise und Belegen aus der Praxis nehmen Anshu Jain und Jürgen Fitschen den Hungertod von Menschen billigend in Kauf."

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Die Deutsche Bank weist solche Anschuldigungen als unhaltbar zurück, man habe keinen Nachweis gefunden, dass Spekulation für die Preisentwicklung von Agrarrohstoffen verantwortlich sei. Investoren seien im Gegenteil nützlich, sagte Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen im vergangenen Jahr, denn der Hunger könne nur abgestellt werden, wenn es gelinge, Kapital auf intelligente Weise in diese Bereiche zu lenken. Zur aktuellen Kritik an der geplanten Konferenz wollte sich die Bank nicht äußern.

Oxfam hofft auf mehr Transparenz

Auch die Organisation Oxfam kritisiert die Vertraulichkeit: "Wir bedauern es, dass die Deutsche Bank ein Gespräch nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen will", sagt der Handelsexperte der Organisation, David Hachfeld. Seine Hoffnung, dass die Deutsche Bank offenlegt, in welcher Form und in welchem Umfang sie an Geschäften mit Agrarrohstoffen und Derivaten beteiligt ist, wird vermutlich enttäuscht werden.

Viele Beteiligte fragen sich, welche Sinn es hat, die Argumente, die seit Jahren in der Öffentlichkeit sind, erneut auszutauschen. Die Allianz, seit Jahren Lieblingsgegner von Oxfam, hält es immerhin für richtig, dass die NGOs das Thema Hunger immer wieder ansprechen. "Es ist nicht ganz fair, dass immer die Finanzindustrie angeklagt wird, aber es ist verständlich", sagt Allianz-SE-Sprecher Nicolai Tewes.

Vielleicht stellen Kritiker und Profiteure der Agrarinvestitionen bei ihrer achtstündigen Klausur in Frankfurt am Main einfach erneut fest, dass sie sich einfach nicht verstehen, schließlich haben beide Seiten gute Belege für ihre jeweiligen Argumente. Aber Tewes hat trotzdem eine Hoffnung: "Die Konferenz könnte dann wirklich erfolgreich sein, wenn wir uns gemeinsam hinsetzen und nach Lösungen für den Hunger in der Welt suchen. Vielleicht können auch Banken und Versicherungen mit sinnvollen Finanzinstrumenten einen Teil dazu beitragen."

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